1968
The Mothers of Invention

Who Needs the Peace Corps

WHO NEEDS THE PEACE CORPS ist der eigentliche Eröffnungstrack auf dem dritten Album der Mothers of Invention, We Are Only in It for the Money. Der erste Track, „Are You Hung up?“, ist ein kurzes Stück Spoken-Word-Performance mit der irritierten Stimme von Eric Clapton, die wiederholt fragt: „Are you hung up?“. Das Album wurde am 4. März 1968 auf dem Label Verve im Vertrieb von MGM veröffentlicht. Der Song und das Album sind ironische Kommentare zur weltweiten Hippie-Bewegung und, ähnlich wie das parodierte Beatles-Album selbst, Ausdruck der Identitätssuche.

 

I. Entstehungsgeschichte

Neben den zahlreichen Bezügen zu Sgt. Pepperʼs Lonely Hearts Club Band von den Beatles kann das Album als Kritik am Ausverkauf der Hippie-Bewegung an der Westküste der USA Ende der 1960er-Jahre sowie als Reflex auf die Rivalität zwischen San Francisco und L.A. gehört werden. L.A. wollte Zappa als authentische Heimat der Freaks, San Francisco hingegen als Ort der kulturindustriellen Verwertungstotalität unter dem Markenzeichen ‚Flower-Power‘ verstanden wissen. WHO NEEDS THE PEACE CORPS und das Schwesterstück „Flower Punk“ bilden den Kern dieser Kritik auf dem Album.

Die LP wurde vom 14. März 1967 bis zum9. August 1967 mit Frank Zappa als hauptverantwortlichem Produzenten, flankiert vom Produzenten der bisherigen Mothers-Alben, Tom Wilson, aufgenommen. Die Band hatte inzwischen so etwas wie eine klassische Besetzung erreicht. Mit Ian Underwood hatten die Mothers neben Don Preston einen weiteren exzellenten Keyboarder und Multiinstrumentalisten gewonnen. Zappas alter Schulfreund und Coverband-Kollege, der zeitweilige Roadie der Band, Jim „Motorhead“ Sherwood, war als zweiter Saxophonist neben dem vielseitigen Holzbläser Bunk Gardner Vollmitglied der Band geworden. Sänger Ray Collins hatte einstweilen die Band verlassen. Mit einigen illustren Gästen in kleineren Nebenrollen, wie dem erwähnten Eric Clapton als Sprecher, war die Band ein überaus leistungsfähiges Instrument in den Händen des Komponisten und Produzenten Frank Zappa geworden.

 

II. Kontext

Mit Peace Corps ist wahrscheinlich nicht jene Regierungsorganisation in den USA gemeint, welche junge Leute als Entwicklungshelfer in Länder der entwickelnden Welt entsandte, was diese davor bewahren konnte – namentlich in Zeiten des Krieges – zum Wehrdienst eingezogen zu werden, sondern eher eine Chiffre für die Hippie-Bewegung.

Der Schlachtruf „Go to San Francisco“ in WHO NEEDS THE PEACE CORPS persifliert, wie der ganze Text, den Millionen-Seller „San Francisco (Be Sure to Wear Flowers in Your Hair)“, den Scott McKenzie in seiner Interpretation zu einer Hymne der Hippie-Bewegung gemacht hatte. Der Song war im Mai 1967 von John Phillips geschrieben und gemeinsam mit Lou Adler produziert und veröffentlicht worden, um das von ihnen organisierte Monterey International Pop Festival im Juni des Jahres zu promoten. Offensichtlicher konnte der Zusammenhang von Kunst, Lifestyle und Kommerz kaum aufscheinen.

 

III. Analyse

WHO NEEDS THE PEACE CORPS ist eine rhythmisch gradlinige Rocknummer mit aparten instrumentalen Kontrapunkten und Einwürfen.

Der Song besingt mit erheblichem Drive wie eine authentische Jugendkultur mit vergleichbarem Drive sich in eine Palette gut verkäuflicher Produkte verwandelt. Am Anfang steht eine existentielle Sinnfrage „Whatʼs there to live for?“ Die folgenden Antworten sind im Wesentlichen Konsumentscheidungen: aussteigen, den Drogen-Guru aufsuchen, im Perückenladen vorbeischauen (um sofort lange Haare zu haben), in den angesagtesten Club gehen und, leicht beschämt, weil benebelt, wieder heimfahren. Jugendkultur gestaltet sich hier analog zu einem kostspieligen Wochenende in Disneyland. Dementsprechend verkündet der Chorus: „Every town must have a place where phony hippies meet / Psychedelic dungeons popping up on every street / Go to San Francisco.“ Die Hookline ist in opernhaftem Pathos gesungen, bevor die Bridge eine zungenbrecherische, an Varieté gemahnende Liebeserklärung an San Francisco gibt.

In einem Zwischenspiel erläutert uns Frank Zappa, was einen rechten Hippie in San Francisco ausmacht: Man nehme ein paar Perlen, trage ein Lederband um die Stirn, einige Federn und Glöckchen und ein Buch, das Weisheiten aus indigenen Kulturen enthält. Weiter lässt uns der Ich-Erzähler wissen, dass er bei der Handelskammer nachfragen werde, wie man zur Haight Street komme, um dort viel Hasch zu rauchen. Dann werde er barfuß mit einem psychedelischen Leuchten in den Augen herumwandern, alle lieben, auch die Polizei, selbst wenn diese ihn verprügele. Er werde in das Haus einer Rockband gehen, denn diese wohnten alle zusammen, sich dieser als ihr Road-Manager anschließen und sich eine Geschlechtskrankheit einfangen, aber das sei ihm egal. Nach dem gesprochenen Teil hat der Song kein herkömmliches Ende, sondern er wird gleichsam vom Plattenteller geschubst. Man hört das Kratzgeräusch der Nadel über die Rillen, und attacca beginnt der folgende Titel „Concentration Moon“.

 

IV. Rezeption

Eine gewisse Kuriosität in Bezug auf die Rezeptionsgeschichte der Mothers of Invention ist es, dass das mit Spottgesängen belegte alternativkulturelle Milieu in erheblicher Weise zum kommerziellen Erfolg der Band beigetragen haben dürfte. Dieses Klientel verhalf dem Album zu Platz 30 in den Billboard-Charts, was für die Mothers ein Erfolg war. Mittelfristig war dem Stück das Schicksal aller tagesaktuellen Kritik beschieden. Mit dem allmählichen Verschwinden des Kritisierten – hier der Massen von Mode-Hippies – wurde der Text teilweise unverständlich. Das Stück wurde nur noch selten live gespielt; so ein letztes Mal auf Zappas 1988er-Tour, wo der Sprechteil über einem Reggae-Groove performt wurde, nachzuhören auf der Live-Platte The Best Band You Never Heard in Your Life.

1969 wurde der Song Teil des Soundtracks von Haskell Wexlers Film Medium Cool.

Für die CD-Veröffentlichung 1986 ließ Zappa, inzwischen auf eigenem Label, für We Are Only in It for the Money Arthur Barrow und Chad Wackerman Bass und Schlagzeug teilweise neu einspielen.

 

MATTHIAS TISCHER


Credits

Composition, vocals, guitars, keyboards: Frank Zappa
Tambourine: Ray Collins
Drums: Jimmy Carl Black
Drums: Billy Mundy
Bass, (falsetto) vocals: Roy Estrada
Keyboards: Don Preston
Keyboards, woodwinds: Ian Underwood
Producer: Frank Zappa
Co-producer: Tom Wilson
Label: Verve/MGM
Recording studio: TTG Studios, Mayfair Studios New York, Apostolic Studios New York
Published: 1968
Length: 2:34

Recordings

The Mothers of Invention: „Who Needs the Peace Corps“. On: We Are Only in It for the Money, 1968, Verve, V/6V-5045, USA (vinyl).
Frank Zappa: „The Old Masters, Box One“. 1985, 7 LP Box, Barking Pumpkin Records, BPR-7777, USA (vinyl).
The Mothers of Invention: „Who Needs the Peace Corps“. On: We are only in it for the Money, 2012, Zappa ZR 3837, USA (CD).

References

Carr, Paul (ed.): Frank Zappa and the And. New Perspectives on an Enduring Legacy. Farnham: Ashgate 2013.
Courrier, Kevin: Dangerous Kitchen: the Subversive World of Zappa. Toronto: ECW Press 2002.
Lowe, Kelly Fisher: The Words and Music of Frank Zappa. Westport, CT: Praeger 2007.
Miles, Barry: Zappa. A Biography. New York: Grove Press 2004.
Myers, Ben (ed.): Frank Zappa. Die frühen Jahre. Berlin: Bosworth Edition 2007.
Russo, Greg: Cosmik Debris. The Collected History and Improvisations of Frank Zappa. New York: Crossfire Publications 1998.
Slaven, Neil: Electric Don Quixote: the Story of Frank Zappa. London: Omnibus Press 1996.
Ulrich, Charles: The Big Note. A Guide to the Recordings of Frank Zappa. Vancouver: New Star Books 2018.
Watson, Ben: Frank Zappa: the Negative Dialectics of Poodle Play. New York: St. Martin’s Press 1994.
Wicke, Peter: Rock Music. Culture, Aesthetics, Sociology. Cambridge: Cambridge University Press 1990.
Zappa, Frank with Occhiogrosso, Peter: The Real Frank Zappa Book. New York: Poseidon Press 1989.

Films

Eat That Question. Frank Zappa in His Own Words. Director: Schütte, Thorsten. Sony Pictures Classics, 2016 (DVD/043396481306).
Zappa. Director: Winter, Alex. Magnolia Pictures, 2020 (DVD/MAG12345).

Links

http://www.zappa-analysis.com/freak-out.htm [05.12.2025].
https://fzpomd.net/links.html [05.12.2025].

About the Author

Matthias Tischer (Prof. Dr. habil.) teaches Esthetics and Communication with focus on Culture and Music at the University of Applied Sciences Neubrandenburg.
All contributions by Matthias Tischer

Citation

Matthias Tischer: “Who Needs the Peace Corps (The Mothers of Invention)”. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, https://www.songlexikon.de/songs/who-needs-the-peace-corps, 08/2026.

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