2000
Eminem

Stan

Mit STAN schrieb der US-Rapper Eminem 2000 einen narrativ dichten und außergewöhnlich erfolgreichen Song, in dem das Bild eines leidenschaftlichen Fans (“Stan”) gezeichnet wird, der an seiner Obsession zugrunde geht.

 

I. Entstehungsgeschichte

Der Instrumental-Part zu STAN stammt von dem Produzenten The 45 King. Dafür benutzte er eine kurze Passage aus dem Lied “Thank You” der damals noch recht unbekannten Sängerin Dido, das auch von ihr, unterstützt durch den Songwriter und Produzenten Paul Herman, geschrieben und produziert wurde sowie Teil des Soundtracks des Films Sliding Doors (1998) war. Neben dem instrumentalen Sample verwendete der Produzent auch den ersten Vers von “Thank You” als Refrain. Den so generierten Beat verschickte The 45 King an mehrere Künstler. Eminem war zwar nicht der erste, der ihn auswählte, doch der Produzent entschied sich für den damals aufstrebenden Rapper, der gerade mit seinem zweiten Album The Slim Shady LP einen großen kommerziellen Erfolg erzielt hatte.

Der Instrumental-Part wurde jedoch nicht eins zu eins übernommen, vielmehr wurden unter der Führung des ausführenden Produzenten Dr. Dre und des Koproduzenten Eminem alle Instrumente neu aufgenommen. So spielte Sean Cruise die Gitarre und Mike Elizondo den Bass ein. Die Aufnahmen und das Mixing entstanden in den Encore Studios, Larrabee Sound Studios und The Mix Room. Aufgenommen wurde Eminem von Richard Huredia, der zusammen mit dem Rapper auch für das Mixing verantwortlich zeichnete. Brian Gardner war anschließend für das Mastering zuständig. Erst nachdem der Song fertig produziert und aufgenommen worden war, erfuhr Dido von der Weiterverarbeitung ihres Liedes. In einem mit MTV geführten Interview äußert sie sich wie folgt: “I got this letter out of the blue one day. It said, ‘We like your album, we’ve used this track. Hope you don’t mind and hope you like it.’ When they sent it to me and I played it, I was like, ‘Wow! This track’s amazing.'” (Varhely 2000). STAN erschien im Mai 2000 auf Eminems dritten Studioalbum The Marshall Mathers LP, das zu einem der meistverkauften Hip-Hop-Alben aller Zeiten wurde. Als dritte Single wurde STAN im Oktober desselben Jahres mit einem über acht Minuten langem Video veröffentlicht, das die Geschichte des Songs aufgreift und detailliert verbildlicht. Devon Sawa verkörpert Stan, während Dido seine Freundin darstellt. Die Regie des Videos führten Eminems langjähriger Produzent und Weggefährte Dr. Dre sowie Philip Atwell, der bis 2005 bei nahezu allen Musikvideos des Rappers als Regisseur fungierte.

 

II. Kontext

Im Frühjahr 1999 feierte Eminem mit der Veröffentlichung seines zweiten Albums The Slim Shady LP seinen weltweiten Durchbruch. Bereits ein Jahr später schloss The Marshall Mathers LP nahtlos an den Erfolg seines Vorgängers an. Eminem wurde der erste weiße Rap-Superstar, der sich auch inhaltlich stark von anderen Rappern unterschied. So stilisierte er sich in seinen Texten weniger als “the cool guy”, sondern viel mehr als “the crazy guy”. Dafür nutzte Eminem vor allem sein überzeichnetes Alter Ego Slim Shady. Neben den Battle- und expliziten Horror-Lyrics gehörten auch Song-Stories wie STAN zum festen Repertoire des Detroiter Rappers. In “Brain Damage” nimmt Eminem die Sichtweise eines gemobbten Schülers ein, in den thematisch zusammengehörenden Songs “97 Bonnie and Clyde” und “Kim” tötet das lyrische Ich seine Freundin Kim (dies ist auch der echte Name von Eminems Exfrau), um seine Tochter für sich allein zu haben.

Die Rolle des unbeliebten Außenseiters (“White Trash”) auf der einen, die brutalen, detailliert erzählten und zugleich einnehmenden Lyrics auf der anderen Seite machten Eminem nicht nur zum Superstar, sondern auch zum Idol und seine Songs sowie Lebensgeschichte zur Projektionsfläche vieler Jugendlicher. Diese Identifikation der Fans bildet den thematischen Hintergrund zu STAN. In einem Interview mit MTV berichtete Eminem, dass er viele Briefe von Fans erhalte, die seine Songtexte zu wörtlich nähmen. STAN sei somit als eine Botschaft an seine Fans zu verstehen, die Songinhalte nicht unreflektiert auf ihre jeweils eigene Person und Lebenssituation zu übertragen. Zu der Figur Stan und seiner Rolle in dem Lied äußerte sich Eminem wie folgt: “He’s crazy for real, and he thinks I’m crazy, but I try to help him at the end of the song. It kinda shows the real side of me” (Hilburn 2000).

 

III. Analyse

Wie bereits erwähnt, ist die von der akustischen Gitarre gespielte Melodie ein Sample aus Didos “Thank You”, die im Gegensatz zum Original hier mehr im Hintergrund gehalten ist, wohingegen der E-Bass im Klangbild deutlich prägnanter ist. Die Gitarre spielt die Akkorde Em, C, D, G (mit Fis als Übergang zu Em), während der Bass die Noten E, A und D anschlägt. Das Schlagzeug besitzt einen einfachen Rhythmus mit der Kick auf 1.0, 1.3, 2.4, 3.0, 3.3, der Snare auf 2.0 und 4.0 und durchlaufenden Achteln auf den Hi-Hats. Diese Elemente werden den gesamten Song über geloopt, ändern sich also auch nicht im Übergang von Refrain und Strophe. Durch die Reduktion und Einfachheit des instrumentalen Arrangements und des langsamen Tempos von 81 bpm werden Eminems Stimme und seine Lyrics in den Vordergrund gestellt. Der Text ist durchgehend im Paarreim gehalten, jedoch baut der Rapper für ihn typische Binnenreime ein oder zieht den zweiten Reim eines Paars bis in die nächste Zeile. Eminems Flow ist passend zum Erzählten nah am Duktus der gesprochenen Sprache. Auch die Intensität des Vortrags richtet sich nach den Lyrics. So steigert sich Eminems Stimmeinsatz von freundschaftlich zu enttäuscht und schließlich zu aggressiv über die in der Song-Persona Stan vorgetragenen Strophen. Neben den Instrumenten und der Stimme Eminems ist über die gesamte Dauer des Songs ein starkes Gewitter zu hören, das die traurig-bedrückende Stimmung des Songs untermalt.

Die ersten drei Strophen sind aus der Sicht des fanatischen Fans Stan erzählt. Die ersten beiden sind dabei in Form eines Briefs, die dritte in der einer aufgenommenen Sprachnachricht gehalten. Die letzte Strophe ist der Antwortbrief Eminems auf die Briefe Stans. Der von Dido gesungene Refrain beschreibt aus Stans Sicht dessen Gefühle für Eminem und inwiefern er Stan hilft, mit seinem Leben zurechtzukommen. In Strophe 1 bzw. im ersten Brief (Stan berichtet von weiteren früheren Briefen) zeigt sich Stan als sehr großer Fan und Experte, da er sich nicht nur mit Eminems relativ unbekannter früher Diskografie auskennt, sondern auch den Namen seiner noch ungeborenen Tochter weiß. Stan möchte sie Bonnie nennen, da Eminem sich und seine Tochter Hailie als Bonnie und Clyde inszeniert (“97 Bonnie and Clyde”). Jedoch zeigt sich schon zu Beginn, dass Stan nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden kann, da er nicht Eminem persönlich anschreibt, sondern dessen verrücktes Alter Ego Slim Shady und diesen auch fortwährend anspricht. Auch die Erwähnung der unbekannten Geschichte um Eminems Jugendfreund Ronnie weißt auf Stans obsessive Haltung hin, die weit mehr Besessenheit erkennen lässt als bei einem üblichen Fan. Das Video zu STAN zeigt anschaulich den “room full of pictures” und die manische Seite Stans, die fortwährend zum Streit mit seiner Freundin führt.

In der zweiten Strophe bricht allmählich die Frustration über die einseitige Kommunikation hervor. Stan ist nicht nur enttäuscht über die ausbleibende Antwort Eminems, die er ihm bei einem Fan-Meeting versprochen hat, sondern auch über das abweisende Verhalten des Stars nach einem Konzert. Trotzdem hält Stan zu seinem Idol und glaubt ihm alles, was er in seinen Songs sagt, woraufhin er sich, wie von Slim Shady in einigen Songs beschrieben, absichtlich selbst verletzt. Stan fühlt sich durch einen ähnlichen familiären Background mit dem Rapper verbunden. Seine Gefühle gehen soweit, dass er sich die Worte Slim Shady auf die Brust tätowieren lässt und sich wünscht, mit Eminem zusammen zu sein. Mit dem letzten Satz der Strophe überklebt Stan die Häfte eines Paarfotos (jene, auf der seine Freundin zu sehen ist) mit einem Foto Eminems. Sie entdeckt dies, woraufhin es erneut zum Streit kommt. Die wachsende Frustration schlägt in der dritten Strophe in blanke Aggression um und der angetrunkene Stan macht Eminem für seinen bevorstehenden Suizid verantwortlich. Trotz seines alkoholisierten Zustandes nimmt Stan direkt Bezug auf einen Song von Eminem (“I drank a fifth of vodka, dare me to drive?” aus “My Name Is”) sowie auf Phil Collins’ “In the Air Tonight”. Stan benutzt letztgenannten Song als Metapher, da Collins einer Legende zufolge gesehen haben soll, wie ein Ertrinkender, der um Hilfe rief, nicht von einer beteiligten Person gerettet worden sei. Stan sieht sich als den Ertrinkenden und Eminem als denjenigen, der ihm ebenfalls die Hilfe verweigert. Dies ist eine Referenz auf Eminems Song “97 Bonnie and Clyde”. Darin tötet Eminem seine Freundin, packt sie in den Kofferraum und wirft ihre Leiche schließlich ins Wasser. Auf dem Höhepunkt von Stans Verwünschungen wechselt Eminem zu einer Reihe von Assonanzen, wodurch sich sowohl Inhalt als auch Form in diesem Moment dramatisch zuspitzen: “You ruined it now, I hope you can’t sleep and you dream about it / And when you dream I hope you can’t sleep and you scream about it / I hope your conscience eats at you and you can’t breathe without me”. Stans letzter Gedanke ist, dass er nicht daran gedacht hat, wie die Aufnahme zu Eminem gelangen soll. Dann stürzt sein Auto in den Fluss.

Im Videoclip bekommt Eminem in dieser Szene anschließend die Briefe Stans zugestellt. Er beantwortet die zwei ihm bekannten Briefe, während das versunkene Auto geborgen wird und die Beerdigungen stattfinden. Der Rapper nimmt Stellung zu verschiedenen Punkten wie der Schwangerschaft und dem Autogramm für den jüngeren Bruder, um dann eine Art Plädoyer zu halten, wie er seine Musik ausdrücklich verstanden haben will. Vieles sei erzählerische Fiktion und keinesfalls dazu bestimmt, seine Fans zu “crazy shit” zu inspirieren. Als Beispiel dafür nennt er den Mord und Suizid, den er vor kurzem über die TV-Nachrichten mitbekommen habe. Schlagartig wird Eminem bewusst, dass dies Stan war, der ihn – bildsprachlich passend – im selben Moment durch ein Fenster anzustarren scheint, während sich sein Gesicht bei einem grellen Blitz in der Scheibe spiegelt.

Der Song lässt sich als eindringliche Botschaft an Eminems Fans lesen. Wenn er in der vierten Strophe seine Worte an Stan richtet, sind damit auch seine realen Fans angesprochen, die Eminems Lyrics als real erlebt bewerten und nicht zwischen der Kunstfigur Slim Shady und der Person Marshall Mathers unterscheiden können: “I’m glad I inspire you but Stan / Why are you so mad? Try to understand that I do want you as a fan / I just don’t want you to do some crazy shit”. Weiter kann der Song aber auch als eine Selbstkritik oder ein Eingeständnis des Rap-Stars gelesen werden, denn schließlich konnte Stan die Fiktionalität und die ironische Brechung in Eminems Songs nicht erkennen. Ein selbstkritisches Eingeständnis ist STAN auch insoweit, als es dem Künstler naturgemäß verwehrt bleibt, die jeweiligen Rezeptionsweisen und Lesearten der Fans zu kontrollieren. Gleichwohl gibt Eminem mit dem Song eine gezielte Verständnishilfe seiner Texte, die nach seinem Durchbruch in den Pop-Mainstream und angesichts seiner ansonsten aggressiven und thematisch überzeichneten Lyrics vielleicht auch notwendig war.

STAN ist mit 6:44 Minuten (Video 8:11) überdurchschnittlich lang und basiert auf einer simplen, sich stetig wiederholenden Grundstruktur. Dennoch erzeugt der Songs niemals Monotonie, denn Eminems bildreiche Rap-Poesie sowie seine authentische Vortragsweise nehmen die Hörerschaft regelrecht gefangen. Selbst wenn man den Ausgang der Geschichte bereits kennt oder nicht alle textlichen Referenzen richtig zuordnen kann, behält STAN stets aufs Neue seine Eindringlichkeit und bedrückende Wirkung.

 

IV. Rezeption

STAN erreichte nicht nur Top-Platzierungen in den Charts mehrerer Länder, sondern wurde auch von der Presse sehr positiv aufgenommen. Besonders betont wurde Eminems herausragendes Talent, Geschichten zu erzählen, und viele sahen in STAN einen rap-historischen Meilenstein für diese Art von Songs. Auf dem 2013 erschienenen Nachfolge-Album zu The Marshall Mathers LP findet die Geschichte von Stan ihre Fortsetzung. In “Bad Guy” übt Stans jüngerer Bruder Matthew Rache und tötet sich und Eminem auf dieselbe Weise, wie auch Stan seine Freundin und sich selbst ermordet hat.

STAN schaffte es in zwei verschiedenen Versionen auf das Best-of-Album Curtain Call: The Hits aus dem Jahr 2005. Dort ist neben der Version mit Dido eine weitere Live-Fassung zu hören, in welcher der britische Popstar Elton John den Refrain singt und Eminem am Klavier begleitet. Diese Aufnahme stammt vom gemeinsamen Auftritt der beiden bei den Grammy Awards 2001. Da Eminem wiederholt der Vorwurf gemacht wurde, dass seine Lyrics explizit homophob seien, war der Auftritt mit dem homosexuellen Künstler Elton John für viele Fans und Kritiker eine Überraschung.

STAN taucht immer wieder in diversen Bestenlisten auf. So ist er beispielsweise als einziger Eminem-Song in den “500 Greatest Songs of All Time” des Rolling Stone (Platz 296) zu finden. Für Dido wurde STAN zum kommerziellen Türöffner. Erst durch ihre Kollaboration mit Eminem wurde sie zum Star und “Thank You” zum Hit. In der Hip-Hop-Kultur steht der Begriff “Stan” seither stellvertretend für einen obsessiven Fan.

 

MAXIMILIAN KESSEL


Credits

Text: M. Mathers, D. Armstrong, P. Herman
Produzent: The 45 King
Koproduzent: M. Mathers
Mixing: M. Mathers, Richard Huredia
Aufnahmen: Richard Huredia
Mastering: Brian Gardner
Bass: Mike Elizondo
Gitarre: Sean Cruise
Veröffentlicht bei Eight Mile Style (BMI)/Ensign Music Corporation (BMI)/WB Music Corporation (ASCAP) im Auftrag von Warner Chappell Music, Ltd. (PRS)/Champion Music U. K.
Länge: 6:44 Min.

Recordings

  • Eminem. “Stan”. On: Stan, 2000, Interscope Records, Aftermath Entertainment, 497 468-2, Europe (CD/Single).
  • Eminem. “Stan”. On: The Marshall Mathers LP, 2000, Interscope Records, Aftermath Entertainment, 069490629-2, US, (CD/Album).
  • Dido. “Thank You”. On: Thank You, 2000, Arista, ARPCD-3903, US, 2000 (CD/Single).

References

  • Varhely, Nikki: “Dido Discusses Her Appearance on Eminem’s ‘Stan'”. In: mtv.com, 06.06.2000. URL: http://www.mtv.com/news/1428065/dido-discusses-her-appearance-on-eminems-stan/ [22.05.2018].
  • “Eminem”. In: wikipedia.org. URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Eminem [22.05.2018].
  • “500 Greatest Songs of All Time”. In: rollingstone.com. URL: https://www.rollingstone.com/music/lists/the-500-greatest-songs-of-all-time-20110407/eminem-feat-dido-stan-20110526 [22.05.2018].
  • Hilburn, Robert: “Has He No Shame?”. In: Los Angeles Times, 14.05.2000. URL: http://articles.latimes.com/2000/may/14/entertainment/ca-29770/5 [22.05.2018].
  • “Stan (song)”. In: wikipedia.org. URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Stan_(song) [22.05.2018].

Links

  • Musikvideo zu STAN auf YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=aSLZFdqwh7E [14.12.2020].
  • MTV-Interview mit Eminem (Ausschnitt aus der Sendung Total Request Live): https://www.youtube.com/watch?v=c2R6yvdKPqA [14.12.2020].

About the Author

Analysis written in a course of Prof. Dr. Thomas Krettenauer at the University of Paderborn.
All contributions by Maximilian Kessel

Citation

Maximilian Kessel: “Stan (Eminem)”. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, http://www.songlexikon.de/songs/stan, 12/2020.

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