1989
Phil Collins

Another Day in Paradise

ANOTHER DAY IN PARADISE ist einer der kommerziell erfolgreichsten Songs in der Solokarriere des englischen Musikers Phil Collins. Sowohl lyrisch als auch musikalisch ist der Song als politisches Lied einzuordnen.

I. Entstehungsgeschichte

ANOTHER DAY IN PARADISE ist die erste Singleauskopplung aus Phil Collins viertem Soloalbum …But Seriously, das im November 1989 auf den Markt kam. Seinen eigenen Aussagen folgend, hat Collins den Song in musikalischer Eigenregie am Piano komponiert, nachdem er in den Straßen Washington DCs immer wieder obdachlose Menschen sah, die in Pappkartons lebten. In den Credits wird Collins als alleiniger Songschreiber geführt, die Produktion übernahm er gemeinsam mit Hugh Padgham, mit dem er bereits seinen Hit “In the Air Tonight” produziert hat. Als Backgroundsänger agierte der US-Musiker David Crosby, bekannt vor allem durch das Folkrock-Trio Crosby, Stills & Nash, die Gitarren wurden von Dominic Miller, der Bass von Leland Skar eingespielt.

II. Kontext

Phil Collins erlangte in den 1970ern zunächst Bekanntheit als Drummer der Progressive Rock-Band Genesis, deren Mitglieder durch eine Zeitungsannonce im Melody Maker auf ihn aufmerksam wurden und ihn verpflichteten. Nach dem Ausscheiden des damaligen Sängers Peter Gabriel im Jahr 1975 übernahm Collins die Rolle des singenden Frontmanns bei Genesis.

Im Jahr 1981 veröffentlichte er sein erstes Soloalbum Face Value, setzte seine musikalische Arbeit mit Genesis jedoch fort. Face Value war ein weltweiter kommerzieller Erfolg. Gleiches gilt für die erste Singleauskopplung, den bereits erwähnten Song “In the Air Tonight”. Sowohl der Track als auch das gesamte Album sind besonders von Collins emotionalen Erfahrungen infolge seiner ersten Scheidung geprägt (vgl. Larkin 2007). Nach Ansicht von Phil Collins sind Songs wie “In the Air Tonight” oder das im Jahr 1989 erschienene “Two Hearts” indes dafür verantwortlich, dass sein künstlerisches Image weniger positiv besetzt war, als er sich dies wünschte (vgl. Holden 1989: o. S.).

Mit dem 1989 erschienen vierten Soloalbum …But Seriously und darauf enthaltenen Tracks wie ANOTHER DAY IN PARADISE wollte Collins beweisen, dass er nicht nur ein kreativer Musiker ist, sondern auch über eine lyrisch-songpoetische Spannbreite verfügt. Die erste Singleauskopplung ANOTHER DAY IN PARADISE, die sich thematisch mit dem gesellschaftlichen Missstand der Armut und Obdachlosigkeit befasst, erreichte in zahlreichen Ländern Spitzenpositionen in den Hitlisten, unter anderem in den USA und Deutschland. Nicht minder erfolgreich war das Album …But Seriously.

III. Analyse

Das musikalische Gesamtkonzept von …But Seriously lässt sich als in sich stimmig und kohärent beschreiben. Denn in jedem der Stücke sind vor allem die perkussiven Instrumente sehr dominant, was sicherlich in engem Zusammenhang mit Phil Collins’ eigenem musikalischen Background steht. Dies lässt sich auch für ANOTHER DAY IN PARADISE konstatieren.

ANOTHER DAY IN PARADISE erklingt in F-Moll sowie in einem 4/4-Takt. Das Intro des Songs ist zunächst stark reduziert: Atmosphärische Sounds gehen fließend in einen elektronischen Flute-Sound über, der wiederum ein dynamisches Crescendo aufweist. Das so entstehende Gefühl der Steigerung wird sukzessive weiter durch einen langsamen, aber stetigen Anstieg der Tonhöhe dieses Sounds verstärkt. Währenddessen setzt, eingeleitet durch ein kurzes Zwischenspiel einer akustischen Gitarre, der Beat ein. Dieser wird gebildet durch Viertelschläge einer elektronischen Tom auf 2 und 4. Durch eine zusätzliche Belegung dieses Drumsounds mit einem Halleffekt wird ein großer klanglicher Raum geschaffen. Dadurch und durch die zuvor genannten Aspekte wird hier bereits der Grundstein für einen die breiten Massen aktivierenden Charakter gelegt.

Unterstützt wird dieser im Folgenden durch eine höchst eingängige melodische Phrase, gespielt mit einem orgelartigen Keyboardsound. Diese simple zwei- bzw. viertaktige Tonfolge (as – as – b – as – g – f – es – f) ist die melodische Hookline des Stückes, die geprägt ist von diatonischer Kleinschrittigkeit und Motivwiederholungen. Dadurch wird die Einprägsamkeit und auch die Möglichkeit des Mitsingens erleichtert, was für ein politisches Lied essentiell ist (vgl. Wicke/Ziegenrücker 2007: 538).

Mit Beginn der Strophe treten dann alle Instrumente zugunsten der Vokalstimme deutlich in den Hintergrund. Der Gesang selbst ist einstimmig und lediglich leicht mit Hall belegt. Der vorherige Begleitrhythmus läuft kontinuierlich weiter, wird jedoch nun von einem elektronischen Drum-Sound übernommen. Zudem ergänzt der Bass nun die Viertelpausen durch eine Viertelnote auf der 1 und zwei Achtelnoten auf der 3, wodurch ein Komplementärrhythmus entsteht. Eine leise abgemischte Bass Drum vervollständigt diesen. Auch in der Strophe kommen Gitarren-Fills zum Einsatz, diese werden hier jedoch von einer E-Gitarre übernommen, die recht laut abgemischt ist. Dezente Synthesizer schaffen während der gesamten Strophe Klangflächen und stabilisieren die stereotype 4-taktige Akkordfolge Tonika Fm7 (Tonika) | Es (Dominantparallele) Bm7 (Subdominante) | Fm7 (Tonika) | Es (Dominantparallele).

Der Refrain beginnt unmittelbar in vokaler Mehrstimmigkeit, wobei die zweite Stimme von David Crosby übernommen wird. Auffällig ist, dass diese zweite Stimme produktionstechnisch zwar relativ laut abgemischt ist, sich jedoch durch eine ähnliche Klangfarbe nicht allzu sehr von der Leadstimme abhebt. Die Instrumentierung des Refrains ist beinahe unverändert im Vergleich zur Strophe, harmonisch kommt es jedoch zu einer leichten Veränderung durch die neue Begleitung, vor allem durch den Bordun: Fm | Es/F | Des/F | Es/ F. Erst mit dem Ende des Chorus und dem Wiedereinsetzen der markanten Synthesizer-Melodie kommt es zu einer deutlicheren Veränderung im Bereich der klanglichen Ausgestaltung. Dabei werden einige Motive des Intros erneut aufgegriffen, um anschließend zur zweiten Strophe überzuleiten.

Nach der zweiten Strophe und einem erneuten Refrain folgt der C-Teil (Bridge) des Stückes. Dieser unterscheidet sich nicht nur harmonisch, durch erstmalige Verwendung der Tonikaparallele As-Dur als Begleitakkord, vom Rest des Stückes. Zum ersten Mal übernehmen außerdem die E-Gitarren nicht mehr nur füllende Funktion, sondern verleihen dem Songteil durch pulsierend gespielte Achtelnoten mehr Dynamik und Ausdruckskraft, obwohl hier wieder auf Beats des Intros, mit simplen Schlägen auf 2 und 4, zurückgegriffen wird.

Das insgesamt 5:22 Minuten lange Stück wechselt anschließend in eine erneute Strophe und endet nach einem weiteren Refrain in einem Fadeout.

Textinhaltlich geht es in ANOTHER DAY IN PARADISE um Armut, Hunger und Obdachlosigkeit sowie allgemein um soziale Missstände, die zur Entstehungszeit des Songs einen wichtigen Teil des öffentlichen Diskurses darstellten, war doch die Zahl an Obdachlosen in den USA und in anderen Staaten seit den 1980er Jahren beträchtlich angestiegen.

Die Strophen erzählen in plakativen Bildern aus der Perspektive eines Beobachtenden von der Begegnung einer offensichtlich obdachlosen Frau und eines vorbeilaufenden männlichen Passanten. Die Frau, deutlich gezeichnet von ihrem Leben auf der Straße, bittet den Vorbeigehenden um Hilfe. Dieser zeigt jedoch keine Reaktion, gibt vor, sie nicht zu verstehen und läuft einfach an ihr vorbei. Dieses Szenario, das motivisch auffällig an den Song-Klassiker “Streets of London” (1969) von Ralph McTell erinnert, wird in den Folgestrophen 2-4 narrativ fortgesetzt.

Im Refrain wird diese Erzählperspektive aufgebrochen und nun ein lyrisches Du adressiert, welches die Protagonisten oder die Hörer/-innen des Stücks sein könnten. Es erfolgt der Appell, sich bewusst zu sein, wie gut man es eigentlich hat, schon alleine dadurch, dass man ein Dach über dem Kopf hat. Hier kommt der titelgebende “weitere Tag im Paradies” ins Spiel: “Oh, think twice, it’s just another day for you and me in paradise”.

In der Bridge mündet die in den gesamten Lyrics aufkommende Verzweiflung in einer Ansprache an Gott, der hier verzweifelt um Hilfe gebeten wird: “Oh Lord, is there nothing more anybody can do? Oh Lord, there must be something you can say”.

Betrachtet man nun Musik und Text gemeinsam, lassen sich an einigen Stellen enge Wort-Ton-Relationen erkennen. Die vokale Mehrstimmigkeit im Refrain sorgt nicht nur für eine grundsätzliche klangliche Betonung, sie akzentuiert auch in besonderer Form dort genannte Inhalte. So wird die textliche Dualität von “think twice” und “you and me” durch den zweistimmigen Gesang von Collins und Crosby klangsymbolisch dargestellt. Eine weitere Betonung findet am Ende des Refrains statt, bevor dieser in der Keyboard-Hookline mündet: In der letzten Zeile “You and me in pa-ra-dise” wird jede betonte Silbe von einem anderen Akkord (Es – Fm – Es – Des – Fm7) begleitet und so mit einem musikalischen Ausrufezeichen versehen.

Ähnliches lässt sich auch im Bridge-Teil des Stückes finden, wenn die erstmals erscheinende Tonikaparallele als Begleitakkord noch einmal harmonisch den im Text erfolgenden narrativen Perspektivwechsel unterstreicht. Auch in der Synthese aus Text und Musik in ANOTHER DAY IN PARADISE lässt sich die bereits vielfach erwähnte Einordnung dieses Stückes als politisches oder zumindest politisch motiviertes Lied festmachen. Musik und Lyrics fordern auf, unterstützen sich gegenseitig und sind vor allem stets eingängig und allgemein verständlich.

IV. Rezeption

ANOTHER DAY IN PARADISE erreichte, wie bereits zuvor erwähnt, in vielen Ländern hohe Chartplatzierungen. Zudem wurde er mit einem Grammy in der Kategorie “Record of the Year” und einem Brit Award für die “Best British Single” ausgezeichnet. Billboard nahm den Song in seine “All Time Top 100” Liste mit auf.

Nach der Veröffentlichung von ANOTHER DAY IN PARADISE wurden jedoch auch einige negative Stimmen laut. Gerade der Textinhalt und damit Collins Position als der wohlhabende Mann, der sich für die Armen einsetzt, wurden hierbei kritisiert. Phil Collins entgegnete daraufhin im Gespräch mit der New York Times: “When I drive down the street, I see the same things everyone else sees. It’s a misconception that if you have a lot of money you’re somehow out of touch with reality.” (vgl. Holden 1989: o. S.).

JONAS GÖDDE


Credits

Komposition u. Text: Phil Collins
Lead Gesang, Schlagzeug, Keyboards: Phil Collins
Background Gesang: David Crosby
Gitarre: Dominic Miller
Bass: Leland Sklar
Produzenten: Phil Collins, Hugh Padgham
Veröffentlichung: Oktober 1989
Länge: 5.22 (Album-Version), 4.47 (Single-Version)

Recordings

  • Phil Collins. “Another Day in Paradise”. On: …But Seriously, 1989, Atlantic, 82050-2, US (CD/Album).
  • Phil Collins. “Another Day in Paradise”. On: …But Seriously, 1989, Virgin, V2620, UK (LP/Album).
  • Phil Collins. “Another Day in Paradise”. On: Another Day in Paradise, 1989, Virgin, VS 1234, UK (7’’/ Single).
  • Phil Collins. “Another Day in Paradise”. On: Another Day in Paradise, 1989, WEA, 257 358-0, Deutschland (12’’/ Single).
  • Phil Collins. “Another Day in Paradise”. On: Serious Hits…Live!, 1990, Virgin, PCLP1, UK (LP/Album).
  • Phil Collins. “Another Day in Paradise”. On: …Hits, 1998, WEA/Face Value Records, 3984-23795-2, Deutschland (CD).

Covers

  • Brandy & Ray-J. “Another Day in Paradise”. On: Another Day in Paradise, 2001, WEA, 8573-87383-2, Deutschland (CD).
  • Jam Tronik. “Another Day in Paradise”. On: Another Day in Paradise, 1989, Debut, DEBTX 3093, UK (12’’/ Single).
  • Remady & Manu-L. “Another Day in Paradise”. On: Another Day in Paradise, 2016, No Superstar Production (Digital).

References

  • Graf, Christian/Wohlmacher, Uwe: Rockmusik-Lexikon. Europa Bd. 1. Hamburg: Taurus-Press 1986.
  • Holden, Stephen: “The Pop Life. A Concerned Collins”. In: The New York Times. URL: http://www.nytimes.com/1989/12/06/arts/the-pop-life-365789.html [22.01.16].
  • Larkin, Colin: The Encyclopedia of Popular Music. London: Omnibus Press 2007.
  • Wicke, Peter/Ziegenrücker, Kai-Erik/Ziegenrücker, Wieland: Handbuch der populären Musik. Mainz: Schott 31997.

Links

About the Author

Analysis written in a course of Prof. Dr. Thomas Krettenauer at the University of Paderborn.
All contributions by Jonas Gödde

Citation

Jonas Gödde: “Another Day in Paradise (Phil Collins)”. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, http://www.songlexikon.de/songs/anotherdayinparadise, 03/2017.

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