AMERICA DRINKS (1967) ist der erste Titel auf der zweiten Seite der LP Absolutely Free der Mothers of Invention aus der Feder von Frank Zappa. Der letzte Titel der Platte enthält eine weitere Vertonung des weitgehend gleichen Textes. Die beiden Stücke sind sozusagen die zwei Seiten einer Medaille: Musik als akustische Hintergrundkulisse bzw. Muzak und Musik zum Hinhören.
I. Entstehungsgeschichte
AMERICA DRINKS sowie die übrigen Songs auf Absolutely Free waren Bestandteil des Programms, welches The Mothers of Invention über ein halbes Jahr, manchmal mehrmals täglich, im New Yorker Garrick-Theater aufgeführt hatten. Die Revue bzw. das Rock-Musical trug den kryptischen Titel „Pigs and Repugnant: Absolutely Free“. Die Musikdarbietung war durchsetzt mit teilweise bizarren Aktionen auf der Bühne und vielfältiger Publikumsbeteiligung.
The Mothers experimentierten bei diesen wiederkehrenden und immer neuen Shows, etwa dahingehend, wie ihre Musik, ihre Späße und Aktionen auf das jeweilige Publikum wirkten. Das gut eingespielte Programm wurde teilweise auf der zweiten Produktion der Band verewigt. Das Szenische blieb AMERICA DRINKS und seinem Schwestersong „America Drinks and Goes Home“ dabei erhalten. Sie bilden Kopf- und Schlusssatz der „Suite No. 2: The M.O.I. American Pageant (2nd in a Series of Underground Oratorios)“.
II. Kontext
AMERICA DRINKS ist eine Etüde im scheinbaren Aneinander-vorbei-Musizieren, ohne dass es wirklich zum Auseinanderfallen der Band kommt. Der Vierertakt wird durch eine Vielzahl von Überbindungen und Synkopen maximal verunklart. Es wird der Eindruck erweckt, es handele sich um einen Live-Auftritt, der noch durch die akustische Anwesenheit einer weiteren Person verstärkt wird. Eine Sprechstimme kündigt mitten im Stück an: „Here’s one for Mother“. Es könnte sich um einen Trinkspruch, etwa seitens eines Barkeepers handeln. Vom Ende des Albums her wissen wir, dass AMERICA DRINKS AND GOES HOME das Szenario einer gut besuchten Bar, welche sich den Luxus von Live-Musik leistet, vor Ohren führt. Zu Beginn der 2. Suite scheinen aber kaum noch Gäste anwesend zu sein, und die gelangweilte Band erlaubt sich derbe Scherze. Es dürfte sich um eine selbstironische Reminiszenz an Zappas Zeit als Barmusiker handeln.
III. Analyse
Zappa zählt mit den ersten beiden Zeilen eines alten englischen nursery rhyme ein – „one, two / buckle my shoe“ – welchen er dreiteilig rhythmisiert. Die daraufhin einsetzende Hi-Hat spielt durchgängig im ersten Formteil eine Art Jazz-Stereotyp im 4/4-Takt. Es könnte sich um eine kleine Verbeugung vor dem ‚falschen‘ Einzählen John Lennons zu Beginn des Stückes „Taxman“ auf dem Beatles-Album Revolver von 1966 handeln.
Über dem schlichten Groove improvisieren drei Männerstimmen mehr schlecht als recht auf Vokalise, woraufhin eine Stimme das Geschehen mit dem Ausruf „oh, no“ kommentiert. Unvermittelt erklingt das Gerüst einer sentimentalen Liebeskummerballade, wobei der Text noch das Konsistenteste zu sein scheint. Das lyrische Ich beklagt sich in zwei Strophen, getragen von einer schlackenlosen Melodie, wie es auf eine wohl nicht besonders loyale Frau habe hereinfallen können. Die Lead-Vokals sind dabei rhythmisch ausgefeilt und nicht ganz kongruent mit dem colla parte spielenden Bass geführt. Man könnte vermuten, die Bar-Band kenne die Genrekonventionen nicht, ein Eindruck, der von der anarchisch, nach Absingen des Textes einsetzenden furiosen Zirkusmusik noch verstärkt wird. Der Zirkusmusik entspringt, getrieben von Pauken und Tamburin eine rasende Keyboard-Line, und nach weniger als zwei Minuten ist der Song vorbei bzw. geht attacca in das folgende Stück über, welches sich als Gute-Laune-Tanzmusik bzw. Parodie davon charakterisieren lässt.
IV. Rezeption
Zappas Kulturkritik wurde zu Beginn seiner Karriere zum Markenzeichen, was angesichts einer ganzseitigen Annonce in der Underground-Zeitschrift International Times aus London sinnfällig wird. Neben der Werbung für die neue Single und das neue Album der Mothers ist zu lesen: „we can’t afford to print the lyrics … but we can afford to buy an ad. MGM Records.“ Das Major-Label und sein Enfant Terrible bereiteten gemeinsam den Sprung der Mothers of Invention auf den europäischen Markt vor. In London konzertierte man nach einer Presskampagne in der Royal Albert Hall und dort entstand die inzwischen ikonische Darstellung von Zappa auf einer Toilette sitzend. Seit 1966 hatten die Beatles die Mothers of Invention auf dem Radar, und das kreative Kräftemessen der zwei Bands auf beiden Seiten des Atlantiks war eröffnet.
MATTHIAS TISCHER
Credits
Composition, co-production, count-in: Frank Zappa
Vocals: Ray Collins
Drums, timpani: Jimmy Carl Black
Drums: Billy Mundi
Bass: John Balkin
Soprano saxophone: Bunk Gardner
Keyboards: Don Preston
Producer: Tom Wilson
Label: Verve/MGM
Recording studio: TTG Studios
Published: 1967
Length: 3:42
Recordings
The Mothers of Invention: „America Drinks“. On: Absolutely Free, 1967, LP Mono, Verve V-5013 / V/V6-5013X, USA (vinyl).
The Mothers of Invention: „America Drinks“. On: Absolutely Free, 1967, LP Stereo, Verve V6-5013, USA (vinyl).
The Mothers of Invention: „America Drinks“. On: Absolutely Free, 1967, LP Stereo, Verve V6/5013, Canada (vinyl).
The Mothers of Invention: „America Drinks“. On: Absolutely Free, 1967, LP mono, Verve VLP 9174, UK (vinyl).
The Mothers of Invention: „America Drinks“. On: Absolutely Free, 1967, LP stereo Verve SVLP 9174, UK (vinyl).
The Kingsmen: „Louie Louie / Haunted Castle“, 1963, Pye International, 7N.25231, UK (vinyl).
References
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Films
Eat That Question. Frank Zappa in His Own Words. Director: Schütte, Thorsten. Sony Pictures Classics, 2016 (DVD/043396481306).
Zappa. Director: Winter, Alex. Magnolia Pictures, 2020 (DVD/MAG12345).
Links
http://www.zappa-analysis.com/freak-out.htm [05.12.2025].
https://fzpomd.net/links.html [05.12.2025].
About the Author
All contributions by Matthias Tischer
Citation
Matthias Tischer: “America Drinks (The Mothers of Invention)”. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, https://www.songlexikon.de/songs/america-drinks, 08/2026.
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