1984
Duran Duran

The Wild Boys

THE WILD BOYS war die zwölfte Single der britischen Rockband Duran Duran und ihr mit Abstand größter Erfolg.

I. Entstehungsgeschichte

THE WILD BOYS entstand im Sommer 1984 auf Anregung des australischen Film- und Videoregisseurs Russell Mulcahy (*1953), der 1976 nach Großbritannien übergesiedelt war und sich dort mit Musikvideos einen Namen machte. So drehte er auch das legendäre “Video Killed the Radio Star” (1979) der Buggles, mit dem MTV im August 1981 den Sendebetrieb aufnahm. Die Zusammenarbeit mit Duran Duran ging bis auf deren erstes Album 1981 zurück und erstreckte sich über die ersten vier Alben der Band. Die von Keyboarder Nick Rhodes (*1962) und Bassist John Taylor (*1960) 1978 in Birmingham gegründete Band, zu der nach mehreren Umbesetzungen Roger Taylor (*1960) als Schlagzeuger, Andy Taylor (*1961) als Gitarrist und Sänger Simon Le Bon (*1958) hinzustießen, befand sich Mitte der 1980er Jahre auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Mulcahy, der die Band auf ihrer Welttournee zwischen Herbst 1983 und Frühjahr 1984 mit einer Filmcrew begleitete, trug sich schon länger mit der Idee, die Novelle The Wild Boys (1971, deutsch als Die wilden Boys, 1980) des amerikanischen Schriftstellers William S. Burroughs (1914-1997) zu verfilmen. Dabei hatte er an Duran Duran für den Soundtrack gedacht. Er versuchte Simon Le Bon, nicht nur Leadsänger, sondern auch Texter der Band, für das Projekt zu gewinnen. Nach Abschluss der Tournee ließ er Le Bon eine Kurzfassung der Burroughs-Novelle zukommen und dieser machte einen Songtext daraus, den die Band in einen dunklen, eher an Gothic denn an Dance erinnernden Synthie-Pop-Sound kleidete. Aus dem Filmprojekt wurde nichts, aber der Song blieb und ist von Mulcahy in ein spektakuläres Musikvideo transformiert worden, das 1985 den BRIT Award als bestes Video erhielt.

Die Aufnahme von THE WILD BOYS erfolgte Ende Juli 1984 in den Londoner Maison Rouge Studios, die bis 1983 noch der britischen Rockgruppe Jethro Tull gehört hatten. Produziert hat den Song der Amerikaner Nile Rodgers (*1952), Gitarrist und Mitbegründer von Chic, der erfolgreichsten Band der Disco-Ära. Aufgenommen wurde er von Jason Corsaro (*1954), der kurz zuvor ebenfalls mit Rodgers als Produzent auch die Aufnahme von Madonnas “Like a Virgin” (1984) technisch realisiert hatte. THE WILD BOYS ist dann als einzige Studioaufnahme dem eigentlich bereits fertig gestellten Live-Album Arena (1984) von Duran Duran hinzugefügt worden, das Material von der 1983/84er Welttournee enthielt. Das Album erschien am 12. November 1984, die Single vorab am 26. Oktober (USA 3. November). Sie wurde mit sechs unterschiedlichen Covern zum Sammeln veröffentlicht.fünf mit dem Konterfei je eines der Bandmitglieder und das sechste mit der gesamten Band. Das Anfang November 1984 erschienene apokalyptische Dance-Video zum Song von Russell Mulcahy gehörte mit Produktionskosten von über einer Million Dollar zu den teuersten je produzierten Musikvideos und hatte einen entscheidenden Anteil am Erfolg des Songs. Dem Video liegt die vollständige Version des Songs zugrunde, die als “Wilder Than Wild Boys Extended Remix” mit einer Länge von acht Minuten auf Maxi-Single parallel zur Single mit der ausgeblendeten Version erschienen ist.

II. Kontext

THE WILD BOYS erschien auf dem Höhepunkt der New Romantics-Welle, eigentlich ein hochgestyltes britisches Modephänomen, allerdings mit einem Ableger in der Londoner New-Wave-Szene. Ausgangspunkt für die exaltierten, androgynen Outfits, die hinter dem Begriff New Romantics standen, war ein Londoner Nachtclub, das Billy’s, wo durch Bands wie Spandau Ballet, Adam and the Ants und Visage, dessen Leadsänger den Klub betrieb, und eben auch Duran Duran eine unmittelbare Verbindung zur Musik bestand. Später verlagerte sich die Szene in den wesentlich größeren Klub Blitz, daher der Name “Blitz Kids” für die Anhänger dieser Symbiose aus Mode und Musik. Sie markierte nach der Revolte des Punk, dem letzten Versuch, der Rockmusik Glaubwürdigkeit und Authentizität zurückzugeben, einen deutlichen Bruch mit der rockmusikalischen Vergangenheit. In dem zur Gegenwelt stilisierten Universum der Nachtklubs geriet ein narzistischer Körperbezug sowohl in Form des Tanzes wie auch in der fantasievollen Selbstinszenierung in den Fokus, dem die Musik mit synthetischen Klangbildern in tanzbaren rhythmischen Strukturen folgte. Dass diese auf einen Londoner Nachtclub begrenzte Bewegung über die Musik binnen weniger Jahre weltweit für Aufmerksamkeit sorgte, hängt mit dem zeitgleichen Einzug des Musikvideos in das Tonträgermarketing zusammen. Am 1. August 1981 nahm in New York MTV als erster Musikvideokanal den Sendebetrieb auf, 1983 gefolgt von Music Box, seinem britischen Äquivalent. Der Zwang, die Songs nunmehr visuell präsentieren zu müssen, sollten sie erfolgreich werden, veränderte nicht nur die Musikentwicklung in Richtung auf eine Multimedia-Synthese, sondern lieferte Bands mit einem möglichst schrillen Outfit eine ideale Plattform. Somit gehörten die britischen New-Romantic-Bands dann auch zu den ersten, die mit ihren Videos die Kanäle des neuen Musikfernsehens besiedelten. Eine zusätzliche Dimension erhielt diese Entwicklung durch die Nutzung der Musikvideos als akustisch-visuelle Dauerberieselung in den Klubs. Je spektakulärer die Videos, desto größer die Aufmerksamkeit und desto größer die Erfolgsaussichten der Songs, was eine Lawine mit immer höheren Produktionsbudgets auslöste. 1983 erhielt der US-Regisseur John Landis für das Video zu Michael Jacksons Thriller 800.000 Dollar, bei Mulcahy waren es im Jahr darauf für THE WILD BOYS dann schon eine Million. Dieser Trend hielt zwar nicht lange an, da die Plattenfirmen schon bald entdeckten, das für den Tonträgerabsatz nicht der Produktionsaufwand eines Videos ausschlaggebend war, sondern das bloße Vorhandensein eines solchen ausreichte. In der Mitte der 1980er Jahre waren die Budgets jedoch so, dass eine ganze Reihe auch künstlerisch bedeutsamer Arbeiten entstand, die in eine neue Form von Medienkunst mündeten. THE WILD BOYS, eher ein Minifilm denn ein Video, ist ein Musterbeispiel dafür.

III. Analyse

THE WILD BOYS ist ein Strophenlied mit einem zwölftaktigen Intro und zwei zwanzigtaktigen Strophen plus zwölftaktigem Refrain. Der verlängerten Videofassung sind eine instrumentale Version der Strophe und eine dritte Wiederholung des Refrains angehängt. Die Strophen haben mit ihren zwanzig Takten einen irregulären Aufbau, was dem Text geschuldet ist. Die sechszeiligen Textstrophen mit unterschiedlicher Länge und Versmaß sind in einem regulären vier- oder achttaktigen Periodenbau nicht unterzubringen. Zudem ist ihnen auch noch ein Zweizeiler nachgestellt (“They tried to break us / Looks like they’ll try again”), der in der zweiten Strophe im Wortlaut nur leicht modifiziert wird (“They tried to tame you / Looks like they’ll try again”). Damit ist dieser Zweizeiler in der Textstruktur zwischen Strophe und Refrain angesiedelt – durch die fast wortgleiche Wiederholung nicht zur Strophe gehörig, da aber nicht wirklich wortgleich auch nicht zum Refrain gehörig. Und als ein Überleitungselement zwischen Strophe und Refrain sind diese zwei Verse dann auch musikalisch behandelt.

Die Strophe des Songs ist aus sieben melodischen Zweitaktphrasen zusammengesetzt, die zu drei Viertakt- und einer Sechstaktgruppe verbunden sind. Die erste Viertaktgruppe mit der ersten Textzeile (“The wild boys are calling on their way back from the fire”) wird mit der zweiten Textzeile (“In August moon’s surrender to a dust cloud on the rise”) wiederholt. Die dritte und vierte Textzeile (“Wild boys fallen far from glory / Reckless and so hungered”) sind in einer einzelnen Zweitaktphrase untergebracht. Es folgt eine Sechstaktgruppe für die nächsten beiden Textzeilen (“On the razor’s edge you trail / Because there’s murder by the roadside in a sore afraid new world)”, wobei die letzte Zweitaktphrase musikalisch mit der zweiten aus der ersten Gruppe identisch ist. Bevor der Refrain einsetzt, folgt eine weitere Viertaktgruppe für den zwischengeschobenen Zweiteiler, die melodisch und harmonisch nach der eigentlich schon abgeschlossenen Strophe noch einmal eine Steigerung bringt und damit zum Refrain überleitet. Insgesamt hat die Strophe mit dem angehängten Zweizeiler damit den Aufbau: I(ab) – II(ab) – III(c) – IV(deb) – V(fg).

Auch der Refrain ist irregulär gebaut mit einer Abfolge von drei aus Zweitaktphrasen zusammengesetzten Viertaktgruppen, obwohl der Text eigentlich nur zwei Viertaktgruppen umfasst. Doch das letzte Wort der letzten Refrainzeile (“Wild boys always shine”) ist an den Beginn der dritten Viertaktgruppe in Takt 9 verschoben (“Wild boys always … shine”), womit dem Refrain noch sieben Takte instrumentales Nachspiel angehängt werden können.

Der Song, der sich harmonisch zwischen Tonika, Dominante, Subdominante und Subdominantparallele bewegt, steht in einer Molltonart (e-Moll) und erhält dadurch einen ausgesprochen düsteren Charakter, der mit dem kryptischen Text korrespondiert. William S. Burroughs Novelle, von der der Text angeregt war, trägt den Untertitel A Book of the Dead und handelt von einer homosexuellen Jugendbewegung, die sich die Zerstörung der westlichen Zivilisation zum Ziel gesetzt hat, eben den “Wild Boys”. Im Song ist das in assoziationsreiche Textbilder aufgelöst, die vor allem die apokalyptische Stimmung der Vorlage transportieren. Die fahrigen E-Gitarren-Licks über dem martialischen Bassriff, die knalligen Electronic Drums und die einzeln dazwischen gesetzten Keyboard-Akkorde in hoher Lage liefern ein fahles Klangbild, das den darüber gesetzten, teils chorisch, teils solistisch gehaltenen Vokalpassagen einen bizarr-surrealistischen Charakter verleiht, das dem Text optimal entspricht, ohne dem Titel die Funktion als Tanzmusik zu nehmen.

IV. Rezeption

THE WILD BOYS ist nicht zuletzt durch das spektakuläre Musikvideo, das auf MTV in Heavy Rotation lief, für Duran Duran zum größten Erfolg ihrer Karriere geworden. Die Single erreichte in den meisten europäischen Ländern die Top Five der Single-Charts, in Italien und Deutschland die Spitzenposition. In den USA, Kanada und Deutschland qualifizierte sie sich für eine Goldene Schallplatte. 1998 veröffentlichte die EMI als Werbevorbereitung für das Kompilationsalbums Greatest in Belgien und Spanien je eine One-Track-Promo-Single mit Remix-Versionen des Songs. Coverversionen erschienen 1997 von der kalifornischen Death Metal Band Deathline International und der deutschen Death Metal Band Atrocity. 1999 erschienen unter dem Pseudonym Touch Down eine House-Version des Songs und auf dem australischen Tribute-Album The Songs of Duran Duran: UnDone eine Version von der neuseeländischen Popsängerin Robyn Loau und dem Schlagzeug-Gitarre-Duo Ronin System. 2004 versuchten sich die britische Boygroup Phixx und die dänische Heavy Metal-Band Mnemic an dem Song. Keine der Coverversionen ist eine wirklich eigenständige Fassung des Songs und erreichte somit auch nicht annähernd die Reichweite des Originals.

PETER WICKE


Credits

Komposition, Arrangement, Text: Duran Duran
Produktion: Nile Rodgers
Toningenieur: Jason Corsaro

Recordings

  • Duran Duran. “The Wild Boys / (I’m Looking For) Cracks in the Pavement”, 1984, Parlophone, DURAN 3, UK (Vinyl/Single).
  • Duran Duran. “The Wild Boys (Wilder Than Wild Boys) (Extended Mix) / The Wild Boys” / (I’m Looking For) Cracks in the Pavement”, 1984, Parlophone, 12DURAN 3, UK (Vinyl/Maxi-Single).
  • Duran Duran, John Miles Jr. and Regi Penxten. “The Wild Boys 98” (4 On Da Floor Remix), 1998, EMI, PROMO 001, Belgium (CD/Single, Promo).
  • Duran Duran, ASAP, PM Project. “The Wild Boys”, 1998, EMI, PE 98102, Spain (CD/Single, Promo).
  • Deathline Int’l. “The Wild Boys / We Believe (Sin Phonic Mix) / Hoellen Paradies (Tek Version) / Wild Boys (Earth Shock Remix)”, 1997, COP International, COP CD028, USA (CD/Maxi-Single).
  • Atrocity. “Wild Boys”. On: Werk 80, 1997, Swanlake Records, MAS CD0138, DE (CD/Album).
  • Touch-Down. “Wild Boys (Radio Edit) / Wild Boys (Wild And Free Mix) / Wild Boys (Club Mix) / Wild Boys (Wild And Free Maxi Mix) / Touch-Down”, 1999, Eastwest Records, 8573-80439-2, DE (CD/Maxi-Single).
  • Robyn Loau with Ronin System. “The Wild Boys”. On: Various, The Songs of Duran Duran: UnDone, 1999, EMI/Crucial, CRCD001, AU (CD/Compilation).
  • Phixx. “Wild Boys (Radio Version) / Wild Boys (Almighty Remix)”, 2004, Concept Music, CDCON56, UK (CD/Single).
  • Mnemic. “Wild Boys”. On: The Audio Injected Soul, 2004, Nuclear Blast, NB 1310-2, USA (CD/Album).

References

  • Malins, Steve: Duran Duran Wild Boys. The Unauthorised Biography. London: André Deutsch 2013.
  • Taylor, Andy: My Life in Duran Duran. New York: Grand Central Publishing 2008.

Links

About the Author

Prof. Dr. Peter Wicke teaches theory and history of popular music and is director of the Center for Popular Music Research at the Humboldt University Berlin.
All contributions by Peter Wicke

Citation

Peter Wicke: “The Wild Boys (Duran Duran)”. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, http://www.songlexikon.de/songs/wildboys, 03/2017.

Print