TROUBLE EVERY DAY, auf der ausgekoppelten Single unter dem Titel TROUBLE COMIN‘ EVERY DAY, wurde auf dem Debüt-Doppelalbum der Mothers of Invention, Freak Out, aus dem Jahr 1966 veröffentlicht. Der geradlinige, rassismuskritische Bluesrock-Titel hatte die Aufmerksamkeit des Schwarzen MGM-Produzenten Tom Wilson geweckt und der Band um Frank Zappa zu einem Plattenvertrag verholfen.
I. Entstehungsgeschichte
Tom Wilson hatte sich nach dem Studium mit einem Studio selbständig gemacht. Sein Ziel war es gewesen, möglichst progressiven Jazz aufzunehmen. So hatte er seit Mitte der 1950er Jahre u. a. Sun Ra und Cecil Taylor produziert. Nach der Insolvenz seines Studios wurde er in den 1960er Jahren angestellter Produzent bei MGM, wo er erfolgreich u. a. Bob Dylan und Simon & Garfunkel produzierte; Hits waren bspw. „Like a Rolling Stone“ oder „Sound of Silence“.
Frank Zappa war 1964 bei der gut gebuchten Blues-Rock-Band The Soul Giants als Gitarrist eingestiegen und hatte die Mehrzahl der Bandmitglieder überzeugen können, mit seinen Kompositionen eine Karriere zu verfolgen. Der damalige Band-Leader, Davy Coronado, stieg daraufhin aus, mit der Begründung, dass Zappas künstlerische Vorstellungen die Band alle gut bezahlten Engagements kosten würden. Zappa selbst gab dem Saxophonisten rückblickend Recht. Am 9. Mai 1965 wurden die Soul Giants in The Mothers umbenannt.
Produzent Tom Wilson hörte Anfang 1966 zufällig im Club Whisky a Go Go den sozialkritischen R&B-Titel TROUBLE EVERY DAY und nahm die Mothers noch am selben Abend, in der Annahme, es handele sich um eine weiße Electric-Blues-Band, für das Label Verve unter Vertrag.
Für die Produktion der ersten LP stand ein überdurchschnittliches Budget und die seinerzeit in den USA großzügige Studiozeit von sechs Wochen zur Verfügung. Gearbeitet wurde hauptsächlich in den TTG-Studios in Hollywood. Das Budget und die Studiozeit ermöglichten es dem ehrgeizigen Zappa mit den Mothers extravagante Ideen umzusetzen, wie das Anmieten teurer Instrumente und die Einladung von Gastmusikern und einer feierlustigen Schar von „Freaks“ ins Studio.
Weil das Wort mother im (afro-)amerikanischen Slang als ein Schimpfwort (durchaus aber mit einem anerkennenden Unterton) verstanden werden konnte, hatte die Plattenfirma vor einer Veröffentlichung auf einer Namensänderung der Band bestanden. So wurde der Name von The Mothers um das unverfängliche Attribut ‚of Invention‘ ergänzt. Freak Out! wurde als ihr Debüt-Album am 22. Juni 1966 auf dem Label Verve im Vertrieb von MGM veröffentlicht. Wenn man einen Dollar an MGM sandte, konnte man als Ad-on zum Doppelalbum eine Art Stadtplan von Los Angeles ordern, mit sogenannten „Freak Out Hot Spots“. Der Ankündigungstext lautete: “PLANNING ON VISITING L.A. THIS SUMMER? Send for your copy of the special map we have prepared for you; ‚FREAK-OUT HOT-SPOTS‘ shows how to get to Canters, Ben Frank’s, Fred C. Dobbs, The Trip, The Whisky A-Go-Go, The Brave New World, It’s Boss, Bido Lito’s, and many more interesting places. Also shows where the heat has been busting frequently, with tips on safety in police-terror situations. Only $1.00 in magnificent color (mostly black) send to: FREAK MAP c/o MGM RECORDS, 1540 Broadway, New York, N.Y. 10036. Hurry! This map has no commercial potential!“
II. Kontext
Frank Zappa schrieb den Song TROUBLE EVERY DAY bei einem Bekannten in Echo Park, Los Angeles, als Reflex auf die Watts-Unruhen und die Medienberichte darüber. Am 11. August 1965 war es in der mehrheitlich nicht weißen, einkommensschwachen Nachbarschaft von Watts und in angrenzenden Bezirken von L.A. nach einer Verkehrskontrolle und der anschließenden Festnahme von Schwarzen zur Eskalation zwischen den mehrheitlich weißen Polizisten und Schwarzen Anwohnern gekommen. Es kam zu mehrtägigen Gewaltausbrüchen, Plünderungen und Brandschatzungen. Die betroffenen Haus- und Ladenbesitzer waren zum Teil weiß. Über 30 Menschen wurden im Laufe der Unruhen getötet, über 1.000 wurden verletzt, der Sachschaden belief sich auf schätzungsweise 40 Millionen Dollar.
Der TV-Sender KTLA berichtete über die Unruhen teilweise mit eigenem Helikopter aus der Luft. Im Nachgang zu den Watts-Riots kam es zu ähnlichen Auseinandersetzungen in anderen US-amerikanischen Städten. Wenig später gründete sich die Black Panther Party. Der Song dokumentiert eine wichtige Wegmarke in der Geschichte der Bürgerrechtsbewegung der USA.
III. Analyse
TROUBLE EVERY DAY ist in punkto Songwriting, Arrangement und Produktion eine kraftvolle, düstere und rohe Blues-Nummer. Der Song hat fünf Strophen, einen wiederkehrenden Chorus sowie eine kurze Bridge. Gitarren, Bass und Schlagzeug werden ergänzt von einer Mundharmonika, welche im akzelerierenden Outro des Songs explizit aufgerufen wird: „Blow your harmonica, son!“
Der Gesangsstil der Nummer liegt im Spannungsfeld von Talking Blues und Proto-Hip-Hop, wie ihn ab 1968 die Last Poets repräsentierten. Was den Text vom Gros der Protestsongs abhebt, ist nicht nur sein nüchterner Reportage-Stil, sondern auch seine Distanziertheit und Reflektiertheit, als würde sich die Erzählung eher auf die Medienberichterstattung als auf die Ereignisse selbst beziehen. Die Stimme ist im Mix dementsprechend präsenter als etwa die Blues-Harp mit ihrem starken Reverb-Effekt. Schlagzeug, Bass und die Rhythmusgitarren spielen weitgehend wiederkehrende Figuren bzw. Riffs, während die Mundharmonika und die Solo-Gitarre rohe solistische Einwürfe beisteuern.
Der Song, der ursprünglich The Watts Riot Song hatte heißen sollen, ist eine der ganz wenigen Zappa-Kompositionen, die textlich wie musikalisch frei von Ironie, Parodie und Satire sind. Wie in seinem späteren zivilgesellschaftlichen Engagement (etwa gegen alle Formen der Zensur) scheint sich der Autor ernsthaft um den Zusammenhalt der ihn umgebenden Gesellschaft zu sorgen. Angesichts der Plünderung von Geschäften weißer Ladenbesitzer spricht er von einem wechselseitigen Rassismus. Dass dies im klingenden Gewand einer schlackenlosen Blues-Nummer erfolgt, kann gleichermaßen als Parteinahme für die Schwächeren in der in Rede stehenden Auseinandersetzung gehört werden. Dasselbe gilt für den Text der Bridge, welcher im weißen Amerika der 1960er Jahre eine äußerst seltene Aussage darstellen dürfte: „Hey, you know something, people? Iʼm not black, but there’s a whole lotta times, I wish, I could say, I’m not white“.
The Mothers of Invention, vielleicht noch mehr als beispielsweise die Rolling Stones, eigneten sich Schwarze Musik, ihre Themen, Klangfarben und Ausdrucksvaleurs weniger an, als sich vielmehr in sie einzufühlen oder künstlerisch hineinzudenken. So ist der Bezug auf religiöse Themen (Gebet) seitens des Agnostikers Zappa im Chorus zu erklären, wo es in den bluestypischen sprachlichen Abbreviationen heißt: „So Iʼm watchinʼ, and Iʼm waitinʼ, hopinʼ for the best. Even think Iʼll go to prayin, every time I hear ‘em sayinʼ: That thereʼs no way to delay that trouble cominʼ every day“.
IV. Rezeption
Weder in den USA noch in Großbritannien erreichte die Single-Auskoppelung mit Who Are the Brain Police und Trouble Cominʼ Every Day eine Platzierung in den Top 100. Die A-Seite war zu politisch, die B-Seite musikalisch zu ungewöhnlich für Airplay. In gewisser Weise war die wohl negative Rezeptionshaltung vieler Hörer:innen bereits eingeplant. Auf dem roten Cover der Single war neben dem Namen der Band, des Albums und der beiden ausgekoppelten Titel in Klammern zu lesen: „They look bad and even smell worse“. Misstrauen seitens der heimischen Radiostationen sicherte den Mothers of Invention wiederum Sympathien bei den Anhänger:innen der Freak-Szene (kurz: Freaks) zuhause und den linken und alternativen Milieus in Europa.
In Großbritannien, Italien und Westdeutschland erschienen die Erstveröffentlichungen des Doppelalbums gekürzt auf einer LP; nicht enthalten waren „Go Cry On Somebody Else’s Shoulder“, „How Could I Be Such a Fool“, „Any Way the Wind Blows“ und „It Can’t Happen Here“. Wie fast alle Produktionen von Frank Zappa wurde Freak Out! remastered und mehrmals neu aufgelegt, als LP wie auch als CD. Zum 40-jährigen Jubiläum erschien 2006 im Rahmen des MOFO Project/Object eine Audiodokumentation des Making- of von Freak Out!. 2010 erschien The Alternate Freak Out From Previously Unknown Master Tapes mit einer anderen Reihenfolge der Titel in schlussendlich verworfenen Mixes.
TROUBLE EVERY DAY wurde im Laufe der Zeit mehrmals gecovert. Der Brite Mick Farren veröffentlichte seine Version auf Vampires Stole My Lunch Money (1978) und in einer Live-Version im Duett mit Wayne Kramer auf Human Garbage (1984). Die australischen Stoner Rocker Tumbleweed veröffentlichten ihre Coverversion auf der B-Seite ihrer Single Daddy Long Legs (1993). 1997 folgte ein Cover von George Thorogood auf dem Album Rockinʼ My Life Away. Luisa Roach schrieb den Song 2019 angesichts der damaligen Unruhen im Vereinigten Königreichmit Genehmigung der Zappa-Erben um. 2021 verbeugten sich The Specials vor den Mothers of Invention, indem sie das Stück auf ihr Album Protest Songs 1924–2012 aufnahmen.
Das Album Freak Out! wird vom Magazin Rolling Stone unter den 500 besten Alben aller Zeiten gelistet.
MATTHIAS TISCHER
Credits
Composition, co-production, guitar, harp, cymbals, tambourine, vocals: Frank Zappa
Harp, cymbals, tambourine, vocals, finger cymbals: Ray Collins
Percussion, drums, vocals: Jimmy Carl BlackBass, (falsetto) vocals, guitarrón: Roy Estrada
Guitar: Elliot Ingber
Producer: Tom Wilson
Label: Verve/MGM
Recording studio: TTG Studios
Published: 1966
Length: 5:50
Recordings
The Mothers of Invention. „Trouble Comin’ Every Day“ (A), „Who Are the Brain Police?“ (B), 1966, Verve/MGM VK-10458, USA (vinyl).
The Mothers of Invention. „Trouble Comin’ Every Day“ (A), „Who Are the Brain Police?“ (B), 1966, Verve/MGM 58 509, Netherlands (vinyl).
The Mothers of Invention: „Trouble Every Day“. On: Freak out!, 1966, 2xLP Stereo, Verve V6-5005-2, USA (vinyl).
The Mothers of Invention: „Trouble Every Day“. On: Freak out!, 1966, 2xLP Mono, Verve V-5005-2, USA (vinyl).
The Mothers of Invention: „Trouble Every Day“. On: Freak out!, 1966, 2xLP Stereo, Verve V6-5005-2, Canada (vinyl).
The Mothers of Invention: „Trouble Every Day“. On: Freak out!, 1966, 1xLP, Verve 710 003, Germany (vinyl).
The Mothers of Invention: „Trouble Every Day“. On: Freak out!, 1967, 1xLP, Verve 710 003, France (vinyl).
The Mothers of Invention: „Trouble Every Day“. On: Freak out!, 1967, 1xLP Mono, Verve VLP 9154, UK (vinyl).
The Mothers of Invention: „Trouble Every Day“. On: Freak out!, 1969, 2xLP – Verve / Nippon Grammophon SMV-9045/46, Japan (vinyl).
The Mothers of Invention: „Trouble Every Day“. On: Freak out!, 1987, Ryko RCD 10526, USA/Europe (CD).
The Mothers of Invention: „Trouble Every Day“. On: Freak out!, Japan, 2022, Oldays ODR7114 (CD).
Frank Zappa. „Frank Zappa – MOFO: The Making of Freak Out! Project/Object An FZ Audio Documentary“, 2004, ZR 20004, USA (4xCD).
References
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Courrier, Kevin: Dangerous Kitchen: the Subversive World of Zappa. Toronto: ECW Press 2002.
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Russo, Greg: Cosmik Debris. The Collected History and Improvisations of Frank Zappa. New York: Crossfire Publications 1998.
Slaven, Neil: Electric Don Quixote: the Story of Frank Zappa. London: Omnibus Press 1996.
Ulrich, Charles: The Big Note. A Guide to the Recordings of Frank Zappa. Vancouver: New Star Books 2018.
Watson, Ben: Frank Zappa: the Negative Dialectics of Poodle Play. New York: St. Martin’s Press 1994.
Wicke, Peter: Rock Music. Culture, Aesthetics, Sociology. Cambridge: Cambridge University Press 1990.
Zappa, Frank with Occhiogrosso, Peter: The Real Frank Zappa Book. New York: Poseidon Press 1989.
Films
Eat That Question. Frank Zappa in His Own Words. Director: Schütte, Thorsten. Sony Pictures Classics, 2016 (DVD/043396481306).
Zappa. Director: Winter, Alex. Magnolia Pictures, 2020 (DVD/MAG12345).
Links
http://www.zappa-analysis.com/freak-out.htm [05.12.2025].
https://fzpomd.net/links.html [05.12.2025].
About the Author
All contributions by Matthias Tischer
Citation
Matthias Tischer: “Trouble Every Day (The Mothers of Invention)”. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, https://www.songlexikon.de/songs/trouble-every-day, 08/2026.
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