2016
David Guetta feat. Zara Larsson

This One’s for You

THIS ONE’S FOR YOU war die offizielle Hymne der UEFA Fußball-Europameisterschaft 2016 in Frankreich und im gleichen Sommer in mehreren europäischen Länder ein Nummer-1-Hit.

 

I. Entstehungsgeschichte

Der französische Songwriter, Produzent und DJ David Guetta (*1967) zählt zu den bekanntesten EDM-Künstlern der Gegenwart und gilt vielerorts als Inbegriff für die Kommerzialisierung des Genres. Er begann seine Karriere in den frühen 1980er Jahren als DJ, Promoter und Manager in der aufstrebenden Pariser House-Szene und veröffentlichte seine ersten Singles eine Dekade später. Seit seinem internationalen Durchbruch im Jahr 2009 mit dem Song “When Love Takes Over” (feat. Kelly Rowland) verzeichnete Guetta zahlreiche internationale Charterfolge mit unterschiedlichen Gastsänger*innen. In THIS ONE’S FOR YOU werden die Vocals von dem aus einer Talentshow hervorgegangenen schwedischen Nachwuchsstar Zara Larsson (*1997) gesungen.

Der Song THIS ONE’S FOR YOU wurde im Mai 2016 veröffentlicht und von David Guetta und vier weiteren international etablierten Songwriter*innen komponiert. Als mitverantwortlich angegeben sind z. B. Ester Dean (*1982), die vor allem im R&B-Bereich für Künstler*innen wie Rihanna oder Beyoncé Knowles Toplines entwirft, oder Giorgio Tuinfort (*1981), der bereits bei mehreren Guetta-Songs mitgewirkt hat und zu dessen Kollaborationspartner*innen Britney Spears, Akon oder Ariana Grande zählen. Tuinfort war auch an der u. a. in Schweden, Italien und den Niederlanden durchgeführten Produktion des Songs beteiligt, so wie Guetta selbst und der global erfolgreiche und für seine Remixes bekannte DJ Afrojack (*1987). Eine Besonderheit in der Entstehung des Songs ist darin zu finden, dass Fans im Vorfeld die Möglichkeit hatten, mittels einer App einen Gesangsbeitrag einzureichen und dergestalt Teil eines Hintergrundgesangs im Song zu werden. Laut Warner Music wurde diese Aktion schließlich von über einer Million Menschen genutzt. THIS ONE’S FOR YOU ist bislang ausschließlich als Single, mit einer Instrumentalversion als B-Seite, erhältlich (das letzte von Guettas sechs Studioalben erschien 2014). Der dazugehörige Videoclip wurde am EM-Eröffnungstag (10.6.2016) veröffentlicht und der Song am Vortag auf dem Champ de Mars in Paris das erste Mal live aufgeführt. Für jedes der Teilnehmerländer wurde in weiterer Folge ein individualisierter Clip erstellt, in denen länderspezifische Bildausschnitte fußballbezogene Teile des Originalvideos ersetzen.

 

II. Kontext

Zur Kontextualisierung von THIS ONE’S FOR YOU erscheinen zwei Ebenen relevant: zum einen die Rolle des Songs im Rahmen eines sportlichen Großereignisses, zum anderen seine Verortung in aktueller (EDM-)Popmusik. Bei dem Song handelt es sich um eine Auftragsarbeit des europäischen Fußballverbandes an David Guetta, der als “Musikbotschafter des Turniers” und “Aushängeschild der globalen Musikkampagne der UEFA” (UEFA 2015) beworben wurde. Die im Vorfeld seitens des UEFA-Marketingdirektors Guy-Laurent Epstein gestellten Anforderungen an die Musik beinhalten Schlagworte wie “feiern”, “freuen”, “Energie”, “Soundtrack” sowie die Hoffnung, dass Guettas Ruhm zu einer möglichst hohen Partizipation an besagter Fanaktion beiträgt (vgl. ebd.). Während des Turniers war THIS ONE’S FOR YOU omnipräsent und zusätzlich zu Guettas Auftritten an den beiden Eröffnungstagen und der Abschlusszeremonie z. B. in den Anfangs- und Schlusssequenzen aller TV-Spielübertragungen sowie während der Spiele im Stadion zu hören. Ein für diese Verwendungszwecke konzipiertes Klanggeschehen muss sich gut dafür eignen, in der heterogenen Masse europäischer Fußballfans bestimmte soziale und psychologische Funktionen zu erfüllen. Sie sollte das Gemeinschaftsgefühl stärken, Stimmungslagen sowohl unterstreichen als auch kompensieren können und dabei für gelungene atmosphärische Wahrnehmungsweisen in unterschiedlichen kollektiven Rezeptionssituationen sorgen (Stadion, Public Viewing, Liveperformance, Club u. ä.). Neben den technischen Rahmenbedingungen, die solche Aufführungskontexte etwa in Bezug auf die Dynamikgestaltung setzen, ist es für die Verwendung in oft nur wenige Sekunden dauernden TV-Einspielern vorteilhaft, wenn der Song über zumindest eine sehr kurze und schnell wiedererkennbare Hookline verfügt.

Dass offizielle EM-Songs einen Bezug zu den Veranstalterländern haben müssen, lässt sich mit Blick auf die Hymnen früherer Turniere – vor allem jene der letzten drei in Österreich/Schweiz, Polen/Ukraine und Frankreich – nicht behaupten. Während in “Campione” (E-Type 2000) noch das traditionelle niederländische Lied “Oranje Boven” verwendet wurde und in “Força” (Nelly Furtado 2004) musikalische und sprachliche Elemente Portugals hörbar sind, sind landestypische Charakteristika bei “Can You Hear Me” (Enrique Iglesias 2008), “Endless Summer” (Oceana 2012) und THIS ONE’S FOR YOU, mit Ausnahme von David Guettas französischer Herkunft, nicht auszumachen. Die stilistische Bandbreite der Songs sowie der Umstand, dass die Vorgänger von THIS ONE’S FOR YOU heute nur mehr bedingt bekannt sind, unterstreicht die Ereignis- und Zeitgebundenheit dieser Musik. Auch Guettas und Zara Larssons Zusammenarbeit ist demnach im Kontext der zur Veröffentlichungszeit europaweit erfolgreichen Stilistiken einzuordnen. Die von Guetta selbst maßgeblich geprägte Kombination aus elektronischer Tanzmusik und weiblicher Gesangsstimme, die medial zumeist in Form von “DJ/Produzent feat. Sängerin” präsentiert wird, dominierte im Jahr 2016 die Popcharts. THIS ONE’S FOR YOU steht in einer Reihe mit “Closer” (The Chainsmokers feat. Halsey), “This Is What You Came For” (Calvin Harris feat. Rihanna), “In the Name of Love” (Martin Garrix and Bebe Rexha) und “This Girl” (Kungs vs. Cookin’ On 3 Burners). Hinzuweisen ist außerdem auf den 2015 höchst erfolgreichen Song “Lean On” (Major Lazer feat. MØ & DJ Snake), da Guetta vorgeworfen wurde, diesen Song mit THIS ONE’S FOR YOU zu plagiieren.

 

III. Analyse

Der klare Aufbau des Songs sorgt schnell für Vertrautheit und Orientierung. Das 03:27 dauernde THIS ONE’S FOR YOU offenbart bis 02:40 zwei übergeordnete und nahezu identische Formblöcke, die jeweils aus vier nacheinander erklingenden Abschnitten A, B, C und D bestehen (für eine detaillierte notenschriftliche Transkription des Autors siehe musescore.com). Diese Abschnitte, die sich auch im Sinne eines traditionellen Verse/Prechorus/Chorus/Postchorus-Aufbaus interpretieren lassen, sind die charakteristischen Strukturelemente des Songs und segmentieren die Formblöcke zeitlich, mit einer Dauer von jeweils 18 bis 22 Sekunden, annähernd verhältnisgleich. Von 02:40 bis 02:57 folgt ein Zwischenteil E, an den eine Wiederholung von Abschnitt B anschließt. Das Stück endet mit dem Wiederaufgreifen des Intros, das als reduzierte Variante von Abschnitt A gestaltet ist.

Für einen Song, der die “affektive Wucht der Stadionatmosphäre” (Bonz 2015: 114) verstärken, aufgreifen und vermitteln sollte, sind ausgeprägte Intensitäts- und Spannungsverläufe von entscheidender Bedeutung. Mit metaphorischen Begriffen nach Thies (1982) lässt sich THIS ONE’S FOR YOU als Wechselspiel von vergleichsweise ruhigen und stetigen (A), anschwellenden und beweglichen (B), starken und stimmhaften (C), unruhigen und abgehackten (D), gedämpften und anklingenden (E) Passagen beschreiben. Der Verlauf des Songs ist gekennzeichnet durch den Höreindruck einer kontinuierlichen Intensitätssteigerung und -absenkung. Von Teil A zu B zu C wird die Intensität schrittweise erhöht, fällt in Teil D etwas ab und erreicht dann wieder ihr Ausgangsmaß in Teil A. Auch von Teil E zu B ist eine Intensitätssteigerung wahrnehmbar, anstelle aber einen erneuten Höhepunkt anzustreben, endet der Songs relativ abrupt im ruhigen A-Teil. Solche dynamischen Prozesse können in Beziehung gebracht werden zur emotionalen Dynamik eines Fußballspiels, während dem von der “Aggressivität zur Niedergeschlagenheit, zum Aufbegehren, zur Freude und Ernüchterung” (Bonz 2015: 114) verschiedene Emotionen durchlaufen werden . In THIS ONE’S FOR YOU, dessen Videoclip die Dynamik anhand von länderspezifischen Match- und Feierszenen vermittelt, werden diese Prozesse hauptsächlich durch Veränderungen der Klangtextur gesteuert und machen sich messtechnisch in der Lautstärke und im Frequenzspektrum bemerkbar. Die Steigerung von Abschnitt A zu C geht einerseits mit einer Erhöhung des Durchschnittspegels, anderseits mit einer vor allem in höheren Frequenzlagen dichter werdenden spektralen Energieverteilung einher.

Konstituierende Elemente des Songs sind eine tiefe Bassstimme, die einen gebrochenen F-Dur Dreiklang in Grundstellung spielt, ein darüber konstant wiederholter Liegeton c’ sowie ein Synthesizer-Harmoniepattern | Fmaj7 | Am | C | F |. Dieses im Verse etablierte Songfundament bildet auch in den Prechorus- und Chorusabschnitten die Grundlage der Phrasen. Was sich hier jedoch ändert, sind der Tonumfang, die Klangdichte und zum Teil auch die Akkordfärbungen – bedingt durch hinzugefügte Stimmen und Klänge sowie vermutlich auch durch EQ-Manipulationen und zusätzliche Obertonverstärkungen. Die Produzent*innen verdoppeln den Basston um eine Unteroktave und ergänzen die Oberstimme um eine Oberoktave, so dass der Tonumfang mit einem Schlag deutlich vergrößert wird. Sie schaffen so die Grundlage für den typischen flächig-druckvollen Sound vieler Mainstream EDM-Songs, der in Genres wie Electro House, Big Room oder Uplifting Trance in großem (Live-)Rahmen zur Vermittlung von Energie und Euphorie beiträgt und damit gut in den EM-Kontext passt. Zur Klangveränderung tragen ebenso die neu hinzugefügten Mittelstimmen bzw. die deutlich angehobenen Frequenzen in den mittleren Lagen bei. In Abschnitt C, dem Chorus, legt ein flächiger Synthesizer in den oberen Lagen eine zusätzliche, durchgängige Klangschicht über die Textur.

Das Hinzufügen und wieder Herausnehmen von Instrumenten aus dem Mix, wie es Guetta z. B. mit unterschiedlichen Bassdrums und diversen Synthesizern macht, entspricht (zumindest weitläufig) dem für EDM-Tracks typischen schichtenartigen Aufbau. Zur Instrumentation ist generell zu sagen, dass sie in THIS ONE’S FOR YOU in erster Linie dem Erzeugen einer dichten Gesamttextur dient und es wohl kein primäres Ziel war, ein heterogenes Klangbild aus vertikal klar differenzierten Einzelstimmen zu schaffen. Die Transparenz des Gestaltungsprozesses nimmt hier im Gegensatz zu eher handwerklich orientierten Spielarten von Pop-/Rockmusik eine untergeordnete Rolle ein. In analytischer Hinsicht ist es demnach ohne Einblick in die offenen DAW Sessions – Guetta verwendet laut Eigenaussagen Ableton und Logic in Kombination und erzeugt viele seiner Sounds selbst (vgl. Musician’s Friend 2012) – insbesondere bei den Synthesizerklängen nur sehr bedingt möglich, sie exakt zu isolieren und produktionstechnisch “korrekt” anhand ihrer Herkunftsbezeichnungen zu benennen.

Eindeutig zuordenbar ist auch das tonale Zentrum von THIS ONE’S FOR YOU nicht. Das harmonische Pattern | Fmaj7 | Am | C | F |, in dem G-Durchgangsakkorde mit den Basstönen g bzw. h zu Am bzw. C führen, kann jedenfalls als zyklische Sequenz beschrieben werden. Aufgrund des Songbeginns und des Patternbeginns und -endes sowie unter Berücksichtigung des prägnanten Durchgangstones h ist zunächst die Tonart F-Lydisch naheliegend. Die häufige Verwendung des lydischen Modus als Aufbruchs- oder Raummetapher in Soundtracks (Deep Impact, E.T., Zurück in die Zukunft etc.) wäre ein zusätzliches Argument für diese Tonart. Gegen F als tonales Zentrum und eine Sequenz | I (II) | iii (II) | V | I | spricht jedoch der Umstand, dass diese Tonstufe nicht eindeutig als Ruhepol wahrgenommen und zudem in der Gesangsstimme kaum angesteuert wird. In Zara Larssons Gesang spielt die Tonhöhe C, die ja auch ein zentrales repetitives Element der Songphrasen ist, eine weitaus größere Rolle. Noch plausibler ist, ungeachtet des feierlichen Zwecks des Songs, ein tonales Zentrum A und die Tonart a-Moll. Zara Larsson schöpft größtenteils aus der a-Moll Pentatonik, der Ton a ist Ausgangs- und Endpunkt der Gesangslinie im Chorus, er ist die alleinige harmonische Basis im Postchorus und jene Tonhöhe, auf der der Song endet. Dieser Annahme entsprechend lässt sich das Pattern stufenharmonisch als ein in sich mäßig spannungsreiches, durch Nebenakkorde gekennzeichnetes | bVI (bVII) | i (bVII) | bIII | bVI | einordnen.

Das Fehlen eines klar herausgearbeiteten tonalen Zieles und die repetitive Harmoniestruktur verleihen dem EM-Song einen fortlaufenden Charakter ohne starke Brüche und ermöglichen es außerdem, einzelne Songpassagen problemlos herauszugreifen und für die diversen Verwendungszwecke im Rahmen des Turniers einzusetzen. Was in der Harmoniegestaltung indes kaum zum Vorschein kommt, ist das Antreibende und Lebendige, das für einen solchen Song so maßgeblich ist. Der Bass, die Drums und die Synthesizer tragen auf den ersten Blick wenig dazu bei. Sie sind in der Art und Weise, wie sie die Klänge hervorbringen, sehr stabil und bewirken eine regelmäßige, im Wesentlichen synthetische Klangumgebung. Für eine gewisse Dynamik sorgt ihr Verhältnis zueinander in Bezug auf ihre Artikulationsmerkmale. Die Instrumentalstimmen bilden einerseits durchgängige Klangschichten mit ausgeprägten Sustain-Phasen (z. B. Bass und “Flächen”-Synthesizer im Chorus), andererseits bringen sie kurze und perkussive Klänge hervor wie z. B. der Harmoniepattern-Synthesizer oder die Drums, bei denen Bass- und Snaredrum zumeist schon nach der Dauer einer Sechzehntelnote in eine Pause übergehen. Leicht gegenläufige Tendenzen zeigen sich im Vergleich des Melodieverlaufs von den höheren Synthesizerstimmen, der relativ geradlinig bzw. ein wenig abwärts gerichtet verläuft, zu jenem des Basses, der meist aufwärts zu einem Quintfall am Phrasenende strebt.

Eine Ausnahme in puncto innere Variabilität stellt bei den Instrumentalstimmen die zweitaktige Synthesizer-Hookline in Teil D dar. Die knapp viereinhalbsekündige Melodie, die als auditive “EM-Signatur” in TV-Trailern und im Stadion eingespielt wurde, trägt eine eigentümliche Dynamik und Bewegtheit in sich. Der etwas “schräg” klingende Synthesizer vollzieht zu Beginn einen Tritonus-Slide aufwärts, von ges über h zu c, und bewirkt dabei durch eine schrittweise Verkürzung der Notenwerte ein Gefühl von Beschleunigung. Dieser Eindruck wird insbesondere im zweiten Takt bestätigt, in dem der schnell wiederholte Ton c zudem, aufgrund seines ungewöhnlichen Notenwerts (punktierte Zweiunddreißigstel), für mikrorhythmische Synkopierungen sorgt. Die Unruhe und Spannung innerhalb der Hookline wird durch eine sukzessive Verlängerung der Interonset-Intervalle (doppelt punktierte Sechzehntel, punktierte Achtel, Viertel) sowie einen Terzfall zu a wieder aufgelöst. Mit diesem in mehrerer Hinsicht hervorstechenden Postchorus-Synthesizer-Pattern hat Guetta die Aufgabe bewältigt, ein durchdringendes, während des Turniers kaum zu überhörendes Audio-Logo zu schaffen.

Auch das erwähnte Harmoniepattern | Fmaj7 | Am | C | F | bekommt durch seine (mikro)rhythmische Gestaltung eine markante und gleichsam vertraute Charakteristik. Innerhalb des songbestimmenden 4/4-Taktes etabliert ein perkussiver Synthesizer ein fünf Betonungen umfassendes Pattern. Bei genauerer Betrachtung handelt es sich dabei eigentlich um fünf Schlaggruppierungen, die infolge eines Delay-Effekts aus jeweils einem betonten und zwei unbetonten Klangereignissen bestehen. Die betonten Schläge liegen in einem Sechzehntelraster auf den Zählzeiten 1, 4, 7, 10 und 13, gefolgt von einer Sechzehntelpause bis zum Taktende. Hieraus resultiert ein asymmetrisches aber dennoch gleichmäßig verteiltes Pattern 3+3+3+3+4, das sich in vielen EDM-Tracks, wie z. B. dem Klassiker “Cubik” von 808 State (1990), wiederfindet (vgl. Butler 2006: 102–105). Die ersten drei Schläge der Snaredrum untermauern dieses vorwärtstreibende Pattern und erhöhen die Reibung zum 4/4-Takt, der in THIS ONE’S FOR YOU insbesondere durch die “Four-to-the-Floor”-Bassdrum bestärkt wird. Das Postchorus-Audio-Logo wiederum weicht von beiden dieser Rhythmusschichten etwas ab.

Wenngleich sich also die instrumentale Gestaltung bei näherem Hinhören als weit weniger starr und eindimensional wie anfangs vermutet offenbart, so ist freilich die Gesangsstimme von Zara Larsson das variabelste und “lebendigste” Element des Songs, mit dessen Hilfe zudem auch weitgefasstere, d. h. über Pattern- und Phrasenebene hinausgehende Sinnzusammenhänge geschaffen werden. Ihre Stimme streut zusätzliche Spannungspunkte und Akzentuierungsmuster ein, variiert zwischen unterschiedlichen Artikulationsformen und “Lyrical Hooks” (Griffiths 2003) und strukturiert den Song dabei mit einem sektionenübergreifenden, von Teil A zu C reichenden Entwicklungsprozess.

Der Verse ist melodisch mit Ausnahme des Sext-Aufwärtssprungs zu Phrasenbeginn (“are born”), der erwartungskonform in stufenartiger Abwärtsbewegung aufgelöst wird, von spannungsarmen und wenig schließenden Ton-zu-Ton-Beziehungen geprägt. Diese neutralen Tonhöhenfortschreitungen erlauben einen relativ lockeren Umgang mit rhythmischen Schwerpunkten, die hier mitunter auf Sechzehntelschlägen zwischen Bassdrum und Synthesizer liegen. Der noch eher entspannte Eindruck dieser Gesangspassagen wird durch die Orientierung der Akzente zur zweiten Takthälfte hin sowie der entschleunigenden Abfolge von hoher zu geringer Silbendichte (“we were born to – f-l-y”, “let’s close our – e-y-es”) nicht unbedingt gestört. Mit dem Prechorus nimmt Larssons Tendenz zur Silbendehnung und damit auch zur inhaltlichen Hervorhebung von bestimmten Worten zu. Hinzu kommt, dass sie in diesem Abschnitt verstärkt die Downbeats akzentuiert und dadurch Begriffen wie “together” oder “forever”, die wohl u. a. das EM-Gemeinschaftsgefühl adressieren sollen, zusätzlichen Nachdruck verleiht. Aufgrund der melodischen Gestaltung ist Larssons Stimme im Prechorus merklich spannungsreicher und von höherer Intensität als im Verse. Sie singt zweimal einen markanten großen (Sept-)Tonsprung aufwärts und fügt eine weitere Aufwärtsbewegung an, um schließlich den Ton c”’ zu erreichen. Einher geht eine deutliche Obertonverstärkung in den höheren Lagen, die durch weitere Stimmverdopplungen und Klangmanipulationen womöglich zusätzlich beeinflusst wurde. Die für diese Stimmführung, Gesangslage und Texturverdichtung erforderliche körperliche Anstrengung vermittelt eine gewisse physische Intensität, die zum leidenschaftlichen Mitsingen einlädt (vgl. Live-Video) und bis in den Chorus weitergetragen wird. Im Chorus löst Larsson die Spannung schrittweise, anhand einer in melodischen Kleingruppierungen durchgeführten Abwärtsbewegung, bis zum stärksten Ruhepol des Songs am Abschnittsende (“for you”) auf. Rhythmische Betonungen nehmen hier eine untergeordnete Rolle ein, stattdessen zieht sie die Silben weiter in die Länge und lässt sie fließend ineinander übergehen (“you-ouh-ouh”).

Inhaltlich steht in THIS ONE’S FOR YOU das Feiern des Moments und das Betonen der (Fan-)Gemeinschaft im Vordergrund. Zunächst singt Larsson in der ersten Person Mehrzahl (“we”) und wechselt im Chorus, im höchsten Intensitätsmoment, zu der direkten (Fan-)Ansprache (“you”). Die identitätsstiftende Absicht des Songs wird natürlich auch durch den aus der Fan-App resultierenden Stadiongesang unterstrichen, der im instrumental zurückhaltenden Teil E eingebaut wurde.

Ganz allgemein kann behauptet werden, dass sprachklanglichen und sprachrhythmischen Aspekten der Vorzug gegeben wird gegenüber einer erzählerisch orientierten oder auf einfache Vollreime hin angepassten Textgestaltung. Die ungleichmäßige Struktur von betonten und unbetonten Silben, die häufige Verwendung von Assonanzen, die variable Gestaltung von Tondauer- und Pausenverhältnissen sowie der Einsatz von Vibrati und teils geradlinigen, teils bogenförmigen Gleitbewegungen (auch innerhalb von einsilbigen Wörtern) lassen den Pop-/EDM-/EM-Song dynamisch fortschreiten, erlauben eine flexible Gestaltung von Spannungs- und Intensitätsverläufen, sorgen für Abwechslung und machen ihn menschlicher und damit emotional noch ein Stück weit zugänglicher.

 

IV. Rezeption

THIS ONE’S FOR YOU stieg in Deutschland, Frankreich, Portugal und der Schweiz an die Spitze der Charts und erreichte in über fünfzehn europäischen Ländern TOP 10 Platzierungen. Mit Stand Mai 2017 wurde der Song 290 Millionen Mal auf Spotify gehört und hält bei 170 Millionen Streams auf YouTube. Er liegt in seiner Online-Präsenz damit deutlich hinter vergleichbaren Hits wie Calvin Harris’ “This Is What You Came For” (680 Mio./1,5 Mrd.) oder Major Lazers “Lean On” (980 Mio./2 Mrd.). Auch sind längere Kommentare und Rezensionen zu THIS ONE’S FOR YOU auf Online-Plattformen und sozialen Medien nur in verhältnismäßig geringer Anzahl zu finden. Das dominierende Thema ist hier die Eignung des Songs als Fußballhymne. Diese Eignung wird über emotionale Wirkungsweisen verhandelt, die mit der Fußballrezeption in enger Verbindung stehen. “Mitreißend”, “fesselnd”, “euphorisierend” und “motivierend” sind Beispiele für positive Zuschreibungen zu einem Song, bei dem in musikalischer Hinsicht in erster Linie die Gesangsstimme von Zara Larsson und vereinzelt der Beat hervorgehoben wird. Gesang und Beat werden als Qualitätsmerkmale auch bei anderen, häufiger rezensierten Guetta-Hits wie “Titanium” (feat. Sia 2011) und “Hey Mama” (feat. Nicki Minaj, Bebe Rexha & Afrojack 2015) betont, wobei hier (damit mutmaßlich zusammenhängende) Kriterien wie Eingängigkeit, “Catchiness” und Tanzbarkeit deutlicher in den Vordergrund treten. Im Vergleich zu THIS ONE’S FOR YOU zeigen sich in diesen Rezensionen vermehrt Hinweise auf die Relevanz emmotionaler Hörerfahrungen bei der Rezeption von Guetta-Songs – sei es beim Tanzen aber auch bei sportlichen Aktivitäten. Von Seiten der professionellen Musikkritik, die Guettas Schaffen generell wenig Wertschätzung entgegenbringt (vgl. metacritic.com), wurde THIS ONE’S FOR YOU weitestgehend ignoriert.

 

BERNHARD STEINBRECHER


Credits

Vocals: Zara Larsson
Music/Writer/Songwriting: David Guetta, Giorgio Tuinfort, Nick van de Wall, Ester Dean, Thomas Troelsen
Production/Instruments: David Guetta, Giorgio Tuinfort & Afrojack
Recording: Emanuel Abrahamsson, Elio Debets
Mix, mastering: Daddy’s Groove
Background vocals: sieben namentlich genannte Sänger*innen und “One Million Voices of Fans around the World”
Recorded: 2015/2016
Published: 2016
Length: 03:27

Recordings

  • Calvin Harris feat. Rihanna. “This is What You Came For”. On: This is What You Came For, 2016, Columbia, 88985 34334 2, US (CD/Single/Promo).
  • David Guetta feat. Zara Larsson. “This One’s For You (Official Song UEFA EURO 2016)”. On: This One’s For You (Official Song UEFA EURO 2016), 2016, Warner Music Group, 0190295947156, Germany, Austria, Switzerland (CD/Single).
  • David Guetta feat. Kelly Rowland. “When Love Takes Over”. On: When Love Takes Over, 2009, Virgin, 509999651612 6, Europe (CD/Single).
  • David Guetta feat. Nicki Minaj, Bebe Rexha & Afrojack. “Hey Mama”. On: Hey Mama, 2015, Parlophone, UK (CD/Single, Promo).
  • David Guetta feat. Sia. “Titanium”. On: Titanium, 2011, Virgin/Positiva, UK (CD/Single, Promo).
  • Enrique Iglesias. “Can You Hear Me”. On: Can You Hear Me, 2008, Interscope Records, 0602517749931, Europe (CD/Single).
  • Oceana. “Endless Summer”. On: Endless Summer, 2012, Embassy Of Music, 5053105283026, Germany, Austria, Switzerland (CD/Maxi).
  • E-Type. “Campione 2000”. On: Campione 2000, 2000, Universal, 158 082-2, UK, Europe (CD/Maxi).
  • Kungs vs. Cookin’ On 3 Burners. “This Girl”. On: This Girl, 2016, Sound of Barclay/Universal, 4794403, Germany, Austria, Switzerland (CD/EP).
  • Major Lazer feat. MØ & DJ Snake. “Lean On”. On: Lean On, 2015, Mad Decent (File/FLAC/Single).
  • Martin Garrix and Bebe Rexha. “In The Name of Love”. On: In The Name of Love, 2016, Epic Amsterdam, Europe (File/FLAC/Single).
  • Nelly Furtado. “Força”. On: Força, 2004, DreamWorks Records, 0602498628249, Europe (CD/Single/Car).
  • The Chainsmokers feat. Halsey. “Closer”. On: Closer, 2016, Disruptor Records/Columbia, Europe (File/FLAC/Single).
  • 808 State. “Cubik”. On: Cubik, 1990, Tommy Boy, TB 959, US (12”/Lab).

References

  • Bonz, Jochen: Alltagsklänge. Einsätze einer Kulturanthropologie des Hörens. Wiesbaden: Springer 2015.
  • Butler, Mark J.: Unlocking the Groove. Rhythm, Meter, and Musical Design in Electronic Dance Music. Indiana: Indiana University Press 2006.
  • Griffiths, Dai: From Lyric to Anti-Lyric: Analyzing the Words in Pop Song. In: Analyzing Popular Music. Ed. by Allan F. Moore. Cambridge: Cambridge University Press 2003, 3959.
  • Thies, Wolfgang: Grundlagen einer Typologie der Klänge. Hamburg: Karl Dieter Wagner 1982.

Links

  • Amazon Review: “This One’s for You (feat. Zara Larsson) [Official Song UEFA EURO 2016]”. URL: http://amzn.to/2s6v832 [24.06.2017].
  • Amazon Review: “This One’s for You (feat. Zara Larsson) [Official Song UEFA EURO 2016]”. URL: http://amzn.to/2tFdMw6 [24.06.2017].
  • Livevideo: This One’s for You, David Guetta feat. Zara Larsson. In: YouTube, 10.06.2016. URL: https://www.youtube.com/watch?v=gKCxIeZLcQ8 [23.07.2017].
  • Metacritic.com. URL: http://metacritic.com [23.06.2017].
  • Musician’s Friend: “Interview mit David Guetta zu dessen Produktionsweise”. In: YouTube, 02.10.2012. URL: https://www.youtube.com/watch?v=SoknHORD6NQ [23.06.2017].
  • Offizielles Musikvideo: This One’s for You, David Guetta feat. Zara Larsson. Director: Hannah Lux Davis. In: YouTube, 10.06.2016. URL: https://www.youtube.com/watch?v=MoHnffhBwqs [23.07.2017].
  • Steinbrecher, Bernhard: Notenschriftliche Transkription des Songs. URL:  https://musescore.com/user/12047001/scores/4144491?showoptions=true [24.06.2017].
  • UEFA: “Guetta sucht eine Million Backgroundsänger für EURO-Song”. In: Uefa.com, 12.12.2015. URL: http://de.uefa.com/uefaeuro/news/newsid=2315920.html [22.06.2017].

About the Author

Dr. Bernhard Steinbrecher is a lecturer of musicology and popular music studies at the University of Innsbruck.
All contributions by Bernhard Steinbrecher

Citation

Bernhard Steinbrecher: “This One’s For You (David Guetta feat. Zara Larsson)”. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, https://songlexikon.de/songs/this-ones-for-you/, 07/2021.

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