THE RETURN OF THE SON OF THE MONSTER MAGNET füllt Seite 4 des Doppelalbums Freak Out! der Mothers of Invention. Das Stück ist über 12 Minuten lang, angeblich haben über 50 Menschen – vor allem Laien – daran mitgewirkt. Es hat, bis auf einige eingängige Drum-Tracks und die Tatsache, dass es auf einem Pop-Label erschien, kaum etwas mit Popmusik der 1960er-Jahre gemeinsam.
I. Entstehungsgeschichte
Die Genese von Freak Out! legt nahe, dass die Produktion sich geradlinig von einer hochprofessionellen Recording-Session zu einem drogenschwangeren Happening entwickelt hatte. Zappa und die verantwortlichen Tontechniker waren vermutlich die einzigen Beteiligten, die das Geschehen in einem ungetrübten Bewusstseinszustand begleiteten. Rückblickend war Zappa verärgert, dass die Plattenfirma ihm aus zeitlichen Gründen nicht ermöglicht hatte, das Stück fertigzustellen. Er bezeichnete das Fragment als den Rhythmus-Track einer noch fertigzustellenden Komposition.
II. Kontext
Das Budget und die großzügige Studiozeit hatten Frank Zappa Freiraum für Experimente eröffnet. Der Produzent Tom Wilson stimmte nicht nur zu, dass Zappa teures Instrumentarium anmietete und zahlreiche Studiomusiker engagierte, er hatte zudem nichts dagegen, als Zappa ankündigte, für eine abendliche Aufnahmesession ca. 50 Menschen aus dem Umfeld der Freak-Szene von Los Angeles einzuladen. Aus dem Material des klingenden Happenings unter dem Dirigat von Zappa edierte dieser ein zwölfminütiges Stück, welches Seite 4 auf dem Doppelalbum Freak Out! füllte.
In den Liner-Notes nennt Zappa THE RETURN OF THE SON OF THE MONSTER MAGNET ein unvollendetes Ballett in zwei Bildern. Teil 1 betitelt er als „Ritual Dance of the Child Killer“, Teil 2 heißt „Nulli Pretii“, lateinisch für „no commercial potential“, was gewissermaßen von Beginn an Zappas Selbst- bzw. Fremdzuschreibung als Recording Artist entsprach. THE RETURN OF THE SON OF THE MONSTER MAGNET ist der Ausdruck von Zappas Interesse daran, wie „Freaks“ um ein Uhr nachts in einem Tonstudio voller angemietetem Schlagwerk klingen. Er selbst nannte das Stück hell und bissig. Der Komponist hatte sich nach drei LP-Seiten relativ eingängiger Popmusik eine Seite für musikalische Experimente gegönnt. Monster-Magnet war ein seit 1964 von Wham-O vertriebenes Spielzeug aus rotem Plastik, geformt wie zwei muskulöse Arme, in die starke Magneten eingearbeitet waren. Wie mit einem Griff konnte man damit eiserne Gegenstände anheben.
III. Analyse
Seite 4 von Freak Out! ist buchstäblich ein Freak-out. War mit „It Can’t Happen Here“ noch ‚ausgeschlossen‘ worden, dass die Freaks das Ruder übernehmen, geschieht genau dies auf dem letzten Track: THE RETURN OF THE SON OF THE MONSTER MAGNET wendet sich in den ersten 15 Sekunden noch einmal dem imaginären Groupie, Suzy Creamcheese (im Slang der 60er-Jahre ein so schillernder wie abwertender Ausdruck), einer Cheerleaderin an einem College in Salt Lake City in Utah zu. Frank Zappa, der sich als die Stimme ihres Gewissens ausgibt, fragt sie, was denn in sie gefahren sei. Worum es sich handeln könnte, wird nicht aufgelöst. Wenn man der Logik der impliziten wie expliziten Narration des Albums folgt, so muss die junge Musikenthusiastin ihre anfänglichen Bedenken überwunden und irgendwie den Weg zu den Mothers of Invention ins Studio gefunden haben. Indiz hierfür ist eine auf dem Cover des Albums abgedruckte Einschätzung der Band seitens Mrs. Chreamcheese: „These Mothers is crazy. You can tell by their clothes. One guy wears beards and they all smell bad. We were gonna get them for a dance after the basketball game but my best pal warned me you can never tell how many will show up … sometimes the guy in the fur coat doesnʼt show up and sometimes he does show up only he brings a big bunch of crazy people with him and they dance all over the place. None of the kids at my school like these Mothers… specially since my teacher told us what the words to their songs meant. Sincerely forever, Suzy Creamcheese, Salt Lake City, Utah.“
Dem inneren Dialog folgt der „Ritual-Tanz“. Über einem von punktierten Bass-Drum-Figuren geprägten Drum-Groove entfaltet sich ein Stimmengewirr aus Uhs und Ahs, Gelächter sowie Analogsynthesizer-Glissandi. Auf etwa der Hälfte des ersten Satzes alteriert das Schlagzeugpattern temporär und kehrt zum anfänglichen Groove zurück. Über dem Pattern sind Laute zu hören, die Kurt Schwitters Ur-Sonate entlehnt scheinen. Verstärktes Flüstern wird in einem Stimmengewirr hörbar, und ein Accelerando deutet eine Stretta an. Die Drums werden ausgeblendet und der zweite Satz beginnt a cappella mit dem stark verhallten Ruf „America is wonderful, wonderful, wonderful. It really makes it“. Das Wort „Chreamcheese“ erklingt als Singsang, zu hören ist zudem ein Gewirr von Stimmen, Perkussionsinstrumenten, verstärktem Flüstern und Tönen aus dem Inneren des Klaviers. Mit Geklimper auf dem Klavier und beschleunigter Bandgeschwindigkeit endet der Track.
IV. Rezeption
Für Freunde Neuer Musik in Westeuropa stellten die schrägen Töne auf Freak Out! kein Skandalon dar.
Wenn zeitgenössische Rezensionen die Experimente auf Freak Out! nicht lediglich als Lärm oder Müll abtaten, erkannten sie die Bezüge zu Musique concrète und dem intertextuellen Komponieren eines Charles Ives.
In Großbritannien, Italien und Westdeutschland erschienen die Erstveröffentlichungen des Doppelalbums gekürzt auf einer LP; nicht enthalten waren „Go Cry On Somebody Else’s Shoulder“, „How Could I Be Such a Fool“, „Any Way the Wind Blows“ und „It Can’t Happen Here“. Damit erschien die Platte um drei eingängige Popsongs und ein Klangexperiment reduziert.
Wie fast alle Veröffentlichungen von Frank Zappa, wurde Freak Out! wiederholt remastered und mehrfach neu aufgelegt. 1971 kam auf Verve ein Reissue als Doppelalbum, 1985 die Wiederauflage bei Zappa Records heraus. Zappas Barking Pumpkin Records veröffentlichten die Doppel LP abermals in der Old Masters Box Vol. 1. Ab 1987 erschien Freak Out! als CD bei JPC (UdSSR/RU), Rykodisc (USA), VACK (Asien), Zappa Records (EU) und abermals 1995 auf Rykodisc und VACK mit einem veränderten Cover. Zum 40-jährigen Jubiläum erschien 2006 im Rahmen des MOFO Projekt/Objekt eine Audiodokumentation des Making-of von Freak Out!. 2010 erschien The Alternate Freak Out from Previously Unknown Master Tapes mit einer anderen Reihenfolge der Titel in seinerzeit verworfenen Mixes.
Das Album Freak Out! wird vom Magazin Rolling Stone unter den 500 besten Alben aller Zeiten gelistet.
MATTHIAS TISCHER
Credits
Instruments, voices: The Mothers of Invention
Instruments, voices: 50 unnamed „Freaks“
Producer: Tom Wilson
Label: Verve/MGM
Recording studio: TTG Studios
Published: 1966
Length: 12:20
Recordings
The Mothers of Invention: „The Return of the Son of Monster Magnet“. On: Freak out!, 1966, 2xLP Stereo, Verve V6-5005-2, USA (vinyl).
The Mothers of Invention: „The Return of the Son of Monster Magnet“. On: Freak out!, 1966, 2xLP Mono, Verve V-5005-2, USA (vinyl).
The Mothers of Invention: „The Return of the Son of Monster Magnet“. On: Freak out!, 1966, 2xLP Stereo, Verve V6-5005-2, Canada (vinyl).
The Mothers of Invention: „The Return of the Son of Monster Magnet“. On: Freak out!, 1966, 1xLP, Verve 710 003, Germany (vinyl).
The Mothers of Invention: „The Return of the Son of Monster Magnet“. On: Freak out!, 1967, 1xLP, Verve 710 003, France (vinyl).
The Mothers of Invention: „The Return of the Son of Monster Magnet“. On: Freak out!, 1967, 1xLP Mono, Verve VLP 9154, UK (vinyl).
The Mothers of Invention: „The Return of the Son of Monster Magnet“. On: Freak out!, 1969, 2xLP – Verve / Nippon Grammophon SMV-9045/46, Japan (vinyl).
The Mothers of Invention: „The Return of the Son of Monster Magnet“. On: Freak out!, 1987, Ryko RCD 10526, USA/Europe (CD).
The Mothers of Invention: „The Return of the Son of Monster Magnet“. On: Freak out!, 2022, Oldays ODR7114, Japan (CD).
Frank Zappa. „Frank Zappa – MOFO: The Making of Freak Out! Project/Object An FZ Audio Documentary“, 2004, ZR 20004, USA (4xCD).
References
Carr, Paul (ed.): Frank Zappa and the And. New Perspectives on an Enduring Legacy. Farnham: Ashgate 2013.
Courrier, Kevin: Dangerous Kitchen: The Subversive World of Zappa. Toronto: ECW Press 2002.
Lowe, Kelly Fisher: The Words and Music of Frank Zappa. Westport: Praeger 2007.
Ludwig, Wolfgang: Untersuchungen zum musikalischen Schaffen von Frank Zappa. Eine musiksoziologische und -analytische Studie zur Bestimmung eines musikalischen Stils. Frankfurt a. M.: Peter Lang 1992.
Miles, Barry: Zappa. A Biography. New York: Grove Press 2004.
Myers, Ben (ed.): Frank Zappa. Die frühen Jahre. Berlin: Bosworth Edition 2007.
Phlebs, Thomas: Zwischen Adorno und Zappa. Semantische und funktionale Inszenierungen in der Musik des 20. Jahrhunderts. Berlin: Weidler 2001.
Reimers, Wolfgang: Sozialkritik in der Rockmusik am Beispiel Frank Zappa. Pfaffenweiler: Centaurus 1985.
Russo, Greg: Cosmik Debris. The Collected History and Improvisations of Frank Zappa. New York: Crossfire Publications 1998.
Schreiber, Brad: Music Is Power. Popular Songs, Social Justice, and the Will to Change. Lincoln: University of Nebraska Press 2019.
Slaven, Neil: Electric Don Quixote: the Story of Frank Zappa. London: Omnibus Press 1996.
Ulrich, Charles: The Big Note. A Guide to the Recordings of Frank Zappa. Vancouver: New Star Books 2018.
Watson, Ben: Frank Zappa: the Negative Dialectics of Poodle Play. New York: St. Martin’s Press 1994.
Wicke, Peter: Rock Music. Culture, Aesthetics, Sociology. Cambridge: Cambridge University Press 1990.
Zappa, Frank / Occhiogrosso, Peter: The Real Frank Zappa Book. New York: Poseidon Press 1989.
Zappa, Frank: Plastic People. Songbuch. Frankfurt a. M.: Zweitausendeins 1993.
Zollo, Paul: Songwriters on Songwriting. Boston: Da Capo Press 1997.
Films
Eat That Question. Frank Zappa in His Own Words. Director: Schütte, Thorsten. Sony Pictures Classics, 2016 (DVD/043396481306).
Zappa. Director: Winter, Alex. Magnolia Pictures, 2020 (DVD/MAG12345).
Links
http://www.zappa-analysis.com/freak-out.htm [05.12.2025].
https://fzpomd.net/links.html [05.12.2025].
https://wiki.killuglyradio.com/wiki/Interview_by_Bob_Marshall [05.12.2025].
https://wiki.killuglyradio.com/wiki/Freak_Out!_Hot_Spots [05.12.2025].
About the Author
All contributions by Matthias Tischer
Citation
Matthias Tischer: “The Return of the Son of the Monster Magnet (The Mothers of Invention)”. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, https://www.songlexikon.de/songs/the-return-of-the-son-of-the-monster-magnet, 08/2026.
Print