2001
Farin Urlaub

Sumisu

Farin Urlaub gehört als Gründungsmitglied, Gitarrist, Sänger und Songschreiber der Band Die Ärzte zu den erfolgreichsten deutschen Musikern der vergangenen drei Jahrzehnte. SUMISU erschien 2001 auf seinem ersten Solo-Album Endlich Urlaub! und war dessen zweite Single-Auskopplung.

I. Entstehungsgeschichte

Farin Urlaub soll sich nach der Wiedervereinigung seiner Band Die Ärzte (1993) mehrfach zu Plänen bezüglich einer Solo-Veröffentlichung geäußert haben. Als endgültiger Anstoß für deren Umsetzung gilt ein Interview mit der Gruppe, in dem Schlagzeuger Bela B. das Erscheinen eines Albums für das Jahr 2001 ankündigte. Folgend habe Farin Urlaub 20 Stücke im eigenen Tonstudio aufgenommen, dabei das Gros der Instrumente selbst eingespielt und erst für den finalen Mix den an zahlreichen Ärzte-Veröffentlichungen beteiligten Produzenten Uwe Hoffmann hinzugezogen (vgl. Karg 2001: 377).

II. Kontext

Der Song SUMISU ist als Hommage an die Band The Smiths zu verstehen. Dies spiegelt sich bereits im Songtitel wider, denn das japanische Wort “Sumisu” lässt sich ins Englische mit “Smith” übersetzen. The Smiths gründeten sich 1982 – im selben Jahr wie Die Ärzte –, bestanden lediglich bis 1987, gehören aber dennoch zu den bis heute bekanntesten britischen Bands. Die öffentliche Wahrnehmung der Smiths ist von Attributen geprägt, die in ihrer Gesamtheit ein ‘düsteres’ Image erzeugen – Melancholie und Pessimismus sind häufige Assoziationen mit dem musikalischen Schaffen und den visuellen Merkmalen der Gruppe (vgl. Müller/Rhein/Calmbach 2006: 2). Insbesondere das Auftreten des Frontmanns Morrissey ist derlei Bedeutungszuweisungen zuträglich: Der Sänger gilt als Verkörperung eines spezifischen juvenilen Lebensgefühls der 1980er Jahre, als “‘spokesman’ for a generation of disaffected youth” (Bannister 2006: 150). Infolgedessen greift auch SUMISU diese Themen in textlicher, musikalischer und visueller Hinsicht auf. Als Stilvorlage diente neben The Smiths zudem Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens von Friedrich Wilhelm Murnau, der 1922 erstmals den Dracula-Stoff filmisch aufgriff (vgl. Alt 2012: 16). Norbert Heitker, Regisseur des SUMISU-Videoclips, beschreibt, er habe in den Texten Morrisseys “einen Hang zur dunklen Seite des Lebens” (Heitker 2011: 104) erkannt, woraus die Idee zur Adaption des Vampir-Films resultiert sei (vgl. ebd.: 104–105).

III. Analyse

SUMISU weist mit 2:14 Minuten eine relativ kurze Dauer auf. Der Songtext besteht lediglich aus zwei vierzeiligen Strophen, einem ebenso vier Zeilen aufweisenden Refrain und weiteren zwei Zeilen im Outro des Liedes. Farin Urlaub beschreibt in diesem knappen Rahmen die Stimmung zweier Jugendlicher, die durch Melancholie, Enttäuschung und Unverständnis vonseiten ihres Umfelds geprägt ist. Die Jugendlichen sind schwarz gekleidet, einsam und enttäuscht – Abhilfe schafft jedoch die Musik der Smiths, was am Ende des Refrains Ausdruck findet. Somit reflektiert der Songtext die emotionale Verfassung der “disaffected youth” und referiert zugleich auf die The Smiths umgebende melancholische und düstere Aura.

Analog zur übersichtlichen Gestaltung des Songtextes ist auch die musikalische Form verhältnismäßig schlicht gehalten. Sie setzt sich zusammen aus einem achttaktigen Intro, das wesentlich von einem Gitarrenriff zur Akkordfolge Em, Em, G, A, Bm geprägt ist, einer anschließenden sechzehntaktigen Strophe mit der Akkordfolge Em, Em, G, Bm und dem wiederum achttaktigen Refrain, dem Am, Am, D, D zugrunde liegt. Dieser Ablauf wird einmal wiederholt, wobei das wiederholte Intro nun ein zweites Gitarrenriff aufweist, das nach dem zweiten Refrain zudem im Outro des Songs gespielt wird. Die Verwendung solch schlichter harmonischer Strukturen gilt zunächst als typisches Gestaltungsmerkmal des Indie-Rock der 1980er Jahre, mit dem The Smiths für gewöhnlich in Verbindung gebracht werden (vgl. Bannister 2006: 72). Weitaus markanter äußert sich die musikalische Bezugnahme in SUMISU bei einer Betrachtung des einleitenden Gitarrenriffs. Dieses zeichnet sich durch ein rhythmisches Muster aus, das vorwiegend aus ternär phrasierten Achtelnoten besteht und sich primär des Tonvorrats eines Em-Septakkords bedient. Nicht nur bezüglich des Tempos und in rhythmischer sowie harmonischer Hinsicht ist die Ähnlichkeit zum Gitarrenriff des The Smiths-Songs “What Difference Does It Make?” naheliegend, sie tritt vor allem bezüglich der Sound-Gestaltung hervor. The Smiths-Gitarrist Johnny Marr habe bei den Aufnahmen des Liedes mit “a shower of atmospheric guitar overdubs” (Goddard 2009: 474) experimentiert, woraus der charakteristische Gitarren-Sound resultiert sei. Auch Farin Urlaub verwendete bei den Aufnahmen des Riffs hörbar mehrere Gitarrenspuren, die in ihrer Summe und vor allem durch die leichte Verzerrung sowie den dezenten Phase-Effekt den Klang erzeugen, der an jenem ‘atmosphärischen’ Smiths-Sound orientiert ist. Das Gitarrenriff erklingt zudem in beiden Songs zunächst solistisch und erfüllt eine einleitende Funktion, bevor ein aus drei Achtelschlägen bestehendes Schlagzeug-Fill den Einsatz der restlichen Instrumente ankündigt. Zu diesen Gestaltungsweisen treten im Laufe des Songs weitere Elemente hinzu, die teils in subtilerer Weise Bezüge zu The Smiths erkennen lassen: einerseits der Basslauf, der in den Strophen zumeist Akkordgrundtöne spielt und somit zunächst eine rhythmische Funktion erfüllt; andererseits im Refrain, wo Walking-Bass-Elemente zum Einsatz kommen – derlei Kombinationen finden sich beispielsweise im Smiths-Song “This Charming Man”. Passend zu der schlichten Harmonik verzichtet auch die Gesangsmelodie auf komplexe Strukturen oder große Intervallsprünge: Die Leadstimme schreitet im kompletten Song lediglich den Ambitus einer Quinte von g’ bis d’ ab (im Refrain und im Outro fügt Farin Urlaub eine zweite Stimme hinzu). Auch solche “‘primitive’ melodic devices” (Bannister 2006: 72) gelten als Erkennungsmerkmal des Indie-Rock der 1980er-Jahre, zudem bringt Farin Urlaub bevorzugt an den Zeilenenden ein schwaches Vibrato zum Einsatz und scheint damit auf den Gesangsstil Morrisseys zu referieren (vgl.ebd.: 75).

Schließlich werden die Motive Melancholie und Düsterheit visuell im Videoclip aufgegriffen: Farin Urlaubs Rolle ist dem Grafen Orlok aus Nosferatu. Eine Symphonie des Grauens nachempfunden, der im Original von Schauspieler Max Schreck verkörpert wurde. Im Clip finden sich einerseits Elemente, die direkt auf Nosferatu Bezug nehmen, andererseits solche, die als Verweise auf The Smiths zu verstehen sind – vereinzelt sind auch Kombinationen der Elemente beider Vorbilder zu erkennen. Verweise auf bekannte Nosferatu-Szenen finden sich vor allem zu Beginn des Videoclips: etwa Farin Urlaubs Erheben aus dem Sarkophag, sein nur als Schatten zu sehender, gebückter Gang auf einer Treppe und das Amulett, in dem er ein Bild seiner Verehrten aufbewahrt. Direkte Hinweise auf The Smiths werden vor allem durch die zu sehenden Plattencover deutlich. Passend zur Textzeile “Und dann hörten wir die Smiths” greift Farin Urlaub zum Album The Queen Is Dead und spielt dieses auf einem Grammophon ab. An späterer Stelle ist das Cover des Albums Rank zu sehen, der “Rank”-Schriftzug des Originals wurde jedoch zu “Rankle” – zu Deutsch: “wurmen” – erweitert; der Albumtitel wird zugunsten der intendierten Stimmung einer Modifikation unterzogen. Eine die Referenzen kombinierende Szene zeigt die Verehrte Farin Urlaubs, die auf der Figur der Ellen aus Nosferatu basiert, beim Anfertigen einer Stickerei. Diese bildet die Worte “Morrissey San” ab: “San” ist ein Verehrung ausdrückendes japanisches Suffix (vgl. Heitker 2011: 107), in diesem Falle adressiert an den Sänger der Smiths, dessen Porträt in einem kleinen Bildrahmen im Hintergrund zu sehen ist. Im Original stickt Ellen die Worte “Ich liebe Dich” in den Stoff. Farin Urlaubs Verehrte wird passend zum Titel des Songs von einer Japanerin, dem Model Masako Furuichi, gespielt (vgl. ebd.: 109).

Durch Verhandlung von Attributen, die das Image der Band The Smiths entscheidend prägen, entsteht somit ein mehrschichtiges Geflecht an Verweisen. Durch das Aufgreifen des in Nosferatu verarbeiteten Vampir-Stoffs wird die düstere und melancholische Stimmung zusätzlich intensiviert und die textlich wie musikalisch konstruierte Bezugnahme erweitert. Passenderweise erlangten bereits die SUMISU-Vorbilder The Smiths und Nosferatu unter anderem aufgrund ihres durchdachten Eklektizismus Bekanntheit. In Bezug auf das Schaffen der Smiths wird bisweilen das Aufgreifen gerade von filmischen Vorbildern lobend hervorgehoben (vgl. Brooks 2011: 263–264), Nosferatu gilt als “ästhetisch autonome Adaption des Dracula-Stoffs”, die durch die Verhandlung von Motiven unter anderem aus bildender Kunst und Oper hinsichtlich “Verweisdichte, Anspielungsfülle und Reflexionskultur” unerreichbar geblieben sei (Alt 2012: 16). Farin Urlaub nutzt die hoch gehandelten Vorbilder schließlich zur Konstruktion eines eigenen Verweiskonstrukts.

IV. Rezeption

SUMISU erreichte in den deutschen Single-Charts Platz 60 und konnte sich drei Wochen in der Top-100-Liste halten, das Album Endlich Urlaub! hingegen wurde durch den dritten Platz der Album-Charts deutlich erfolgreicher. Der Videoclip wurde 2002 vom Magazin Musikexpress im Rahmen einer Jahresbestenliste in der Kategorie “Video des Jahres” nominiert.

 

BENJAMIN BURKHART


Credits

Guitar, vocals, bass, drums: Farin Urlaub
Music/writer/songwriting: Farin Urlaub
Producer: Uwe Hoffmann
Label: Völker Hört Die Tonträger
Recorded: 2001
Published: 2001
Length: 2:14

Recordings

  • Farin Urlaub. “Sumisu”. On: Endlich Urlaub!, 2001, Völker Hört Die Tonträger, 108 906-2, Germany (CD/Album).
  • Farin Urlaub. “Sumisu”, 2001, Völker Hört Die Tonträger, 108 908-2, Germany (CD/Maxi-Single).
  • The Smiths. “This Charming Man”. On: The Smiths, 1984, Rough Trade, ROUGH 61, UK (LP/Album).
  • The Smiths. “This Charming Man”, 1983, Rough Trade, RT 136, UK (7”/Single).
  • The Smiths. “What Difference Does It Make?”. On: The Smiths, 1984, Rough Trade, ROUGH 61, UK (LP/Album).
  • The Smiths. “What Difference Does It Make?”, 1984, Rough Trade, RT 146, UK (7”/Single).

References

  • Alt, Peter-André: Die Transformationen des Mythos. Friedrich Wilhelm Murnau: Nosferatu. Eine Symphonie des Grauens (1922). In: Was lehrt das Kino? 24 Filme und Antworten. Ed. by Stefan Keppler-Tasaki and Elisabeth K. Paefgen. München: edition text + kritik 2012, 15-38.
  • Bannister, Matthew: White Boys, White Noise. Masculinities and 1980s Indie Guitar Rock. Aldershot: Ashgate 2006.
  • Brooks, Lee: Talent Borrows, Genius Steals. Morrissey and the Art of Appropriation. In: Morrissey. Fandom, Representations and Identities. Ed. by Eoin Devereux, Aileen Dillane and Martin J. Power. Chicago: University Press 2011, 257-270.
  • Goddard, Simon: Mozipedia. The encyclopedia of Morrissey and The Smiths. London: Ebury 2009.
  • Heitker Norbert: Musikvideo-Produktion und Produktionsablauf Farin Urlaub “Sumisu”, 2001. In: Imageb(u)ilder. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Videoclips. Ed. by Henry Keazor, Thomas Mania and Thorsten Wübbena. Münster: Telos 2011, 96-111.
  • Karg, Markus: Die Ärzte. Ein überdimensionales Meerschwein frisst die Erde auf. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf 2001.
  • Müller, Renate/Rhein, Stefanie/Calmbach, Marc: “‘What difference does it make?’ Die empirische Ästhetik von The Smiths: Eine audiovisuelle Studie zur sozialen Bedeutung des Musikgeschmacks”. In: Ludwigsburger Beiträge zur Medienpädagogik 9. URL: http://www.ph-ludwigsburg.de/fileadmin/subsites/1b-mpxx-t-01/user_files/Online-Magazin/Ausgabe9/Mueller9.pdf [22.07.2015].

Films

Nosferatu. Eine Symphonie des Grauens. Director: Friedrich Wilhelm Murnau. Transit Film, 1922.

About the Author

Benjamin Burkhart is currently a PhD student at the University of Music FRANZ LISZT Weimar and a research fellow at the Center for Popular Culture and Music at the University of Freiburg.
All contributions by Benjamin Burkhart

Citation

Benjamin Burkhart: “Sumisu (Farin Urlaub)”. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, http://www.songlexikon.de/songs/sumisu, 10/2018.

Print