PLASTIC PEOPLE ist der erste Titel auf dem am 26. Mai 1967 veröffentlichten zweiten Album der Mothers of Invention mit dem doppeldeutigen Titel Absolutely Free. Das Stück ist eine Meta-Coverversion eines Cover-Hits in Gestalt eines Protest-Songs.
I. Entstehungsgeschichte
PLASTIC PEOPLE sowie die übrigen Songs auf Absolutely Free waren ursprünglich Bestandteile des Programms, welches The Mothers of Invention über ein halbes Jahr, manchmal mehrmals täglich, im New Yorker Garrick-Theater aufgeführt hatten. Die Revue bzw. das Rock-Musical trug den kryptischen Titel „Pigs and Repugnant: Absolutely Free“. Die Musikdarbietung war durchsetzt mit teilweise bizarren Aktionen auf der Bühne und vielfältiger Publikumsbeteiligung. Zappas Kompositionen auf der LP zitieren sich munter durch die Musikgeschichte: Igor Strawinsky, Gustav Holst, Brian Wilson, The Supremes, „God Bless America“ und „America the Beautiful“ werden aufgerufen sowie Zappas liebster musikalischer Feind, der Coverhit „Louie Louie“ von Richard Berry.
Die Plattenfirma zögerte, die LP zu veröffentlichen und kam dem Wunsch Zappas, die Texte abzudrucken, nicht nach. Wie zuvor im Fall des Freak-Stadtplans von L.A. zur LP Freak Out! konnten die Fans gegen Einsendung von mindestens einem Dollar das komplette, wie es hieß, Libretto erhalten. Zappa sprach in Bezug auf die Folge von Songs von einem „Underground Oratorio“.
Die Plattenfirma hatte nach den Erfahrungen mit der Produktion von Freak Out! das Budget der Produktion etwa halbiert. Dies erforderte Rationalisierungsmaßnahmen. Es stand weniger Zeit vor dem Mikrofon zur Verfügung, es konnten weniger Studiomusiker engagiert werden, und es bestand kaum Spielraum für Experimente. PLASTIC PEOPLE wurde am 15. November 1966 im TTG-Studio in Hollywood eingespielt. Im Nachgang wurde viel Zeit und Sorgfalt auf Schnitt, Montage, Mischung und Mastering des Materials in MGMs hauseigenem Studio in New York verwandt. Für Zappa war diese Verschiebung der Gewichtung von der Production zur Postproduction finanziell von Interesse, weil weniger Studiomiete sowie weniger gewerkschaftlich vorgeschriebene Gagen für die Musiker anfielen und die gewerkschaftlich geregelten Arbeitszeiten umgangen wurden – wie lange Zappa am Mischpult saß, unterlag keiner Reglementierung. Auf die Budget-Kürzung reagierte Zappa dennoch verärgert und hielt aus diesem Grund das Titelstück zurück.
II. Kontext
Der Anlass für den Song waren die sogenannten Sunset Strip curfew riots. Gegenkulturelle Strömungen von Rockern, Hippies, Freaks und anderen waren den Behörden und teilweise auch der Nachbarschaft der jeweiligen jugendkulturellen Treffpunkte in L.A. ein Dorn im Auge. Es kam zu Konfrontationen zwischen der Polizei und den Jugendlichen, die durch Altersbeschränkungen beim Zugang zu Clubs, durch teilweise Ausgangssperren und Maßnahmen gegen abendliche Menschenansammlungen zu kontrollieren suchte. Ein beliebter Szenetreff war der Club Pandora’s Box, gegen dessen von der Stadt geplanten Abriss sich Widerstand formierte. Die Konfrontationen, die daraus resultierten, stellen eine der Keimzellen der weltweiten Jugendproteste am Ende der 1960er Jahre dar.
Das Aufbegehren der Jüngeren gegen die Kriminalisierung ihrer Präsenz im öffentlichen Raum, die Maßnahmen dagegen wie auch das letztlich markt- und gesellschaftskonforme Verhalten der Unterdrückten sind Themen im Song PLASTIC PEOPLE. Wenn implizit wie explizit Zappas Vorwurf den vermeintlich Gegenkulturellen gegenüber lautete, sie hätten sich zu weit vom Underground der selbsternannten Freaks entfernt, ist das in gewisser Weise auch eine Selbstdiagnose. Die Mothers waren bereits mit ihrer zweiten Produktion nicht mehr Underground, sondern ein gut geprobtes und vermarktbares ‚musikalisches Theater der Grausamkeiten‘.
III. Analyse
PLASTIC PEOPLE ist eine Mischform aus Varieté, Spoken-Word-Performance, Hörspiel und Rocksong. Zudem handelt es sich um einen Song über einen Song. In der Weise, wie Picasso Las Meninas von Diego Velasquez wiederholt übermalt hatte, arbeitete sich der junge Zappa musikalisch wie verbal an Richard Berrys Evergreen „Louie Louie“ (1957) ab.
PLASTIC PEOPLE beginnt mit einem Trommelwirbel über dem Frank Zappa den Präsidenten der Vereinigten Staaten ankündigt. Dieser schafft nur die Begrüßung: „Fellow Americans …“, worauf der Ansager verkündet, dass dem Präsidenten schlecht sei und seine Frau ihm Hühnersuppe bringen werde. Musikalisch untermalt wird die gesprochene Politsatire mit dadaistischem Getute, u. a. auf der Vokalise „doot, doot, doot“ und sich reibender Zweistimmigkeit. Der Ansager beklagt, von Zeit zu Zeit das unpopuläre Regierungsprogramm erklären zu müssen, und eine weitere Stimme verlautbart, dass ein CIA-Agent in der Promi-Nachbarschaft im Laurel Canyon herumschleiche.
Die Hookline „Plastic people, oh Baby now, how youʼre such a drag“ entpuppt sich bei genauerem Hinhören als Variante von Richard Berrys einprägsamer Hookline „Louie, Louie. Me gotta go“. Aus dieser Perspektive erscheinen die Nonsens-Vokalisen „doot, doot, doot“ und „doot, doot“ als Verbeugung vor Berrys originalem Doo-Wop-Arrangement, in dem auf „doot“ vokalisiert wurde, woraus The Kingsmen in ihrer Hit-Version ein instrumentales Intro gemacht hatten.
Teils Silbe für Silbe übersetzt Zappa Berrys unschuldig-naiven Calypso-Text in seine zivilisationskritische Rhetorik. Wenn es bei Berry heißt „Me see Jamaica moon above / It won’t be long, me see me love / Me take her in my arms and then, I tell her I never leave again“, findet Zappa hierfür die Worte „Me see a neon moon above / I searched for years and found no love / I’m sure that love will never be, a product of plasticity“.
Plastik – was bereits auf dem Debutalbum der Mothers als Symbol oberflächlicher Unterhaltungskultur fungiert hatte – steht bei Zappa für die Kippbildhaftigkeit seiner Amerikakritik. Machthunger und Machtmissbrauch sind die eine Seite der Medaille, die andere besteht aus sich widerständig dünkendem, unreflektiertem Konsumismus. Allerdings zeigt der Text nicht mit dem Finger auf die Kritisierten, sondern schlägt eine durchaus selbstkritische Volte in der Zeile „Go home and check yourself / You think weʼre talking about someone else“.
IV. Rezeption
Die Band um Frank Zappa hielt sich mutmaßlich zugute, dass auch das zweite Album für die meisten werbefinanzierten Radiostationen in den USA zu heikel war. Nennenswerte Chartplatzierungen hätten am gegenkulturellen Image gekratzt. Nichtsdestotrotz erreichte Absolutely Free, ausgestattet mit einem Werbeetat von 25.000 $, Platz 41 der Billboard-Charts und war damit unter den 10 erfolgreichsten Produktionen aus Zappas umfangreichem Katalog.
Zappas Amerikakritik war anteilig immer Konsumkritik (Plastik), aber nur sehr vermittelt Kapitalismuskritik. Unter dem Motto „no commercial potential“ vermarktete er seine ersten Platten erstaunlich gut. Und wenn Zappa Profit- und Vermarktungszusammenhänge anprangerte, dann war das zumeist im Interesse seines Profits und der Vermarktung seiner Musik. Zappa reflektierte und durchschaute, dass Protest im Medium des Ästhetischen immer im Modus das Als-ob stattfindet, also eine Inszenierung ist. Generell hat man bei ihm den Eindruck, er spielt einen Rockstar in einer sorgfältig choreografierten Performance, welche den Anschein des Spontanen und Widerständigen erweckt. Dabei war er ein Werbeprofi in eigener Sache. So weckte er mit einer kommentierten Fassung des Librettos von Absolutely Free und einer Reihe von Artikeln – unterstützt von seinem Label mit Werbung – in der Londoner International Times die Aufmerksamkeit der dortigen Musikszene und lancierte die Mothers für ein Konzert in der Royal Albert Hall, bei dem Don Preston in einer denkwürdigen Aktion die Empore der Mighty & Majestic Albert Hall Pipe Organ erklomm, um auf dieser Louie Louie zum Besten zu geben. Im Zusammenhang mit der Presseberichterstattung machte Robert Davidson in einem Londoner Hotel Bilder im Badezimmer. Das bekannteste davon ist das ikonische Foto von Zappa auf der Toilette, welches als Poster in erheblicher Auflage Accessoire jugendlicher subkultureller Dekoration wurde. Finanziell hatte Zappa keinen Anteil am Verkauf dieser kulturellen Ikone.
Parallel zur LP veröffentlichte MGM eine Single mit zwei Titeln, die nicht auf dem Album zu finden waren und erst bei späteren CD-Veröffentlichungen und im Stream integriert wurden. Diverse Live-Versionen von PLASTIC PEOPLE sind überliefert, z. B. erschien eine Aufnahme von 1969 auf You Can’t Do that on Stage Anymore, Vol. 1 (1988) als Track 1 auf Disc 2.
Der Songtitel inspirierte die tschechische Underground-Band The Plastic People of the Universe (gegründet 1968) zu ihrem Namen.
MATTHIAS TISCHER
Credits
Composition, co-production, vocals: Frank Zappa
Backing vocals: Ray Collins
Timpani: Jimmy Carl Black
Drums: Billy Mundi
Bass, falsetto vocals: Roy Estrada
Alto saxophone, bassoon: Bunk Gardner
Keyboards: Don Preston
Producer: Tom Wilson
Label: Verve/MGM
Recording studio: TTG Studios
Published: 1967
Length: 3:42
Recordings
The Mothers of Invention: „Plastic People“. On: Absolutely Free, 1967, LP Mono, Verve V-5013 / V/V6-5013X, USA (vinyl).
The Mothers of Invention: „Plastic People“. On: Absolutely Free, 1967, Verve V6-5013, USA (vinyl).
The Mothers of Invention: „Plastic People“. On: Absolutely Free, 1967, LP Stereo, Verve V6/5013, Canada (vinyl).
The Mothers of Invention: „Plastic People“. On: Absolutely Free, 1967, LP mono, Verve VLP 9174, GB (vinyl).
The Mothers of Invention: „Plastic People“. On: Absolutely Free, 1967, LP stereo SVLP 9174, GB (vinyl).
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Films
Eat That Question. Frank Zappa in His Own Words. Director: Schütte, Thorsten. Sony Pictures Classics, 2016 (DVD/043396481306).
Zappa. Director: Winter, Alex. Magnolia Pictures, 2020 (DVD/MAG12345).
Links
http://www.zappa-analysis.com/freak-out.htm [05.12.2025].
https://fzpomd.net/links.html [05.12.2025].
About the Author
All contributions by Matthias Tischer
Citation
Matthias Tischer: “Plastic People (The Mothers of Invention)”. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, https://www.songlexikon.de/songs/plastic-people, 08/2026.
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