1946
Yves Montand

Les Feuilles Mortes

LES FEUILLES MORTES war der Startpunkt für die Weltkarriere des französischen Schauspielers und Sängers Yves Montand. Ein neuer englischer Text machte das Lied als „Autumn Leaves“ ab 1950 zum Jazz-Klassiker, von dem über 600 Versionen auf Tonträgern existieren.

 

I. Entstehungsgeschichte

Komponist Joseph Kosma, 1905 in Budapest in eine ebenso großbürgerliche wie musikalische Familie geboren, arbeitete ab 1928 in Berlin mit dem Autoren Bertolt Brecht und dem Komponisten Hanns Eisler zusammen. Kurz nach der nationalsozialistischen Machtübernahme emigrierte er 1933 nach Paris, wo er vor allem als Filmkomponist für Jean Renoir arbeitete, aber auch Opern, Theater-, Pantomimen- und Ballettmusiken schrieb. Wegen seiner jüdischen Abstammung kam er mit der Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht im Sommer 1940 unter Hausarrest und erhielt Berufsverbot. Der Schriftsteller, Drehbuchautor und Lyriker Jacques Prévert, im Jahr 1900 im Pariser Nobel-Vorort Neuilly geboren, organisierte jedoch eine geschickte Tarnung, so dass sein Freund Kosma unter Pseudonym weiter als Filmkomponist arbeiten konnte. Zum Dank vertonte der rund 60 Gedichte Préverts, darunter eine kurze, melancholische Szene über das Auseinandergehen eines Paares, nachdem die Liebe über die Jahre verblasst und versandet ist, sich verschlissen hat, beendet wurde.

Im Herbst 1945 erhielt Prévert von Regisseur Marcel Carné den Auftrag für ein Drehbuch, Kosma den für die Musik einer geplanten Ballett-Verfilmung. Marlene Dietrich und Jean Gabin, zu jener Zeit im realen Leben ein Paar, sollten in diesem Projekt mit dem Titel Les Portes de la Nuit die Hauptrollen spielen. Als sich die beiden jedoch kurz darauf wieder trennten, lehnte die Dietrich das Engagement ab. Daraufhin zog sich auch Gabin zurück. So wurde der junge Yves Montand für die männliche Hauptrolle des Diego engagiert. Der charismatische, gutaussehende Sänger war 1921 als Ivo Livi im toskanischen Monsummano Terme geboren und emigrierte drei Jahre später wegen des faschistischen Mussolini-Regimes mit seinen Eltern nach Frankreich. Als Protegé von Edith Piaf war der Chansonnier in der Pariser Kunstszene bekannt geworden, hatte an der Seite seiner Förderin schon 1945 eine kleine Rolle in Marcel Blistènes Film Etoile sans lumière gespielt.

In Les Portes de la Nuit (1946)singt er in LES FEUILLES MORTES Préverts Verse über das Ende einer Liebe zu Kosmas Melodie, die dieser schon in der ursprünglichen Ballettversion des Filmstoffs verwendet hatte.

 

II. Kontext

Nach der Befreiung von der nationalsozialistischen Besatzung im August 1944 erwachte in Paris sofort wieder die eigenständig-französische Kulturszene. Django Reinhard und Stephane Grapelli spielten mit dem Hot Club de France schnellen Jazz, Edith Piaf, Juliette Gréco, Charles Trenet, Patachou, Barbara, Léo Ferré und viele andere füllten mit ihren Chansons die rasch aufblühende Szene von Kabaretts, Cafés und Nachtclubs am Montmartre und an der Rive Gauche. Zahllose Literaturschaffende, die unter der nationalsozialistischen Besatzung nur zensiert und somit stark gezügelt publizieren konnten, steuerten nun ihre unveröffentlichten Gedichte und Texte bei. Die vielen Komponierenden, die vier Jahre lang unter ähnlichen Bedingungen gelitten hatten, lieferten die Melodien; die ebenfalls lange unterversorgten Musikerinnen und Musiker spielten auf. Jazz-Instrumentierungen modernisierten traditionelle Musette-Elemente, Trios oder Quartette mit Klavier, Akkordeon oder Gitarre als Melodie-Instrumenten wurden zur Standardbegleitung der Sängerinnen und Sänger. Die Ensembles konnten auch auf winzigen Podesten auftreten, die Besetzung ermöglichte schnelle Wechsel der Ensembles von Bühne zu Bühne am selben Abend. So entstand eine lebendige Chanson-Szene, die Frankreichs ebenfalls aufblühende Filmwirtschaft bereitwillig bereicherte. Viele Chanson-Stars spielten auch in den Filmen von Jean Renoir, Jacques Becker, André Berthomieu und Marcel Carné.

Die Themen der neuen Chansons waren zum Teil beeinflusst vom Existenzialismus eines Jean-Paul Sartre, einer Simone de Beauvoir oder eines Albert Camus, die den Songs allabendlich in den Cafés und Clubs von Saint Germain lauschten. Zum Teil waren es aber auch sensible Liebeslieder, atmosphärisch dichte Sozialstudien, Naturbetrachtungen, subjektive Reflektionen, die den Weg zum Genre der Singer-Songwriter eröffneten, zum Teil auch weiter ebneten.

 

III. Analyse

Yves Montands ursprüngliche Version von LES FEUILLES MORTES (die französische Redewendung bedeutet ins Deutsche übersetzt: Die welken Blätter) steht in d-Moll. Nach einem längeren Rezitativ singt Montand rhythmisch zum Teil frei zwei Strophen des Prévert-Gedichts, gefolgt von einem Refrain. Dessen Melodiefigur aus drei Viertel- und einer ganzen Note wandert von der Subdominante (g7) alle zwei Takte jeweils eine Quint nach unten, endet schließlich in der Grundtonart d-Moll.

Eine kleine, durch ein Akkordeon französisierte Jazz-Combo ohne Schlagzeug hält ein sehr gemäßigtes Tempo, akzentuiert zurückhaltend den 4/4-Takt und ordnet sich ganz dem zarten, zum Teil mit Kopfstimme intonierten Gesang unter. Dadurch wird klar: Es geht um den Text, um die Geschichte einer beendeten Liebe. Ins Deutsche übertragen (von Hannes Wader) heißt es im Refrain: „Dieses Lied gleicht unserem Leben: Du liebtest mich, ich liebte dich. Wir fühlten uns reich, wir liebten uns eben. Wie ich dich liebte liebtest du mich.“ (zitiert nach https://genius.com/Hannes-wader-die-welken-blatter-lyrics)

Dann, im B-Teil, kippt die Stimmung ins Traurige: „Mais la vie sépare ceux qui s’aiment. Doucement sans faire de bruit“ (zitiert nach https://genius.com/Yves-montand-les-feuilles-mortes-lyrics, deutsch: „Das Leben trennt die Liebenden sanft und geräuschlos“). Hier stoppt die Begleitband; auch Montands Gesang, hoch im Falsett, verlässt den Beat. Es wirkt, als wäre der Interpret selbst überwältigt von dem unausweichlichen Schicksal, das er besingt. Als gehe ihm die Kraft aus, als müsse er Luft holen. Erst die Metaphern des Textes in den nächsten Zeilen und die Melodie über die Dominante in A-Dur bringen die Begrifflichkeiten der Realität und den langsamen, geraden Rhythmus wieder zurück: „Et la mer éfface sur le sable les pas des amants desunis.“ (zitiert nach dito, deutsch: „Und das Meer löscht im Sand die Spuren/der Liebenden, die auseinandergehen.“)

Der Text der Strophen breitet die traurigen Bilder weiter aus – unaufgeregt, fast abgeklärt, immer an der Grenze der Resignation und begleitet von jazzig angeschrägten Moll-Akkorden: „Les feuilles mortes se ramassent à la pelle, les souvenirs et les regrets aussi. Mais mon amour silencieux et fidèle sourit toujours et remercie la vie. Je t’aimiais tant, tu etais sie jolie. Comment veux-tu je t’oubli? En ce temps-là la vie était plus belle et le soleil plus brulant qu`aujourd`hui.“ (zitiert nach dito, deutsch: „Die welken Blätter werden zusammengeschoben mit der Schaufel – wie auch die Erinnerungen und das Bedauern. Aber meine stille und treue Liebe lächelt immer weiter und dankt dem Leben. Ich habe dich so sehr geliebt, du warst so hübsch, wie sollte ich dich je vergessen? Und damals war das Leben schöner, die Sonne brannte stärker als heute.“)

Das Lied ist kurz, je nach Version nur zwei, drei Minuten lang. Doch als Chanson mit einer intensiven Einheit von Text und Musik prägt es sich ein, sorgt es für eine unnachahmliche Atmosphäre des Bedauerns über eine schicksalhaft traurige Entwicklung zwischen zwei Menschen.

 

IV. Rezeption

Der Film Les Portes de la Nuit war 1946 kommerziell ein Reinfall. Die Zeitungen kritisierten, der junge Montand sei seiner Hauptrolle nicht gewachsen. Keine Rezension erwähnte das Chanson im Zentrum des Films. Doch Montand war überzeugt von der Substanz des Werks, übernahm LES FEUILLES MORTES in sein Live-Programm und nahm 1949 den Song für eine Schelllack-Single (mit 78 UpM) auf. Es wurde und blieb zeitlebens eines seiner musikalischen Erkennungszeichen.

Eine sogleich erfolgreichere Version, dramatisch inszeniert und mit großer Orchesterbegleitung, kam im Jahr 1950 von der Chansonnière Cora Vaucaire auf den Markt. Nahezu zeitgleich veröffentlichte die Schauspielerin und Sängerin Marianne Oswald, geboren und aufgewachsen im lothringischen Saarguemines, eine Fassung mit deutsch-französischem Text. Und als Juliette Gréco das Lied 1951 auf ihre erste Welt-Tournee mitnahm, war es bereits als „Autumn Leaves“ mit einem englischen Text von Johnny Mercer auf dem Weg zu einem Welthit, zu einem Jazz-Klassiker.

Johnny Mercer, 1909 in Savannah, Georgia geboren, war von den 1930er bis in die `50er Jahre einer der erfolgreichsten US-amerikanischen Songtexter („Moon River“, „Hooray for Hollywood“, „Days of Wine and Roses“ u.v.m.). Daneben komponierte er auch Songmelodien, gewann u. a. vier Oscars für Originalfilmmusiken und interpretierte seine Werke selbst mit eigener Klavierbegleitung. Als Mitgründer von Capitol-Records war er zudem ein erfolgreicher Unternehmer in der Musikindustrie.

Sein „Autumn Leaves“-Text besteht nur aus zwei unterschiedlichen Strophen und ist somit viel kürzer als Préverts LES FEUILLES MORTES. Er besingt herbstlich rote und goldene Blätter, die vor seinem Fenster vorbeitreiben – nicht etwa tote, die mit einer Schaufel zusammengeschoben und entfernt werden. Die Atmosphäre in Mercers Text ist, der Melodie in Moll entsprechend, zwar auch melancholisch, doch weitaus weniger morbide, weniger fatalistisch. Die Metaphorik beschreibt die Situation eines vorübergehenden Getrenntseins, nicht das Ende einer Liebe, keinen Verlust durch finale Trennung. Es erscheint daher sinnvoll, „Autums Leaves“ nicht als englische Coverversion des französischen Vorbilds zu betrachten, sondern als inhaltlich eigenständige Weiterentwicklung.

In Mercers Songstruktur wurde Joseph Kosmas Originalkomposition von unzähligen Jazz-Größen interpretiert – von Artie Shaw über Cannonball Adderley, Stan Getz, Chet Baker, Duke Ellington, Erroll Garner, John Coltrane, Miles Davis und vielen anderen. Mit Mercers Text wurde „Autumn Leaves“ ein Hit für Frank Sinatra, Nat King Cole, Doris Day, Bing Crosby, Sarah Vaughn, Barbra Streisand, Eric Clapton u. v. a. Eine Instrumentalversion von Roger Williams hielt im Jahr 1955 vier Wochen lang Platz eins der US-Charts (sowohl in der Fachzeitung „Billboard“ wie auch bei „Cashbox) und gilt mit einer Schallplattenauflage von zwei Millionen Exemplaren als erfolgreichster Klaviertitel aller Zeiten.

Das französische Original haben neben den bereits Genannten Edith Piaf, Dalida, Grace Jones, Françoise Hardy und Iggy Pop und viele andere aufgenommen. Wolf Biermann hat 1985 unter dem Titel „Welke Blätter“ eine deutsche Übersetzung präsentiert, ebenso Hannes Wader auf seinem Album „Nah dran“ von 2012. Die TV-Moderatorin Ina Müller hat auf ihrem Album „Die Schallplatte – nied opleggt“ im Jahr 2009 eine Version mit plattdeutschem Text veröffentlicht.

 

MICHAEL O.R. KRÖHER


Credits

Composition: Joseph Kosma
Lyrics: Jacques Prévert
Vocals: Yves Montand
Release (Print): 1947

Recordings

Yves Montand, „Les Feuilles Mortes / Et La Fête Continue “, 1949, Odeon, 282.066, France (Shellac).

Covers

Cora Vaucaire, „Les Feuilles Mortes“, 1950, Le Chant du Monde, 1536, France (Shellac).
Marianne Oswald: „Les Feuilles Mortes“. On: Florilège, 1974, Musidisc, 109354 (Audiocassette).
Juliette Gréco „Les Feuilles Mortes“. On: Les Feuilles Mortes, o. J., Philipps, 6620 022 (2xLP).
Edith Piaf: „Les Feuilles mortes/Autumn Leaves. On: Live at Carnegie Hall (13th January 1957), 1977, EMI, DUO 129, UK (2xLP).
Dalida: „Les Feuilles Mortes“. On: Et Dieu …..Créa Dalida, 1978, Orlando, 67.279, France (2xLP).
Grace Jones: „Autum Leaves Part 1 & 2 (Les Feuilles Mortes)“, 1978, Island Records, 6172 542, France (LP).
Françoise Hardy: „La Mer / Les Feuilles Mortes“, 1971, Disques Vogue, V.45.1798, France (LP).
Iggy Pop: „Les Feuilles Mortes“, On: Preliminaires, 2009, EMI, 50999 6985782 9, Europe (CD).
Wolf Biermann: „Welke Blätter“, On: Die Welt ist schön, 1985, Musikant, 1C 066 24 0446 1, Germany (LP).
Hannes Wader: „Welke Blätter“, On: Nah dran, 2012, Mercury, 06025 3718871, Germany (CD).
Ina Müller: „Schnee fallt bald“, On: Die Schallplatte – nied opleggt, 2009, 105 Music, 88697597002, Germany (CD).

References

Anon.: Autum Leaves (1945 Song). In: https://en.wikipedia.org/wiki/Autumn_Leaves_(1945_song)#cite_note-eurojazzland-3 [21.05.2026].
Anon.: Les feuilles mortes. In: https://fr.wikipedia.org/wiki/Les_Feuilles_mortes [21.05.2026].
Luca Cerchiari, Laurent Cugny, Franz Kerschbauer (ed.): Eurojazzland: Jazz and European Sources, Dynamics, and Context. Northeastern University Press o. O. 2012.
Henke, Matthias: Yves Montand. In: Die großen Chansonniers und Liedermacher. Wichtige Interpreten, bedeutende Dichtersänger. (Hermes Handlexikon). Düsseldorf: Econ Taschenbuchverlag 1987, 142–148.
Schmidt, Felix: Das Chanson, Herkunft, Entwicklung, Interpretation. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch 1982.

Films

Les Portes de la Nuit. Dir: Marcel Carné, Script: Jacques Prévert, Production: Pathé Consortium Cinéma, France 1946.
Souvenirs perdus. Dir.: Christian Jacque, Script: Jacques Companeez/Jacques Prévert, Production: Jacques Roitfeld, France 1950.
Parigi è sempre Parigi/Paris est toujours Paris. Dir. : Luciano Emmer, Script: Sergio Amidei, Luciano Emmer, Jean Ferry, Ennio Flaiano, Giulio Macchi, Francesco Rosi, Jacques Rémy; Production: Omnium International du Film/Fortezza Film, France/Italy 1951.

Links

Frühe Version von Montand mit langem Rezitativ zu Beginn: https://www.youtube.com/watch?v=Xo1C6E7jbPw [21.05.2026].
Der reife Montand live im Pariser Olympia,(fast) nur von einem Klavier begleitet: https://www.youtube.com/watch?v=uG7HcKezg5I [21.05.2026].
Die Film-Version aus „Paris est tourours ParisParigi è sempre Parigi“ von 1951: https://www.youtube.com/watch?v=JWfsp8kwJto [21.05.2026].

About the Author

Michael O.R. Kröher was a journalist for major German magazines and is now a non-fiction writer in Berlin.
All contributions by Michael Kröher

Citation

Michael O.R. Kröher: “Les Feuilles Mortes (Yves Montand)”. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, https://www.songlexikon.de/songs/les-feuilles-mortes, 10/2026.

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