WHO ARE THE BRAIN POLICE? ist der dritte Track auf der ersten LP des Doppelalbums Freak Out! der Mothers of Invention. Im Jahr des LP-Release, 1966, wurde das Stück auf die B-Seite der ersten Singleauskoppelung gepresst. Die rote Plattenhülle mit Bandnamen, Album- und Songtiteln enthielt zudem den Aufdruck „They look bad and even smell worse“. WHO ARE THE BRAIN POLICE? war zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung wegweisend dafür, wie sehr The Mothers of Invention und Frank Zappa die ästhetischen Konventionen der Popmusik unterlaufen sollten.
I. Entstehungsgeschichte
Der erfolgreiche und erfahrene Schwarze Musikproduzent Tom Wilson nahm angeblich lediglich auf Grundlage der Kenntnis einer Live-Version des rassismuskritischen Blues-Titels „Trouble Cominʼ Every Day“ die Mothers of Invention (damals: The Mothers) für das Label Verve unter Vertrag. Die Band musste sich vor der Veröffentlichung ihres ersten Albums bei MGM wegen der Doppeldeutigkeit des Slang-Wortes „mother“ in Mothers of Invention umbenennen, was einem Titel wie „Motherly Love“ auf der Doppel-LP eine zusätzliche Bedeutungsebene verlieh.
Wilson hatte seinem Label MGM die Newcomer wahrscheinlich als neue, sozialkritische, aufstrebende Bluesband von der Westküste empfohlen.
Als er mit den Musikern am 9. März 1966 begann WHO ARE THE BRAIN POLICE? aufzunehmen, dürfte ihm sein Irrtum bewusst geworden sein. Zappa erinnerte sich später, dass Wilson im Laufe der Produktion zum Telefonhörer gegriffen habe, um MGM die stilistische Kurskorrektur zu vermitteln. Er habe jedoch stets hinter der Band gestanden, für die er das hohe Budget – die moderatesten Schätzungen gehen von 20.000 $ aus – sowie sechs Wochen Studiozeit herausgeschlagen hatte. Die Produktionskosten wurden von der Plattenfirma allerdings lediglich vorgeschossen und mussten aus den Verkäufen später abbezahlt werden. Das Debüt-Doppelalbum, wohl eines der ersten im Genre Rock, erschien am 22. Juni 1966 auf dem Label Verve im Vertrieb von MGM. Wenn man einen Dollar an MGM sandte, konnte man als Ad-on zum Doppelalbum eine Art Stadtplan von Los Angeles ordern, mit sogenannten „Freak Out Hot Spots“. Der Ankündigungstext lautete: „PLANNING ON VISITING L.A. THIS SUMMER? Send for your copy of the special map we have prepared for you; ‚FREAK-OUT HOT-SPOTS‘ shows how to get to Canters, Ben Frankʼs, Fred C. Dobbs, The Trip, The Whisky A-Go-Go, The Brave New World, Itʼs Boss, Bido Litoʼs, and many more interesting places. Also shows where the heat has been busting frequently, with tips on safety in police-terror situations. Only $1.00 in magnificent color (mostly black) send to: FREAK MAP c/o MGM RECORDS, 1540 Broadway, New York, N.Y. 10036. Hurry! This map has no commercial potential!“
Die Single erschien kurz nach der LP.
II. Kontext
Mitte der 1960er Jahre vermischten sich in der Bay Area verschiedene Kulturen und musikalische Strömungen. Die Folkszene begann sich zu elektrifizieren und damit das wachsende Angebot an elektroakustischen Gitarren- und Gesangseffekten zu erschließen. Desgleichen flossen neue Sounds aus der Beat- und Surfmusik mit ein. Die Erfahrungen mit halluzinogenen Substanzen und die exzessive Verwendung von Hall- und Echoeffekten schienen miteinander zu korrelieren. Bald war die Rede von Psychedelic- oder direkter noch von Acid-Rock. Die Befreiung der Körper in Tanz, Happening und „freier Liebe“ ging – vermeintlich – einher mit einer Befreiung des Geistes u. a. durch LSD, Marihuana oder Magic Mushrooms.
Der aggressive Umgang der Polizei mit den „Freaks“ und Hippies war ein Indikator dafür, wie sehr die Mehrheitsgesellschaft die Jugendbewegungen an der Westküste als Teil eines bedrohlichen Generationenkonflikts wahrnahm. In welchem Tempo die Kulturindustrie der USA die vermeintliche Counter Culture den Verwertungsmechanismen des Kapitalismus einverleiben würde, dürfte neben Zappa nur wenigen Zeitgenossen bewusst gewesen sein. Sehr früh entlarvte er die Hippie-Mode als kulturindustriellen Ausverkauf.
III. Analyse
WHO ARE THE BRAIN POLICE? ist ein herausragendes Beispiel für die Dialektik von kompositorischer Determination und freier, wilder Improvisation, wiederum sorgfältig eingerahmt zwischen den verschiedenen Phasen der Produktion.
Ein blubbernder Bass zu Beginn des Stückes zerteilt vom bedrohlichen Ticken eines Ride-Beckens mutet eher wie die Inzidenzmusik eines düsteren Hörspiels an. Reverb und Delay lassen die tiefen Töne wie dumpfe Einschläge klingen. Irrlichternde Perkussion verstärkt den Eindruck des Nachtstück- bzw. Geisterhaften. Eine Art Strophe im 3/4-Takt scheint beim Hören Halt zu vermitteln, gleichzeitig reibt sich der Gesang in Terzen auf Vokalise in tiefer Lage an der Begleitung in anderer Tonalität (g-d-a im Bass, d-fis in der Vokalise). Plastik und Chrom, als Symbole der glänzenden Consumer-Culture schmelzen im Text. Der Schein des Vertrauten wird ab Takt 22 von einer Lärmeruption mit Schreien, Feedback und der Aussage „I think Iʼm going to die“ zerstört.
Selbstverschuldete Unmündigkeit im Gesellschaftlichen, Religiösen wie Sexuellen war für Zappa der Inbegriff der Hölle auf Erden. 1988 äußerte er sich gegenüber Bob Marshall in einem Interview: „A lot of people police their own brains. Theyʼre like citizen soldiers, so to speak. Iʼve seen people who will willingly arrest, try and punish their own brains.“
Zappa nahm in WHO ARE THE BRAIN POLICE? ausgehend von George Orwells Gedankenpolizei aus dem Roman 1984 das Konzept des Polizisten im Kopf als Bestandteil des emanzipatorischen Projekts eines Theaters der Unterdrückten des Theater-Pädagogen Augusto Boal vorweg – die Selbstüberwachungsmechanismen des digitalen Zeitalters ließen sich nicht einmal erahnen. Das Verstörende an WHO ARE THE BRAIN POLICE? scheint noch verstärkt durch die Position des Stückes auf der LP zwischen dem Anti-Liebes-Lied „Ain’t Got No Heart“ und der Parodie einer Schnulze, „Go Cry on Somebody Else’s Shoulder“. Der Abgrund kündet sich allerdings bereits in einer kurzen Lärmattacke gegen Ende von „I Ain’t Got No Heart“ an, welche in einer Variante dann die psychedelisch-düstere Strophe von WHO ARE THE BRAIN POLICE? unterbricht. Die unmittelbar anschließende Doo-Wop-Nummer „Go Cry on Somebody Else’s Shoulder“ mit ihrem triefenden Liebesleid und den übertriebenen, fast tierisch anmutenden Background-Vocals, stellt die Frage in den Raum, was unheimlicher ist: eine Musik, die textlich wie musikalisch in die Abgründe selbstverschuldeter Unmündigkeit blicken lässt, oder ein völlig klischeeüberladenes Liebeslied, dessen beißende Ironie den meisten Anhängern musikalischer Gemütlichkeit mutmaßlich entgangen sein dürfte. Wie die Kirsche auf der gesellschaftskritischen Torte wirkt das Kazoo-Solo gegen Ende des Songs, welches einem Akt der Entweihung des Amerikanischen an sich gleicht. Es klingt, als vokalisiere Mickey Mouse bösartig im Wahn.
IV. Rezeption
Weder in den USA noch in Großbritannien erreichte die Single-Auskoppelung mit WHO ARE THE BRAIN POLICE? (A-Seite) und „Trouble Cominʼ Every Day“ (B-Seite) eine Platzierung in den Top 100. Die A-Seite war musikalisch zu ungewöhnlich und beide Seiten zu politisch für Airplay in den USA. Misstrauen seitens der heimischen Radiostationen sicherte den Mothers of Invention wiederum Sympathien bei den „Freaks“ zuhause und den linken und alternativen Milieus nicht nur in Europa. In Großbritannien, Italien und Westdeutschland erschienen die Erstveröffentlichungen des Doppelalbums gekürzt auf einer LP. nicht enthalten waren „Go Cry On Somebody Else’s Shoulder“, „How Could I Be Such a Fool“, „Any Way the Wind Blows“ und „It Can’t Happen Here“. Das ließ, mutmaßlich aus kommerziellen Erwägungen, die Platte in Europa experimenteller erscheinen.
Wie fast alle Veröffentlichungen von Frank Zappa wurde Freak Out! wiederholt remastered und mehrfach neu aufgelegt. 1971 kam auf Verve ein Reissue als Doppelalbum, 1985 die Wiederauflage bei Zappa Records heraus. Zappas Barking Pumpkin Records veröffentlichten die Doppel LP abermals in der Old Masters Box Vol. 1. Ab 1987 erschien Freak Out! als CD bei JPC (UdSSR/RU), Rykodisc (USA), VACK (Asien), Zappa Records (EU) und abermals 1995 auf Rykodisc und VACK mit einem veränderten Cover. Zum 40-jährigen Jubiläum erschien 2006 im Rahmen des MOFO Project/Object eine Audiodokumentation des Making-of von Freak Out!. 2010 erschien The Alternate Freak Out from Previously Unknown Master Tapes mit einer anderen Reihenfolge der Titel in seinerzeit verworfenen Mixes.
Seit dem Debüt war der Ton für Rezensionen der Musik der Mothers of Invention um Frank Zappa gesetzt. In dem Maße, wie die Tagespresse in Besprechungen die Musik der Mothers verriss, feierten sie die Fans.
Trotz der Sperrigkeit von WHO ARE THE BRAIN POLICE? versuchten sich Camper Van Beethoven, Mark Nauseef, Monks of Doom, The Molecules, The Ed Palermo Big Band und Jon Poole an einer Coverversion.
Das Album Freak Out! wird vom Magazin Rolling Stone unter den 500 besten Alben aller Zeiten gelistet.
MATTHIAS TISCHER
Credits
Composition, co-production, vocals, kazoo: Frank Zappa
Vocals: Ray Collins
Percussion, drums, vocals: Jimmy Carl Black
Bass, (falsetto) vocals: Roy Estrada
Guitar: Elliot Ingber
Guitar (Fuzz-Tone): Neil LeVang
Piano: Gene DiNovi
Producer: Tom Wilson
Label: Verve/MGM
Recording studio: TTG Studios
Published: 1966
Length: 3:33
Recordings
The Mothers of Invention. „Trouble Comin’ Every Day“ (A), „Who Are the Brain Police?“ (B), 1966, Verve/MGM VK-10458, USA (vinyl).
The Mothers of Invention. „Trouble Comin’ Every Day“ (A), „Who Are the Brain Police?“ (B), 1966, Verve/MGM 58 509, Netherlands (vinyl).
The Mothers of Invention: „Who are the Brain Police?“. On: Freak out!, 1966, 2xLP Stereo, Verve V6-5005-2, USA (vinyl).
The Mothers of Invention: „Who are the Brain Police?“. On: Freak out!, 1966, 2xLP Mono, Verve V-5005-2, USA (vinyl).
The Mothers of Invention: „Who are the Brain Police?“. On: Freak out!, 1966, 2xLP Stereo, Verve V6-5005-2, Canada (vinyl).
The Mothers of Invention: „Who are the Brain Police?“. On: Freak out!, 1966, 1xLP, Verve 710 003, Germany (vinyl).
The Mothers of Invention: „Who are the Brain Police?“. On: Freak out!, 1967, 1xLP, Verve 710 003, France (vinyl).
The Mothers of Invention: „Who are the Brain Police?“. On: Freak out!, 1967, 1xLP Mono, Verve VLP 9154, UK (vinyl).
The Mothers of Invention: „Who are the Brain Police?“. On: Freak out!, 1969, 2xLP – Verve / Nippon Grammophon SMV-9045/46, Japan (vinyl).
The Mothers of Invention: „Who are the Brain Police?“. On: Freak out!, 1987, Ryko RCD 10526, USA/Europe (CD).
The Mothers of Invention: „Who are the Brain Police?“. On: Freak out!, 2022, Oldays ODR7114, Japan (CD).
Frank Zappa. „Frank Zappa – MOFO: The Making of Freak Out! Project/Object An FZ Audio Documentary“, 2004, ZR 20004, USA, USA (4xCD).
References
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Courrier, Kevin: Dangerous Kitchen: The Subversive World of Zappa. Toronto: ECW Press 2002.
Lowe, Kelly Fisher: The Words and Music of Frank Zappa. Westport, CT: Praeger 2007.
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Russo, Greg: Cosmik Debris. The Collected History and Improvisations of Frank Zappa. New York: Crossfire Publications 1998.
Slaven, Neil: Electric Don Quixote: the Story of Frank Zappa. London: Omnibus Press 1996.
Ulrich, Charles: The Big Note. A Guide to the Recordings of Frank Zappa. Vancouver: New Star Books 2018.
Watson, Ben: Frank Zappa: the Negative Dialectics of Poodle Play. New York: St. Martin’s Press 1994.
Wicke, Peter: Rock Music. Culture, Aesthetics, Sociology. Cambridge: Cambridge University Press 1990.
Zappa, Frank with Occhiogrosso, Peter: The Real Frank Zappa Book. New York: Poseidon Press 1989.
Films
Eat That Question. Frank Zappa in His Own Words. Director: Schütte, Thorsten. Sony Pictures Classics, 2016 (DVD/043396481306).
Zappa. Director: Winter, Alex. Magnolia Pictures, 2020 (DVD/MAG12345).
Links
http://www.zappa-analysis.com/freak-out.htm [05.12.2025].
https://fzpomd.net/links.html [05.12.2025].
About the Author
All contributions by Matthias Tischer
Citation
Matthias Tischer: “Who Are the Brain Police? (The Mothers of Invention)”. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, https://www.songlexikon.de/songs/who-are-the-brain-police, 08/2026.
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