1968
The Mothers of Invention

Let’s Make the Water Turn Black

LET’S MAKE THE WATER TURN BLACK ist der zweite Titel auf der zweiten Seite der LP We Are Only in It for the Money von den Mothers of Invention, welche am 4. März 1968 auf dem Label Verve im Vertrieb von MGM erschien. Das Stück ist eine Liebeserklärung an das Aufwachsen in der Lower-Middle-Class in den USA der 1950er Jahre.

 

I. Entstehungsgeschichte

Das ganze Album kann als Antwort auf Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band von den Beatles gehört werden. Die Covergestaltung war eine Parodie der Beatles-Plattenhülle. Statt in Fantasiekostümen posierte die Band in Frauenkleidern, statt des Boxers Sonny Liston ist der Produzent Tom Wilson zur Linken, Jimi Hendrix zur Rechten abgebildet. Der Hintergrund wird, wie bei den Beatles, von Pappfiguren und Puppen bzw. collagierten Köpfen bevölkert. Der Designer Cal Schenkel hatte sich selbst rechts unten im Bild mit leerem Eierkarton in Szene gesetzt. Die Mothers und ihr Team hatten inzwischen einige Routine, die ihnen eigene Ästhetik des Hässlichen zu performen. MGM fürchtete eine Intervention seitens des Managements der Beatles und verlegte die Parodie des Sgt. Pepperʼs-Covers ins Innere der faltbaren Plattenhülle. Damit wurde allerdings eine andere provokante Parodie nach außen gekehrt. Vor gelbem Hintergrund hatten sich die Mothers in Frauenkleidern mit ostentativ übellaunigem Gesichtsausdruck ablichten lassen – eine kaum zu übersehende Persiflage des Gruppenporträts der strahlenden Beatles in bunten Uniformen.

Aufgenommen wurde die Platte vom 14. März bis 9. August 1967. Bei der dritten Produktion der Mothers of Invention saß Frank Zappa endlich auch offiziell und mit Nennung auf dem Cover hauptverantwortlich auf dem Produzentenstuhl. Mit Ian Underwood hatte die Band neben dem Synthesizer-Pionier Don Preston einen weiteren exzellenten Keyboarder gewonnen. Zappas alter Schulfreund und Coverband-Kollege, der zeitweilige Roadie der Band, Jim „Motorhead“ Sherwood, war als zweiter Saxophonist Vollmitglied der Band geworden. Mit einigen illustren Gästen, wie Eric Clapton als Sprecher oder Pamela Zarubica, u. a. in der Rolle der Suzy Creamcheese, war die Band ein extrem leistungsfähiges Instrument in den Händen des Komponisten und Produzenten Franz Zappa geworden.

 

II. Kontext

LET’S MAKE THE WATER TURN BLACK ist autobiografisch, und, wie Zappa wiederholt in seinen Memoiren – The Real Frank Zappa Book – beteuerte, seien selbst die krudesten Details wahr. Die Protagonisten des Songtextes sind Ronald und Kenneth Williams, zwei Spielgefährten aus Zappas Kindheit in Kalifornien. Während die Eltern der beiden als Möbelverkäufer und Kellnerin arbeiteten, waren die Kinder nach der Schule auf sich gestellt. Ronny und Kenny, wie sie im Song genannt werden, entwickelten absurde Freizeitaktivitäten. Wie Frank Zappa, dessen Vater zeitweise in der Rüstungsindustrie gearbeitet hatte, waren die beiden Nachbarskinder fasziniert von selbstentwickeltem Sprengstoff. Angesichts dieser lebensgefährlichen wissenschaftlichen Neugier der Heranwachsenden waren das Verbrennen von durch Flatulenz freigesetzten Gasen, das Trocknenlassen von Nasensekret an Fensterscheiben, das Beobachten von chemischen bzw. biogenen Reaktionen von Körperflüssigkeiten und das Ansetzen von Alkoholika vergleichsweise harmlos. Von all dem wird in LET’S MAKE THE WATER TURN BLACK textlich wie musikalisch humorvoll, aber ohne jeglichen Sarkasmus oder Spott gesungen. In der Kinderwelt im Ontario der 1950er Jahre befanden sich anscheinend Lebensfreude, Anarchie, Solidarität und bedingungslose Geborgenheit im Gleichgewicht, was als Gegenbild zur Plastikwelt, etwa der Modehippies im L.A. des Jahres 1968, gelesen werden kann.

 

III. Analyse

LET’S MAKE THE WATER TURN BLACK ist ein sogenannter Patter-Song. Das Wort Patter hatte sich im Englischen, abgeleitet vom Gottesgebet Pater Noster, das  vermutlich nicht wenige Gläubige in hohem Tempo herunterbeten, zur Kennzeichnung schneller Gesangsnummern mit syllabischer Vertonung etabliert. Im angelsächsischen Raum bedienten sich vor allem Gilbert und Sullivan dieses komischen Effekts. Deren ästhetischer Enkel, Frank Zappa, nutzte die eigentümlichen Wort-Ton-Beziehungen für seine konzise Erkundung auf dem Gebiet des Storytelling. Nachdem die Abenteuer der Jugendlichen erzählt sind, wechselt die Zeitebene. Ronny und Kenny sind gegen Ende des Songs erwachsen, der eine bei der Armee, der andere nimmt, wie es heißt, Pillen. Beide würden sich freuen, „to see a bomber burn“, was entweder als Statement gegen den Vietnamkrieg oder aber als umgangssprachliche Vorfreude auf einen Joint gedeutet werden kann.

Das Intro von LET’S MAKE THE WATER TURN BLACK ist ein „technisch aufgeklärtes“ Intro oder: ein Intro über ein Intro. Dem in einigen Folk-Rock-Songs der 1960er Jahre verfolgten Ansatz, viertaktige Intros lediglich als vierfache Wiederholung eines Taktes zu gestalten, begegnete Zappa mit einem vierfachen Tonbandloop mit Backbeat in den Drums und einem Piano-Arpeggio, gespielt von Ian Underwood. Das so eingeleitete Lied besteht aus drei Strophen, Chorus und Bridge. Die Harmonik entspricht in geradezu überzeichneter Weise dem Spektrum des Erwartbaren im Folkrock: C-Dur-Kadenzharmonik mit Ansteuerung aller Mollparallelen und einer eleganten Mollsubdominante in der Strophe inklusive einer Ausweichung in die Mediante und schließlich Modulation zur Dominante D-Dur der G-Dur-Tonalität des Refrains. Dazu erklingt eine wellenförmige Basslinie, der Groove aus dem Intro wird fortgeführt mit dezenter akkordischer Piano-Begleitung und durchgeschlagener Akustikgitarre (wahrscheinlich ein Exemplar des Herstellers Ovation aus Zappas Besitz). Der Song endet mit einer Talkback-Ansage des Tontechnikers Dick Kunc, der über das vokale Teenager-Paradies auf Erden witzelt („This would be a little bit of vocal teenage heaven, right here on Earth“). Am Schluss hört man eine rückwärts abgespielte Bandaufnahme mit unverständlichen Lautäußerungen.

 

IV. Rezeption

Das Album erreichte Platz 30 der Billboard-Charts. Da es sich um ein Konzeptalbum handelte, war eine Single-Auskoppelung nicht vorgesehen. Bei der Verleihung eines Musikpreises für We Are Only in It for the Money in den Niederlanden hörte Zappa erstmals die gepresste LP und stellte fest, dass MGM in mehreren Stücken Passagen herausgeschnitten hatte, u. a. in LET’S MAKE THE WATER TURN BLACK den Satz „Mama, with her apron and her pad, feeding all the boys at Ed’s café“, der nichts anderes bedeutet, als dass Mutter Williams mit Schürze und Block in Ed’s Café arbeitete. Das Wort Pad kann auch Damenbinde bedeuten. Zappa lehnte die Auszeichnung seinerzeit ab, da es sich seiner Meinung nach nicht um sein Werk, sondern um das des Zensors bei MGM handelte.

Für die CD-Veröffentlichung 1986 ließ Zappa, inzwischen auf eigenem Label, für We Are Only in It for the Money Arthur Barrow und Chad Wackerman Bass und Schlagzeug neu einspielen.

Rockbands, die beim ersten westdeutschen Popfestival, den Essener Songtagen, The Mothers of Invention hörten, waren beeindruckt und orientierten sich neu, etwa in Richtung Synthesizer, am bekanntesten: Tangerine Dream (vgl. Simmeth 2016: 85).

 

MATTHIAS TISCHER


Credits

Composition, vocals, guitars: Frank Zappa
Drums: Jimmy Carl Black
Drums: Billy Mundy
Bass, Gesang: Roy Estrada
Keyboards: Don Preston
Keyboards: Ian Underwood
Producer: Frank Zappa
Co-producer: Tom Wilson
Label: Verve/MGM
Recording studio: TTG Studios, Mayfair Studios New York, Apostolic Studios New York
Published: 1968
Length: 2:01

Recordings

The Mothers of Invention: „Let’s Make the Water Turn Black“. On: We Are Only in It for the Money, 1968, Verve, V/6V-5045, USA, (vinyl).
Frank Zappa: „The Old Masters, Box One“. 1985, 7 LP Box, Barking Pumpkin Records, BPR-7777, USA (vinyl).
The Mothers of Invention: „ Let’s Make the Water Turn Black“. On: We are only in it for the Money, 2012, Zappa ZR 3837, USA (CD).

References

Carr, Paul (ed.): Frank Zappa and the And. New Perspectives on an Enduring Legacy. Farnham: Ashgate 2013.
Courrier, Kevin: Dangerous Kitchen: The Subversive World of Zappa. Toronto: ECW Press 2002.
Lowe, Kelly Fisher: The Words and Music of Frank Zappa. Westport, CT: Praeger 2007.
Miles, Barry: Zappa. A Biography. New York: Grove Press 2004.
Myers, Ben (ed.): Frank Zappa. Die frühen Jahre. Berlin: Bosworth Edition 2007.
Russo, Greg: Cosmik Debris. The Collected History and Improvisations of Frank Zappa. New York: Crossfire Publications 1998.
Simmeth, Alexander: Krautrock transnational. Die Neuerfindung der Popmusik in der BRD, 1968–1978, Bielefeld: transcript 2016.
Slaven, Neil: Electric Don Quixote: the Story of Frank Zappa. London: Omnibus Press 1996.
Ulrich, Charles: The Big Note. A Guide to the Recordings of Frank Zappa. Vancouver: New Star Books 2018.
Watson, Ben: Frank Zappa: the Negative Dialectics of Poodle Play. New York: St. Martin’s Press 1994.
Wicke, Peter: Rock Music. Culture, Aesthetics, Sociology.Cambridge: Cambridge University Press 1990.
Zappa, Frank with Occhiogrosso, Peter: The Real Frank Zappa Book. New York: Poseidon Press 1989.

Films

Eat That Question. Frank Zappa in His Own Words. Director: Schütte, Thorsten. Sony Pictures Classics, 2016 (DVD/043396481306).
Zappa. Director: Winter, Alex. Magnolia Pictures, 2020 (DVD/MAG12345).

Links

http://www.zappa-analysis.com/freak-out.htm [05.12.2025].
https://fzpomd.net/links.html [05.12.2025].

About the Author

Matthias Tischer (Prof. Dr. habil.) teaches Esthetics and Communication with focus on Culture and Music at the University of Applied Sciences Neubrandenburg.
All contributions by Matthias Tischer
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