Song und Musikvideo inszenieren auf vielschichtige Weise die transkulturellen Identitäten des Rappers Akhenaton zwischen Faszination für Ägypten und den USA sowie seiner franko-italienischen Abstammung.
I. Entstehungsgeschichte
Der französischsprachige Rapper Akhenaton, mit bürgerlichem Namen Philippe Fragione, geboren 1968, ist Mitglied der bekanntesten Hip-Hop-Band Frankreichs, IAM aus Marseille. 1995 veröffentlichte er sein erstes Soloalbum, Météque et Mat, auf dem auch L´AMERICANO enthalten ist (Hörner 2012).
II. Kontext
Der Beginn des Songs mit einem Sample gibt schon den kulturgeschichtlichen Kontext vor. Das musikalische Zitat stammt von der Canzone Tu vuò fa l’americano von Renato Carosone. Carasone, 1920 in Neapel geboren, war ein italienischer Sänger und Entertainer der Musikszene der 1950er Jahre. Das Stück erschien 1956 noch als Schellack-Platte (Pathé – MG 387). In dem Lied kritisiert Carosone seine italienischen Zeitgenossen der 1950er-Jahre, die versuchen, die US-Amerikaner zu imitieren und Baseball-Cap tragen, Whisky trinken, Camel-Zigaretten rauchen und Rock ’n’ Roll hören. Zugleich übernimmt Carosone selbst in der musikalischen Umsetzung viele US-amerikanische Einflüsse, etwa durch Verwendung des typischen Blues-Schemas, aber auch auf ganz offenkundige Weise in dem Versuch, mit Instrumenten wie Mandoline oder einer im Mund aufgespannten Seite E-Gitarre bzw. Bass zu imitieren, sowie in der Art und Weise, wie die Musik aufgeführt wird.
Akhenaton nimmt diese auch für ihn selbst geltenden Widersprüche auf und überträgt es auf seine eigene Biografie, die er in dem Song verarbeitet.
III. Analyse
Carosone wird nicht nur musikalisch zitiert, sondern auch textlich übersetzt. Dem italienischen Zitat lässt Akhenaton direkt „tu veux faire l’américain“ (Genius o. J.) folgen. Er lässt Original und Übersetzung also nebeneinanderstehen, sie in einen Dialog treten, überträgt die Kritik von Carosone nicht einfach auf die Franzosen, sondern eröffnet ein neues Spannungsfeld USA-Italien-Frankreich. Betrachtet man seinen Namen und das Albumcover, so ließe sich aus dem Dreieck noch ein Viereck machen, denn Akhenaton ist der Name eines ägyptischen Pharaos und auch das Albumcover spielt mit Verweisen zur altägyptischen Hochkultur (Swedenburg 2001).
Gleichzeitig übersetzt Akhenaton Carosone auch in eine andere Zeit, die 1970er-Jahre, und einen anderen Ort, nämlich Frankreich. Der Liedtext ist voller autobiographischer Anspielungen, so nennt sich das lyrische Ich etwa Philippe wie Akhenatons bürgerlicher Name (Philippe Fragione). Akhenaton berichtet, wie er als italienischer Einwanderer in Frankreich Probleme hatte, sich in der Schule zu integrieren, nicht etwa wegen seiner italienischen Herkunft, sondern wegen seiner Bewunderung für die USA und seinem amerikanischen Kleidungsstil.
Sein Seitenscheitel sei so dick wie eine Autobahn gewesen, heißt es etwa („J′avais un trait dans ma coupe et c’était cool. Ils appellaient ça une autoroute et pour eux j′étais fou“). Gleichzeitig weist er aber darauf hin, dass auch französische Schüler*innen Italo-Amerikaner bewunderten, wie etwa John Travolta im Film Saturday Night Fever („Ils voulaient danser le disco comme John Travolta“). Dabei macht er auch eine intertextuelle Anspielung auf Carosone. Während es bei Carosone sinngemäß heißt, „wie kann dich deine Geliebte verstehen, wenn du bei einem romantischen Treffen ‚I love you‘ sagst“ (Quando se fa l ‘ammore sotto ‘a luna come te vene ‘capa e di:”I love you!?”), betont Akhenaton, er sei aus einer modernen Generation, der „I love you“ leichter als das französische Pendant „Je t’aime“ über die Lippen käme („Je suis né dans cette génération moderne où ‚I love you‘ est plus facile à dire que ‚je t’aime‘“). Akhenaton verortet sich also nicht nur geographisch multipel, nämlich zwischen Italien, USA und Frankreich, sondern auf unterschiedlichen Zeitebenen, indem er Carosones Beobachtung aktualisiert.
Dieser Widerstreit wird im Musikvideo mit filmischen Mitteln durch spezielle Überblendungstechniken umgesetzt. Zunächst sieht man einen US-Touristen in Italien, der im Beisein einer Madonna beraubt wird, diese Szene wird dann zu einem TV-Film, den Akhenaton in Baseball-Jacke schaut, bewaffnet wie ein italienischer Mafioso. Dann schläft er ein und es eröffnet sich noch eine dritte Ebene, in der er selbst ein Mafiaboss ist. Später sieht man dann wieder den Fernsehbildschirm und darin vor dem Hintergrund eines Italo-Westerns zwei Rapper eingeblendet, die Akhenaton wegschubst um Platz für den „Film im Film“, der Westernszene im Musikvideo zu machen.
Der Mafiaboss, den Akhenaton spielt, schießt später in Richtung der Kamera und am Ende des Musikvideos wird tatsächlich der Eindruck erzeugt, dass der Fernseher von innen zerschossen wird. Dies ließe sich als Visualisierung der Idee deuten, dass uns die Bilder, die wir im Fernsehen sehen, „in den Kopf schießen“. Das erschrockene Kind, das Akhenaton dann im Arm hält, könnten wir auch als eine Allegorie verstehen, also als eine Verkörperung seiner eigenen Ängste angesichts der unheimlichen Fernsehbilder und ihrer vielfältigen Identifikationsangeboten und Stereotypen.
Zugleich verhandelt Akhenaton auch seine Zugehörigkeit zur italienischen Kultur, auch hier wird dies visuell durch Rückgriff auf Stereotype durchgesetzt. Man sieht eine italienische Großfamilie, die an einem Tisch mit einer Schüssel dampfender Pasta sitzt und deren Mitglieder traditionelle italienische Anzüge tragen. Einzig Akhenaton sitzt dort mit seiner Baseball-Jacke. So wird das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen, aber auch Zeiten symbolisiert: Manche leben noch in der Vergangenheit, manche schon in der Gegenwart, jeder hat eine eigene „cultural time“ (Bhabha 1996: 56). Bildlich gesprochen, befindet sich jeder Mensch auf einem anderen Punkt auf der Zeitleiste, verschiedene Etappen in der Vergangenheit von Menschen sind immer auf unterschiedliche Weise „gegenwärtig“.
Das Musikvideo zeigt in anschaulicher Weise, dass nicht nur Kultur im Allgemeinen, sondern auch ihre Stereotypen wie der Mafiaboss, der Cowboy, die italienische Großfamilie etc. nicht einfach abgelehnt oder übernommen, sondern übersetzt, neu kombiniert und interpretiert werden. Nationalstereotypen zwingen uns, eine Haltung ihnen gegenüber anzunehmen, sei es durch Übernahme, Ablehnung, ironische Brechung oder auch explizites Ignorieren (Hansen 2003: 212).
IV. Rezeption
Das offizielle Musikvideo von L’AMERICANO wurde 2012 auf YouTube hochgeladen und erreichte 1,3 Mio. Aufrufe (Stand Januar 2026). Bei seiner Veröffentlichung im Oktober 1995 hatte der Song sowie das gesamte Album keinen sofortigen kommerziellen Erfolg, wurde aber in künstlerischer Hinsicht als herausragend bewertet (LeGrand 1996). Mittlerweile wird das Album als Eckpfeiler des französischen Raps (David² et al. 2020; Narlian 1994) und als eines der besten Soloalben aller Zeiten im französischen Rap bezeichnet (Quarck 2022). Akhenaton selbst ist weiterhin eine der bekanntesten Persönlichkeiten Marseilles (RFI 2020). Zum 25. Jahrestag des Songs wurde dieser von DJ Scribe in dem Hommage-Album „Mixtepe et Mat“ (das auf den Albumtitel Métèque et Mat anspielt) neu interpretiert. Der ursprüngliche Song von Carosone wird auch weiterhin viel gecovert (etwa von Marco Calliaria).
FERNAND HÖRNER
Credits
Lead Vocals: Akhenaton
Composer, Writer: Akhenaton
Artwork: Tous Des K
Producer: Akhenaton
Co-Producer: Nick Sansano
Engineer: Dan Wood
Executive Producer: Luca Minchillo
Scratches: Cut Killer
Label: Parlophone
Published: 1995
Length: 04:03 min
Recordings
Akhenaton. „L’Americano“, L’Americano, 1996. On: Flying International, FIN 174, Italy (Vinyl, 12’’).
Akhenaton. „L’Americano“. On: L’Americano, 1995, Delabel, 7243 8 93208 6 2, France (Vinyl, 12’’).
Akhenaton. „L’Americano“. On: L’Americano, 1995, Delabel, 7243 8 93208 2 4, Europe (CD, Maxi-Single).
Akhenaton. „L’Americano/Quand Tu Tombes Bas (Inédit)“. On : L’Americano, 1995, Delabel, DE 3612, Europe (CD, Single, Promo).
Akhenaton ft. Solo & Napoleon Da Legend. „L’Americano“. On: https://napoleondalegend.bandcamp.com/track/lamericano-akhenaton-ft-solo-napoleon-da-legend, 26.05.2025.
Marco Calliari. „L’Americano“. On: Mia Dolce Vita, 2006, Casa Nostra COS2-2162, Canada (CD).
Music videos
Akhenaton. L’americano (Clip officiel). In: YouTube, 27.03.2012. URL: https://www.youtube.com/watch?v=whtVzhTdaSg [02.12.2025].
References
Bhabha, Homi K.: Culture’s In-Between. In: Questions of cultural identity. Ed. By Stuart Hall; Paul Du Gay. London: Sage 1996, 53–60.
David²; B2; Kiko: Les 25 ans de Métèque et Mat. In : Abcdr du Son, 20.10.2020. URL: https://www.abcdrduson.com/articles/les-25-ans-de-meteque-et-mat/ [02.12.2025]
Genius: L’Americano – Akhenaton. Transkription zu Songlyrics. In Genius.com., o. J. URL: https://genius.com/Akhenaton-lamericano-lyrics [02.12.2025]
Hansen, Klaus P.: Kultur und Kulturwissenschaft. Eine Einführung. 3. Aufl. Tübingen [u.a.]: Francke 2003.
Hörner, Fernand: Vom Italowestern zum HipHop. Französisch-italienisch-amerikanischer Musiktransfer und einige grundsätzliche Überlegungen zur Übersetztheit von Kultur. In: Deutsch-französische Musiktransfers. German-French musical transfers. Ed. by Michael Fischer und Fernand Hörner. Münster: Waxmann (Lied und populäre Kultur, 57) 2012, 361–373.
LeGrand, Emmanuel; Kwaku: Planet rap pulse. What’s out there. In: Billboard 47, 23.11.1996, 38-39. URL: https://research-ebsco-com.ezp.hs-duesseldorf.de/c/6f2qwf/viewer/html/mepmvsvrbb?route=details [26.06.2025]
Narlian, Laure: Métèque et mat. Hg. v. Les inrockuptibles, 30.11.1994. URL: https://www.lesinrocks.com/musique/meteque-et-mat-105753-30-11-1994/ [02.12.2025].
Quarck, Renaud: Akhenaton. Métèque et Mat. Pièce maîtresse. Hg. v. intergeneraptions, 21.10.2022. URL: https://www.intergeneraptions.fr/index.php/2022/10/21/akhenaton-meteque-et-mat-piece-maitresse/ [26.05.2025]
RFI: Akhenaton. Hg. v. RFI Musique, 26.10.2020. URL: https://www.rfi.fr/fr/musique/20201026-akhenaton [26.05.2025]
Swedenburg, Ted: Islamic Hip-Hop versus Islamophobia: Aki Nawaz, Natacha Atlas, Akhenaton. In: Global noise. Rap and hip-hop outside the USA. Ed. By Tony Mitchel. Middletown, Conn: Wesleyan Univ. Press 2001, 57–85.
About the Author
All contributions by Fernand Hörner
Citation
Fernand Hörner: „L’Americano (Akhenaton)“. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, http://www.songlexikon.de/songs/lamericano, 02/2026.
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