1951
Johnnie Ray

Cry

CRY war der erste Song, der sich 1951 in den USA bei Jugendlichen weißer und schwarzer Hautfarbe gleichermaßen großer Popularität erfreute und deshalb als einer der wichtigsten Vorläufer des Rock’n’Roll gilt.

I. Entstehungsgeschichte

CRY ist ein Song des afroamerikanischen Songwriters Churchill Kohlman (1906-1983). Als er ihn 1951 schrieb, schlug er sich noch als Nachtwächter bei einer Reinigungsfirma in Chicago durchs Leben. Es gelang ihm, den Song bei dem Musikverlag Mellow Music Publishing unterzubringen, der zur Music Publishers Holding Corporation der Warner Brothers gehörte, in den 1950er Jahren einer der bedeutendsten Verleger von populärer Musik in den USA. Kohlman wurde nach dem enormen Erfolg des Liedes ein gefragter Songschreiber, brachte jedoch nie wieder ein auch nur annähernd ähnlich erfolgreiches Lied hervor.

Der Verlag bot den Song, der Praxis jener Jahre entsprechend, verschiedenen Plattenfirmen parallel zur Verwertung an. Die erste Aufnahme erschien mit Ruth Casey (1929-2012) und dem Graham Prince Ensemble im September 1951 auf dem Chicagoer Label Cadillac Records. Die Sängerin mit einer markanten tiefen Kontra-Altstimme startete mit diesem Song ihre Karriere. Johnnie Ray (1927-1990), der dem Lied schließlich zu jener Popularität verhalf, die ihm einen festen Platz in der Geschichte der populären Musik sicherte, bekam den Song von dem A&R-Verantwortlichen der Columbia, Mitch Miller (1911-2010), anempfohlen, der ihn auch produzierte. Als Vorbild diente Ruth Caseys Aufnahme, die Miller im Studio Ray vorspielte und nachsingen ließ. Miller heuerte auch das kanadische Gesangsquartett The Four Lads als Background-Sänger für die Aufnahme an. Obwohl Ray die Casey-Aufnahme zunächst Ton für Ton nachsang, vermochte er seiner Version schließlich einen ganz eigenen Charakter zu geben, der schon im Studio für Aufregung sorgte. Veröffentlich wurde der Song auf dem Columbia-Label Okeh Records, das Anfang der 1950er Jahre für Pop-Produktionen benutzt wurde, die in das etablierten Marketing-Raster der Muttergesellschaft nicht passten. CRY gehörte zu den ersten Produktionen in den USA, die auf den sich abzeichnenden Teenager-Markt zielten. Die am 16. Oktober 1951 aufgenommene Single erschien noch im gleichen Monat mit einer Eigenkomposition von Johnnie Ray, “The Little White Cloud That Cried”, auf der B-Seite und war mit beiden Seiten außerordentlich erfolgreich. Solche doppelseitigen Hits sind ausgesprochen selten, da sie eigentlich der Logik des Musikgeschäfts widersprechen. Als sich die Platte im Dezember 1951 an die Spitze der US Single-Charts zu bewegen begann, veröffentlichte die Columbia die Aufnahme noch einmal auf ihrem Stamm-Label Columbia Records.

II. Kontext

Ende der 1940er, Anfang der 1950er Jahre befand sich das Musikgeschäft in den USA in einem Umbruch, der 1949 durch die Einführung der 45er Single-Schallplatte markiert wurde. Damit zielte die Tonträgerproduktion auf dem Pop-Sektor erstmals auf den individuellen Massenkonsum und nicht mehr, wie bisher, auf die Musikautomatenaufsteller. 1951 hatte sich inzwischen abzuzeichnen begonnen, dass sich die preiswerten Abspielgeräte, die zusammen mit dem Single-Format auf den Markt gekommen waren, hauptsächlich in den Händen von Teenagern befanden, so dass die Suche nach einem geeigneten Repertoire begann. Die Plattenfirmen hielten nach möglichst jungen Gesichtern Ausschau, die vom Alter her zu der jugendlichen Konsumentengruppe, die man ausgemacht hatte, passten. Angesichts der Tatsache, dass die großen Stars der Popmusik jener Jahre, Crooner wie Frank Sinatra (1915- 1998), Perry Como (1912-2001) oder Bing Crosby (1903-1977), jenseits der Dreißig waren, fiel Johnnie Ray – ähnlich wie sein weibliches Gegenstück, Pattie Page (1927-2013), die mit ihrem “Tennessee Waltz” (1950) ähnlich erfolgreich war – allein schon durch sein Alter aus dem Rahmen.

Ray hatte seine Karriere als Nachtclub-Sänger in Detroit begonnen, wo er neben afroamerikanischen Künstlern auftrat, die seinen Performance-Stil nachhaltig beeinflussten. So entwickelte er einen hoch emotionalen, melismatischen Gesangsstil, wie er für die afroamerikanische Blues- und Gospel-Tradition charakteristisch war. Für die übertrieben dramatische Performance, die für Ray charakteristisch war, mag auch eine Rolle gespielt haben, dass er auf einem Ohr faktisch taub war und deshalb den Hörverlust durch Intensität zu kompensieren suchte. Auch war er der erste weiße Pop-Sänger, der das Mikrofon aus dem Ständer nahm und ins Publikum herunterging. Das Branchenblatt Billboard beschrieb 1952 seine Auftritte als “a masterful display of showmanship that evoked a mass hysteria resembling a Holy Roller meeting. It was hard to say who screamed more – Ray or the customers.” Sein gestenreicher, emotionsbetonter Gesangsstil erschien in der Tat wie eine Reminiszenz an die ekstatischen Gottesdienste in den schwarzen Kirchen. Ray gilt damit als der erste Pop-Star, der weiße Teenager mit Elementen der afroamerikanischen Kultur in Berührung brachte, auch wenn dies dann von Künstlern wie Elvis Presley (1935-1977), die durch ihn ganz maßgeblich beeinflusst waren, schnell in den Schatten gestellt wurde.

III. Analyse

CRY ist textlich eine eher banale Variation des Themas “Liebesschmerz” (“If your sweetheart sends a letter of goodbye”…). Was den Song besonders macht, ist die Interpretation von Johnnie Ray. Die drei Strophen folgen strikt der 32taktigen Standardform des Popsongs jener Jahre mit dem Ablaufschema AABA, wobei die vier achtaktigen Abschnitte ihrerseits aus zwei Viertaktphrasen (a und b bzw. c und d) zusammengesetzt sind, so dass sich folgender Ablauf ergibt (ab)-(ab)-(cd)-(ab). Verklammert werden die beiden Viertaktphrasen durch den um eine halben Takt dagegen verschobenen Gesang, der in der zweiten Hälfte des ersten Taktes einsetzt und bis in die erste Hälfte des ersten Taktes der zweiten Viertaktphrase hinüberreicht, die selbst wieder in der zweiten Hälfte des ersten Taktes einsetzt. Jede Viertaktphrase ist noch einmal aus zwei Zweitaktphrasen zusammengefügt (a und b bzw. c und d), die spiegelbildlich zueinander angeordnet sind, so dass sich folgender Gesamtaufbau der Strophe ergibt A[a(ab)b(ba) – A[a(ab)b(ba)] – B[c(cd)-d(dc)] – A[a(ab)b(ba)]. Der gesamte Song ist also aus nicht mehr als vier melodischen Zweitaktphrasen zusammengefügt, wobei lediglich die dritte Strophe, die den musikalischen Kulminationspunkt bildet, das melodische Material durch Ausweitung des Tonumfangs etwas abwandelt und mit einem dichter gesetzten Arrangement verbindet, dass auf den Background-Chor der Four Lads angelegt ist. Eingerahmt wird das ganze durch ein viertaktiges Intro und ein zweitaktiges Outro, das der Background-Chor der Four Lads bestreitet.

Dieses Gerüst lässt viel Raum für interpretatorische Freiheit, von denen Johnnie Ray dann auch ausgiebig Gebrauch macht. So füllt er den Text mit Melismen (If your sweethe-a-a-a-rt |sends a lette-e-e-er | of goodby-y-y-y-y-y-e etc.) oder hebt einzelne Wörter mit angehängten kurzen Schluchzern hervor (emotions-ha, sky-he etc.). Die Tongebung seiner Stimme ist sehr modulationsreich und bewegt sich oft in sehr dichter Folge zwischen den Polen eines intensiven Aufschreis und einer nur hingehauchten Intonation. So entsteht ein spannungsvolles musikalisches Geschehen, das vom Arrangement mit einem die Melodiestimme umspielenden Vibraphon sparsam, aber effektvoll unterstützt wird.

IV. Rezeption

Eine entscheidende Rolle für den Erfolg des Songs spielte der Radio-Discjockey Bill Randle (1923-2004), einer der populärsten Radiomacher in den USA, der mit seiner Show The Interracial Goodwill Hour an dem Sender WJLB-AM (heute WDTK) zu den Wegbereitern des Rock’n’Roll gehörte. Er nahm den Song in seine von Jazz und afroamerikanischem Rhythm & Blues geprägte Show auf, obwohl er stilistisch diesem Bereich eigentlich nicht zuzuordnen war, und brachte ihn so einem breiten Publikum nahe. CRY in der Aufnahme mit Johnnie Ray war der erste Song, der sich sowohl an der Spitze der Pop-Charts als auch in den Rhyhtm & Blues-Charts platzierte und damit erstmals eine Brücke über den damals noch strikt nach Hautfarbe in ,schwarz’ und ,weiß’ gbetrennten Musikmarkt schlug. Nahezu drei Monate lang hielt er sich in den USA an der Spitze der Charts. Johnnie Ray löste mit diesem Song auch eine der ersten Teenager-Hysterien aus, die in den folgenden Jahren dann sowohl den Rock’n’Roll in den USA wie die britische Beatmusik begleiteten, wobei es vor allem der ungewohnt theatralische Interpretationsstil war, der die an Hysterie grenzenden Reaktionen provozierte. Vor allem in Großritannien, wo Ray erstmals im Frühjahr 1953 im renommierten Westend-Theater London Palladium auftrat, wurde der Song zum Inbegriff für den vom traditionellen Entertainment-Betrieb abdriftenden Musikgeschmack von Teenagern.

Der Song hat mehrere, teils sehr erfolgreiche Neueinspielungen erfahren, u.a. mit Ray Charles(1930-2004), Sam Cooke (1931-1964), Connie Francis (*1938) und Brenda Lee (*1944). Lynn Anderson (*1947) erreichte mit ihrer Version 1972 die Spitze der Country-Charts sowie Platz 3 der US Single-Charts. Auch Crystal Gayle (*1951) konnte sich 1986 mit einer Version des Songs für mehrere Wochen an der Spitze der Country Charts behaupten.

 

PETER WICKE


Credits

Komposition/Text: Churchill Kohlman
Gesang: Johnnie Ray
Background-Gesang: The Four Lads
Produzent: Mitch Miller

Recordings

  • Ruth Casey with the Graham Prince Ensemble. “Cry”, Hold Me Just A Little Longer Daddy, 1951, US (78er/10″ Schellack Cadillac 103).
  • Johnnie Ray and The Four Lads. “Cry”, The Little White Cloud that Cried, 1951, Okeh, 6840, US (78er/10″ Schellack).
  • Johnnie Ray and The Four Lads. “Cry”, The Little White Cloud that Cried, 1951, Okeh, 4-6840, US (7″ 45er Single).
  • Johnnie Ray Ray and The Four Lads. “Cry”, The Little White Cloud that Cried, 1951, Columbia,  4-33028, US (78er/10″ Schellack).

Covers

  • Sam Cooke. “Cry”, Hits of the 50’s, 1960, RCA Victor, LPM-2236, US (Vinyl/LP).
  • Brenda Lee. “Cry”, Emotions, 1961, Decca, DL 4104, US (Vinyl/LP/Album).
  • Ray Charles. “Cry”, Teardrops From My Eyes / Cry, 1965, ABC-Paramount, 45-10615, US (Vinyl).
  • Lynn Anderson. “Cry”, Cry, 1972, CBS, S 64886, UK (Vinyl/LP/Album).
  • Connie Francis. “Cry”, I’m Me Again, 1981, MGM Records, MG-1-5406, US (Vinyl/LP/Album).
  • Crystal Gayle. “Cry”, Cry, 1986, Warner Bros. Records, ‎7-2868, US (Vinyl).
  • David Cassady. “Cry”, Then And Now, 2001, Universal Music, 0160822, UK (CD/Album).

References

  • Herr, Cheryl: Roll-over-Beethoven: Johnnie Ray in Context. In: Popular Music 28/3 (2009), 323-340.
  • Mann, Tad: Johnnie Ray. Beyond the Marquee. Bloomington: AuthorHouse 2006.
  • Smith, Bill: Johnnie Ray’s Phenom Showmanship Wins Sophisticates in NY Club Bow. In: Billboard 19.04. (1952), 3, 21.
  • Whiteside, Johnny: Cry. The Johnnie Ray Story. New York: Barricade 1994.

About the Author

Prof. Dr. Peter Wicke teaches theory and history of popular music and is director of the Center for Popular Music Research at the Humboldt University Berlin.
All contributions by Peter Wicke

Citation

Peter Wicke: “Cry (Johnnie Ray)”. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, http://www.songlexikon.de/songs/johnnieraycry, 12/2013 [revised03/2014].

Print