2000
Torch ft. Toni-L

Wir waren mal Stars

Der Heidelberger Künstler Torch zählt zu den frühesten Mitgliedern der deutschsprachigen Hip-Hop-Szene und hat innerhalb der Community wie auch in der medialen Wahrnehmung den Status als Vorreiter und Pionier inne. WIR WAREN MAL STARS zählt zu denjenigen Stücken des MC, in welchen die ihm zugeschriebene Sonderrolle besonders eindeutig thematisiert wird.

I. Entstehungsgeschichte

Das mit Blauer Samt betitelte und im Jahr 2000 veröffentlichte Album ist Torchs bis heute einzige Veröffentlichung in diesem Format. WIR WAREN MAL STARS folgte dem Track “Gewalt oder Sex” als zweite Single-Auskopplung und war mit dem entsprechenden Videoclip im Musikfernsehen präsent.

II. Kontext

WIR WAREN MAL STARS behandelt die Sonderrolle Torchs sowie des Feature-Artist Toni-L als sogenannte Pioniere der deutschen Hip-Hop-Szene. Innerhalb ebendieser kann Authentizität – oder szenekonform “Realness” – als Bewertungskriterium herangezogen werden; ein Ziel ausübender Akteure kann zudem in der eigenen langfristigen Etablierung sowie der Kanonisierung bestehen (vgl. Kautny 2008: 145). Als Gründungs- und bekanntestes Mitglied der Heidelberger Formation Advanced Chemistry genießt Torch diesen Status bereits seit über 20 Jahren und wird sowohl als würdiger Vertreter der “Alten Schule” als auch profunder Kenner der kompletten Hip-Hop-Kultur wahrgenommen. Das szeneinterne Ansehen Torchs äußert sich in besonders offensichtlichem Maße in Songtexten renommierter und bis heute erfolgreicher Rapper – unter anderem beinhalten Texte von Denyo (“Danke!”) und Kool Savas (“King of Rap”) direkte Bezugnahmen. Auch seitens der Fangemeinde finden sich Zuschreibungen der sogenannten Pionierfunktion, ferner bewirbt die Tonträgerindustrie den MC mit derlei Attributen. Torch selbst erkennt die ihm zugeschriebene Rolle und thematisiert diese in Interviews und Songtexten. Der Rapper gehört demnach zum Kanon der Szene und tritt als Künstler in Erscheinung, dem aufgrund seiner Verdienste und Herkunft Respekt sowie Anerkennung entgegengebracht werden und dessen Glaubwürdigkeit selten infrage gestellt wird. Gleichzeitig wird von dieser Außenwirkung Gebrauch gemacht und Torch inszeniert sich selbst als Vorreiter, als eine Persönlichkeit, ohne die die Entwicklung des deutschsprachigen Hip-Hop in den vergangenen Jahrzehnten in dieser Form nicht hätte stattfinden können. WIR WAREN MAL STARS thematisiert diese Aspekte bezüglich Authentizität und szenespezifischer Kenntnisse in mehrdimensionaler Hinsicht.

III. Analyse

Der Track ist in zwei übergreifende Abschnitte gegliedert, welche von den MCs Torch und Toni-L separat bestritten werden. Sowohl hinsichtlich des als Beat-Grundlage verwendeten musikalischen Materials als auch betreffend der sprachlich-rhythmischen Gestaltung sind nach dem Übergang betreffender Parts deutliche Zäsuren zu vernehmen. Auf textlicher Ebene hingegen fungieren mehrere Bezugspunkte als verbindendes Element: im Wesentlichen die Thematisierung der Hip-Hop-Formation Advanced Chemistry sowie die Selbstdarstellung als Pioniere und Kenner der (deutschen) Hip-Hop-Kultur. Als Gründungsmitglieder von Advanced Chemistry verweisen beide Protagonisten in WIR WAREN MAL STARS mehrmals auf diese Formation und deren Relevanz in der deutschen Hip-Hop-Geschichte. Torch nennt die Gruppe mittels des Kürzels “AC”, während Toni-L in der Zeile “Dass Advanced Chemistry groß war” einen unmittelbaren Verweis auf diese liefert. Eine weitere, jedoch indirekte Anspielung auf die Heidelberger Formation findet sich in der von Toni-L gerappten Zeile “Denn wer grüne Pässe kennt, der erkennt unsre Fressen, denn”. Aufgrund des Migrationshintergrundes mehrerer Bandmitglieder avancierte der grüne Pass in Songtexten und Musikvideos von Advanced Chemistry zu einem mehrfach verwendeten Symbol der eigenen Integrität trotz “nicht-deutschen” Aussehens. Die Strophen des Advanced-Chemistry-Songs “Fremd im eigenen Land” beginnen jeweils mit der Zeile “Ich habe einen grünen Pass mit ‘nem goldenen Adler drauf”. Ferner enthält der Song “Operation § 3” die Zeile “Und der Arbeitgeber scheißt auf meinen grünen Pass” von Linguist, dem dritten MC der Gruppe. Mittels der Selbstdarstellung als Mitglied der sogenannten “Alten Schule” referiert besonders Torch in WIR WAREN MAL STARS auf die ihm zugeschriebene und mehrfach selbst artikulierte Sonderrolle innerhalb der Szene. Die Zeile “Bauen Beats nur aus Bock so wie es früher war, als ich noch nicht so müde war und Graffiti-Sprüher war” dient als Darlegung der eigenen vielfältigen Aktivität und Zugehörigkeit zur Szene in ihrer Gesamtheit. Mit der Aussage, noch immer als Vertretung in Jugendzentren aufzutreten (“Aus Jux treten wir noch manchmal auf im Juz”), wird zum einen in selbstironischer Weise die eigene Obsoleszenz thematisiert, zum anderen aber ist der Begriff “Juz” in diesem Kontext bewusst gewählt. Als der deutsche Hip-Hop in urbanem Umfeld sich zu entwickeln begann, bedurfte es szenetauglicher Treffpunkte, um sich auszutauschen und auszuprobieren. Advanced Chemistry-MC Linguist bezeichnet die Jugendhäuser als die zentralen Orte während der Formierungsphase, zumal die frühen Jams entweder in Jugendhäusern stattfanden, oder von solchen organisiert wurden (vgl. Mager 2007: 257). Daher demonstriert Torch mit dieser Zeile, sich sehr genau an die Anfangstage der deutschen Szene zu erinnern. Während die thematischen Bezüge als verbindendes Element fungieren, finden sich bezüglich der Rap-stilistischen Ausgestaltung markante Unterschiede in den Parts beider MCs – diese nehmen Bezug auf frühe Techniken des Hip-Hop. Dem Part Torchs steht eine knappe Ankündigung in Ansager-Manier vor, auf welche folgend der Track im Zuge des ersten Refrains seinen Lauf nimmt. Im Sinne der ursprünglichen Funktion der MCs als Präsentatoren der DJs geht hierbei eine Vorstellung der Protagonisten dem eigentlichen musikalischen Ereignis voraus (vgl. Rappe 2010: 49). Folgend bieten Torch und Toni-L stilistisch einen Querschnitt bezüglich der Flow-Technik dar: Torchs Fixierung auf Endreime, kombiniert mit einer fließenden, synkopierten Sprechrhythmik lässt partiell Bezüge zum Oldschool-Rap erkennbar werden, während Toni-L eine höhere rhythmische und reimtechnische Komplexität anwendet, sich beispielsweise mittels Binnenreimen an Techniken des Rap ab den 1990er-Jahren orientiert. Mehrere stilistische und Hip-Hop-historisch unterschiedlich zu verordnende Stilmittel werden hierbei zur Darlegung der eigenen Versiertheit versammelt. Im Sinne der Selbstauthentifizierung erscheinen diese Kombinationen bewusst gewählt: Durch die dem eigentlichen Track vorausgehende Ankündigung, den Abspann von Torchs Part und den drastischen Unterschied der beiden Rap-Stile wird hierbei ein Live-Kontext – ein Jam – inszeniert und somit eine Erinnerung an die Anfänge des Hip-Hop geleistet. Mittels der Kombination des Beat-Materials erhält diese Inszenierung eine weitere Sinnebene. Bei einem durchgehenden Tempo von ca. 90 bpm weist der Torchs Part begleitende Beat neun Stimmen auf. Das durchgehend Achtel akzentuierende Ride-Becken fungiert als einziges Element, das im zweiten Beat ebenfalls Bestand hat. Diese Stimme ist es auch, welche kurzeitig solistisch erklingt und in den mit fünf Stimmen ausgestatteten zweiten Beat überleitet. Jener ist minimaler instrumentiert, weist jedoch eine komplexere Rhythmik auf und unterliegt diversen Variationen. Ersterem hingegen sind insbesondere durch das verwendete und auf Maynard Fergusons “Fantasy” zurückgehende Sample Bezüge zum intellektuellen Bohemian-/Jazz-Rap sowie eine gleichmäßige, fließende Rhythmik eigen. Demgegenüber wohnt dem zweiten Beat eine stärkere Live-Charakteristik inne, welche sich insbesondere durch die verwendeten Stopps erschließt. Entsprechend der beschriebenen Divergenz auf Basis des Rap ist auch die Beat-Gestaltung der Konstruktion eines Live-Kontextes dienlich – angelehnt an die Praxis zweier parallel aufgelegter Platten werden zwei stark variierende Parts in einem Track vereint. Torch und Toni-L präsentieren sich demnach in mehrfacher Hinsicht als profunde und authentische Kenner der Hip-Hop-Historie.

Als drittes Element fungiert schließlich der Videoclip, vorrangig auf Basis einzelner Szenerien und der gezeigten Persönlichkeiten, welche ausschließlich mit dem frühen deutschen Hip-Hop in Verbindung zu bringen sind. Eingedenk der Thematik des ‚Konstrukts’ WIR WAREN MAL STARS sind zwei Szenerien des Videoclips als maßgeblich zu erachten: jene des Clubs und der Block-Party. Einhergehend mit der den Track einleitenden Ankündigung beginnt der Videoclip mit der Club-Szene; eine Anzeigetafel mit der Aufschrift “TORCH – WIR WAREN MAL STARS FEAT. TONI-L UND BOU” erfüllt hier die Funktion des Ankündigens. Während besagtes Szenario im weiteren Verlauf mehrfach der visuellen Akzentuierung textlicher Inhalte dient, erweist sich ein auf die im Hip-Hop maßgebliche Zyklik verweisender Aspekt als sehr bewusst eingesetztes Gestaltungselement. So wird Torch anfangs energisch aus einer vorfahrenden Limousine gezerrt und findet sich vor besagtem Club wieder. Das Ende des Clips besteht wiederum aus dem Ankommen vor dem Club, Torchs unsanftem Landen auf dem Boden sowie dem Verlassen der Szenerie. Der Beginn des Clips ist daher gleichzeitig das Ende ‒ dem Video wird eine zyklische Form verliehen. Diese Zyklik ist als das Element des Hip-Hop zu sehen, das einerseits das musikalische Material der Beats in ihrer permanenten Wiederholung bildet. Andererseits besteht in dieser Verlaufsform die Möglichkeit, die Rhythmen und Sounds in Beziehung zu Text und visueller Umsetzung zu setzen (vgl. Rappe 2010: 180). Schließlich verlässt Torch die beschriebene Szene und findet sich darauf folgend auf der Block-Party wieder – der Weg vom Star, umgeben von jubelnden Fans, zu den Wurzeln des Hip-Hop findet hier gemäß dem Titel WIR WAREN MAL STARS Ausdruck. Die Block-Party als Synonym für Szene-Zusammenkünfte in den frühen Zeiten des Hip-Hop illustriert in der Folge die verschiedenen Elemente der Subkultur: Torch ist rappend in der Rolle des MC ebenso zu sehen wie diverse Graffiti-Maler, ein DJ-Team sowie mehrere Tänzer. Visuell wird daher Torchs Wissen bezüglich der Hip-Hop-Szene gleichermaßen wie seine Zugehörigkeit zu jener abgebildet. Dies wird durch die Einbindung diverser Charaktere der frühen Formierungsphase des deutschen Hip-Hop in die Block-Party-Szenerie sowie durch einzelne Einstellungen im weiteren Verlauf des Clips bekräftigt. Protagonisten aller vier Elemente der Subkultur finden Erwähnung, unter anderem prominente und noch aktuell aktive Gruppen und Persönlichkeiten wie Die Firma, Ebony Prince, Rick Ski, LSD, Ken Swift und GeeOne. Analog zu den textlichen und musikalischen Einschnitten folgt mit dem Einsetzen des Parts von Toni-L ein Bruch auf visueller Ebene. Der MC ist als finanziell und sexuell potent dargestellter Insasse der von Torch betretenen Limousine zu sehen und bietet seinen Rap dar, bevor der Wagen in die Club-Szenerie einfährt und der Clip endet. Während Torchs Part mit diversen Szenen-Wechseln visuell unterstützt wird, fällt die Illustrierung des Toni-L-Teils puristischer aus und spielt vordergründig mit der Inszenierung Hip-Hop-typischer Rollenmuster (“Hustler” oder “Player”). WIR WAREN MALS STARS ist folglich als System von Symbolen und Verweisen zu verstehen, welches ausgehend von der Thematik des Songtextes die ebendort aufgegriffenen Inhalte auf verschiedenen Ebenen verarbeitet. Durch die Verbindung von Korrespondenzebenen in textlicher, musikalischer und visueller Hinsicht entsteht ein mehrdimensionales Konstrukt, durch das die zentralen Themen des Textes – Selbstauthentifizierung und Verweise auf die Hip-Hop-Historie – in komplexer Weise verarbeitet werden.

IV. Rezeption

WIR WAREN MALS STARS konnte wie das Album Blauer Samt in kommerzieller Hinsicht nur bedingt Erfolge verzeichnen – die Single erreichte Platz 92 der Media-Control-Charts (das Album Platz 33). Auf Torchs Prestige verweist dagegen die Entscheidung, das Album anlässlich seines 40. Geburtstages im Jahr 2011 neu zu veröffentlichen, woraufhin es die Chartposition 41 erreichte. Rezeption erfährt der Track selbst noch in jüngeren Produktionen von Künstlern, welchen eine Distanzierung von Hip-Hop-spezifischen Genregrenzen eigen ist. So verweisen beispielsweise K.I.Z. in ihrem Song “11. Plage” – erschienen auf dem Album Hahnenkampf – auf WIR WAREN MAL STARS, Marteria veröffentlichte einen eigenen Videoclip zu dem Song.

BENJAMIN BURKHART


Credits

Vocals: Torch, Toni-L
Music/ Writer/ Songwriting: Torch, Toni-L
Producer: Torch, Boulevard Bou
Label: V2 Records, 360° Records
Recorded: 2000
Published: 2000
Length: 4:40

Recordings

  • Torch ft. Toni-L. “Wir waren mal Stars”, Blauer Samt, 2000, V2 Records/360° Records, VVR1013122, 707.1312.2, Germany (CD/Album).
  • Torch ft. Toni-L. “Wir waren mal Stars”, Wir waren mal Stars, 2000, V2/360° Records, VVR5013143, Germany (CD/Single).
  • Torch. “Gewalt oder Sex”, Blauer Samt, 2000, V2 Records/360° Records, VVR1013122, 707.1312.2, Germany (CD/Album).
  • Torch. “Gewalt oder Sex”, Gewalt oder Sex, 2000, V2/Zomba Records, VVR5014476, Germany (CD/Single).
  • Advanced Chemistry. “Fremd im eigenen Land”, Advanced Chemistry, 1996, 360° Records, IRS 974.990, Germany (CD/Album).
  • Advanced Chemistry. “Fremd im eigenen Land”, Fremd im eigenen Land, 1992, MZEE Records, AC 01 CD 92, Germany (CD/Single).
  • Advanced Chemistry. “Operation § 3”, Advanced Chemistry, 1996, 360° Records, IRS 974.990, Germany (CD/Album).
  • Advanced Chemistry. “Operation § 3”, Operation § 3, 1994, Intercord Record Service, IRS 977.991, Germany (CD/Single).
  • Maynard Ferguson. “Fantasy”, Carnival, 1978, Columbia, PC 35480, US (LP/Album).
  • Plattenpapzt ft. Kool Savas. “King of Rap”, King of Rap, 2000, Jive, RTD 103.2431.0, Germany (12″/Single).

Covers

  • Beginner. “Danke!”, Gustav Gans, 2003, Motor Music, 06024 9813664 (5),Germany (CD/Single).
  • K.I.Z. “11. Plage”, Hahnenkampf, 2007, Vertigo Berlin, 06025 1774007 5, Germany (CD/Album).

References

  • Kautny, Oliver: “when I’m not put on this list…” Kanonisierungsprozesse im HipHop am Beispiel Eminem. In: No Time for Losers. Charts, Listen und andere Kanonisierungen in der populären Musik (= Beiträge zur Popularmusikforschung 36). Ed. by Dietrich Helms and Thomas Phleps. Bielefeld: Transcript 2008, 145-160.
  • Mager, Christoph: HipHop, Musik und die Artikulation von Geographie. Stuttgart: Steiner 2007.
  • Rappe, Michael: Under Construction. Kontextbezogene Analyse afroamerikanischer Popmusik (= musicolonia 6). Köln: Dohr 2010.

About the Author

Benjamin Burkhart is currently a PhD student at the University of Music FRANZ LISZT Weimar and a research fellow at the Center for Popular Culture and Music at the University of Freiburg.
All contributions by Benjamin Burkhart

Citation

Benjamin Burkhart: “Wir waren mal Stars (Torch ft. Toni-L)”. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, http://www.songlexikon.de/songs/wirwarenmalstars, 07/2013 [revised 03/2014].

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