1979
Buggles

Video Killed the Radio Star

VIDEO KILLED THE RADIO STAR ist ein Song der britischen Synthie-Pop-Band Buggles aus dem Jahr 1979, mit dessen Videoversion der amerikanische Musikfernsehsender MTV 1981 eröffnet wurde.

I. Entstehungsgeschichte

VIDEO KILLED THE RADIO STAR wurde 1977 von drei Briten, dem Produzenten und Komponisten Bruce Woolley (*1953), dem Produzenten, Songschreiber und Sänger Trevor Horn (*1949) sowie dem Keyboarder Geoff Downes (*1952) geschrieben. Bruce Woolley, auf den der Song eigentlich zurückging und der für den eingängigen Chorus veranwortlich zeichnete, war bis zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich als verlagsangestellter Songschreiber beschäftigt, schloss sich 1977 aber der von Trevor Horn und Geoff Downes gegründeten Synthie-Pop-Band Buggles (später: The Buggles) an. Noch im gleichen Jahr entstand zusammen mit anderen Demos in einem Londoner Proberaum auch eine Demoaufnahme von VIDEO KILLED THE RADIO STAR, die wenig später in einem professionellen Studio in London mit der Sängerin Tina Charles (*1954) wiederholt wurde. Die Aufnahme weckte das Interesse von Chris Blackwell (*1937), Gründer und Eigentümer von Island Records, der die Buggles für ein Album unter Vertrag nahm. Noch während der Aufnahmen zu dem Album The Age Of Plastic verließ Wooley das Duo Horn/Downes und gründete mit The Camera Club eine eigene Band. Auf deren Debütalbum English Garden erschien der Song dann erstmals 1979 in Bruce Wooleys Originalform.

Die Version der Buggles wurde in der ersten Hälfte des Jahres 1979 aufgenommen – die Instrumentaltracks in Virgin’s Town House im Westen Londons, die Vokaltracks einige Wochen später in den Sarm East Studios, wo auch die Abmischung erfolgte. Für den am 7. September 1979 mit “Kid Dynamo” auf der B-Seite als Vorab-Single zum Album The Age of Plastic erschienenen Song drehte der australische Regisseur Russell Mulcahy (*1953) im September 1979 nach einer Vorlage von Keith Williams ein von Lexi Godfrey produziertes Musikvideo. Da Geoff Downes, der sowohl den Keyboardpart als auch das Schlagzeug bei der Aufnahme eingespielt hatte, im Video nicht beides bewerkstelligen konnte, wirkte der damals in England lebende deutsche Komponist von Werbejingles, Hans Zimmer, am Modular Synthesizer im Video mit. Es ist als Eröffnungsclip des US-Kabelkanals MTV (Akronym für Music Television), mit dem das Zeitalter der Musikvideos begann, in die Geschichte eingegangen. Am 27. Februar 2000 ging er zudem als Millionster Clip bei MTV über den Bildschirm.

II. Kontext

Als der Song 1977 entstand, rollte die erste Welle von Musikvideos aus den USA gerade auf ihren Höhepunkt zu. Mitte der 1970er Jahre war dort die Praxis aufgekommen, für Popsongs Videofilme zu produzieren, die in den Klubs als zusätzliche Promotion auf Bildschirmen liefen. In der Regel wurden dafür die Aufführungen der Songs mehr oder weniger fantasievoll abgefilmt. Auch der 1975 von Bruce Gowers für Queens “Bohemian Rhapsody” produzierte Videofilm, der als erstes eigentliches Musikvideo gilt, ist nach diesem Muster gedreht. Daneben begannen junge ambitionierte Künstler und experimentelle Filmemacher wie Kenneth Anger, der Pionier des amerikanischen Undergroundfilms, oder Bruce Conner, einer der namhaftesten Vertreter des US-Avantgardefilms, sich einen Namen damit zu machen, dass sie Popsongs mit Video-Collagen unterlegten, die aus Filmsequenzen populärer Spielfilme zusammengeschnitten waren. 1977 griff die Video-Welle auf das Fernsehen über und es wurde zu einer Standard-Praxis im Musikgeschäft, Single-Veröffentlichungen mit Videofilmen zu begleiten, die als Werbefilme zur freien Verwendung frei gegeben waren, was eine rasche Verbreitung zur Folge hatte.

III. Analyse

VIDEO KILLED THE RADIO STAR ist ein Song im stilistischen Gewand des Synthie-Pop mit einem 4/4-Disco-Beat und einem Tempo von 132 BPM. Er ist eine ironische Reminiszenz an den Radio-Star vergangener Zeiten, dessen vermeintliches Ende durch die Videokultur als unvermeidliche Konsequenz einer unumkehrbaren Entwicklung heraufbeschworen wird (“We can’t rewind we’ve gone to far”). Der Song folgt der Standard AABA-Form des Popsongs, die hier den Rahmen für ein formal wie musikalisch komplexes Geschehen liefert. Geoffrey Downes erklärte dazu in einem aufschlussreichen Video über die Entstehung des Songs: “Es ist eigentlich ein weit komplizierteres Stück Musik als viele Leute denken. Zum Beispiel basiert die Bridge auf Akkorden mit Quartvorhalt und kleiner None. Viele Leute transkribieren den Song falsch, weil sie denken, dass es sich hier um Fis-Dur handelt. Der Song ist aber in Des-Dur geschrieben, die Quarte Ges [und nicht das enharmonische Fis, PW] anstelle der ausgelassenen Terz gibt ihm ein etwas anderes Feeling.” (Downes 2008).

Der Song ist im Grunde ein Strophenlied, jedoch komplizierter gebaut, als es die Abfolge Strophe-Refrain erwarten lässt. Er beginnt mit einem achttaktigen E-Piano-Intro, das durch den im vierten Takt auftaktig einsetztende Moog-Synthesizer mit seinen Streicherimitationen sowie die hinzukommende E-Gitarre noch einmal zweigeteilt ist. Der ersten Strophe (“I heard you on the wireless back in fifty two …”) ist eine achttaktige melodische Phrase mit E-Piano-Begleitung und dezenter Perkussion unterlegt, die aus drei Zweitaktern und einem zweitaktigen Einschub besteht, der aus einer Vokalise in der weiblichen Singstimme (“Oh a oh …”) sowie einem instrumentalen Überbrückungstakt besteht ([a-a-b+2 Takte]).

In der zweiten Strophe (“They took the credit for your second symphony …”), die sich ohne Refrain direkt anschließt, setzt die Bass Drum mit einem kraftvollen 4/4-Disko-Beat ein, und die E-Piano-Begleitung wird mit holzbläserähnlichen Synthie-Figuren umspielt. Die trocken aufgenommene Bass Drum galt damals als die lauteste Bass Drum, die bis zu diesem Zeitpunkt auf Band gebracht wurde (vgl. Buskin 2011: 98). Der Überbrückungstakt ist hier mit Gesang aufgefüllt (“I met you children …”) und die Achttaktgruppe erhält nun ebenfalls einen nachgestellten zweitaktigen Einschub, in dem die Bassgitarre einsetzt. Er leitet im letzten Takt zu den Worten “What did you tell them?” den Refrain ein (“Video killed the radio star …”), der ähnlich wie die Strophen aus drei Zweitaktern mit angehängten zwei Takten Vokalise aufgebaut ist und den ersten Teil des Songs (A) beschließt. Dieser hat somit den folgenden Aufbau:

1. Strophe (8 Takte) | 2. Strophe (10 Takte) | Chorus (8 Takte)
([a-a-b + 2 Takte]) | ([a-a-b + 2 Takte] + 2 Takte) | ([c-c-d] + 2 Takte)

 

Nach dem mit Schlagzeug, Bassgitarre, E-Piano, E-Gitarre, Synthie-Strings und Perkussion nun voll instrumentierten, auf vier Zweiktaktern basierenden achttaktigen Chorus mit dem chorischen Refrain folgt die dritte Strophe (“And now we meet in an abandoned studio …”). Mit dieser beginnt die – allerdings deutlich modifizierte – Wiederholung von Teil A. Er umfasst nur eine Strophe, die nun mit einer markanten Bassline untersetzt ist und von weiblichen Stimmen im Background mit langezogenen Vokalisen getragen wird. Dafür ist der Chorus aber nun mit einem entsprechend erweiterten Text (“In my mind and in my car, we can’t rewind we’ve gone to far …”) um zwei Zweitaktphrasen verlängert (([c-c-d-d] + 2 Takte) + 2 Takte). Die zweite Zweitaktgruppe, in der der Gesang pausiert, ist dann schon die Einleitung in die sechzehntaktige instrumentale Bridge. Die zweitaktigen melodischen Phrasen, auf denen Strophe wie Refrain basieren, sind trotz ihrer Verschiedenheit sehr ähnlich, weil aus dem gleichen Tonmaterial aufgebaut.

Der Bridge (B), die im Wesentlichen aus per Overdubbing eingespielten Synthie-Figuren mit Bass- und Schlagzeugbegleitung und den durch Quartvorhalte und Nonenergänzung modifizierten Grundakkorden des Songs besteht, schließt sich der mehrfach wiederholte achttaktige Chorus an. Damit setzt die Wiederaufnahme von Teil A ein, der nun zwar die Strophe auslässt, aber durch die Wiederholung des Chorus mit 24 Takten zumindest die Taktsymmetrie herstellt. Doch auch das ist nicht nur eine einfache Wiederholung, sondern in den Chorus sind nun als Gegenstimme die Worte “You are a radio star” eingewoben. In der Singlefassung endet der Song danach in einem Fade-out nach 3:25 Minuten. Die Albumfassung ist 48 Sekunden länger und schließt nach 4:13 Minuten mit einer angehängten E-Piano- und Synthie-Coda, die in ein Fade-out auf den Vokalisen in der weiblichen Stimme übergeht.

Aufnahmetechnisch fallen insbesondere die mit Kompressor und Equalizer aufwändig behandelten Vokalparts auf. Die von Trevor Horn gesungenen Strophen lassen die Singstimme durch den massiven Einsatz eines Kompressors, der die Dynamik aus dem Klang der Stimme nimmt, sowie die mit dem Equalizer abgeschnittenen unteren Frequenzbestandteile wie durch ein altes Telefon gesungen erklingen. So erhält die Stimme den Vintage-Charakter, der der ironischen Glorifizierung des Radio-Stars im Text entspricht. Die Background-Vocals in den Frauenstimmen sind dagegen ungewöhnlich trocken aufgenommen und auf die beiden, hier noch einmal gespreizten Stereokanäle gelegt. Insbesondere die als Zäsur jeweils zwischengeschobenen eintaktigen Vokalisen “Oh a oh” scheinen dadurch aus einer so unmittelbaren Nähe zu kommen, dass sie förmlich aus dem Klangbild herausfallen. Im Refrain dagegen sind die Stimmen chorisch eingesetzt, die Frauenstimmen dabei aber dominant.

Der Text des Songs ist somit auf drei deutlich voneinander unterschiedenen Stimmen aufgeteilt. Zum einen die “Telefonstimme” Trevor Horns, in der sich die Narration des Songs entfaltet; zweitens die etwas mechanischen eintaktigen Vokalisen, die hiervon aufnahmetechnisch und durch Einsatz einer Sängerin deutlich abgehobenen sind; und drittens schließlich die chorische Stimme des Refrains. Hinzu kommt noch die eher konventionell gesungene und etwas sphärisch anmutende Gegenmelodie im Background zur dritten Strophe, die durch den darüber gelegten Hall die weiblichen Singstimmen hier nahe an einen Instrumentalklang führt.

Der kunstvoll gebaute Song, der den Angaben des Aufnahme- und Mixing-Ingenieurs Gary Lagan zufolge sechs Mal komplett abgemischt werden musste (vgl. ebd.), bis Trevor Horn ihn schließlich so hatte, wie er ihn haben wollte, entfaltet sich damit auf vier klanglichen Ebenen: die alle Grenzen sprengende Bass Drum, die ebenfalls massiv in den Vordergrund gemischte und mittels Kompressor überpräsent gemachte markante Bassgitarre von Trevor Horn, die aufwändig skulpturierten Gesangsstimmen und schließlich die ebenfalls reichhaltig ausdifferenzierten Keyboardsounds.

Der Clip zu VIDEO KILLED THE RADIO STAR baut im Wesentlichen auf zur damaligen Zeit etablierten Darstellungsverfahren auf. So wird am Ende des Clips in einen schlichten (weißen) Studio-Hintergrund ausgeblendet, ebenso werden Bildüberlagerungen eingesetzt. Letzteres geschieht in Kombination mit einer nachträglichen Verfremdung der Bildoberfläche, die hier auf den singenden Trevor Horn abzielt und zu einer grobkörnigen Bildtextur führt. Neuartig sind indes die Kamerabewegungen in Schräglage, die dem Clip eine spielerische Note verleihen und die New-Wave-hafte Eigenwilligkeit des Settings (eine Art Labor, in dem an der ‚Zukunft‘ der Popmusik gearbeitet wird) unterstreichen.

Inhaltlich allegorisiert das Musikvideo das Ende des Radios und den Beginn einer neuen Medientechnologie. Zunächst ist parallel zum Text (“I heard you on the wireless back in ‘52”) ein Kind vor dem Radio in Farbe zu sehen mit einer Überblende des Sängers in Schwarz-Weiß. Das Radio explodiert dann und wie Phoenix aus der Asche tauchen am Explosionsort Fernseher aus den Trümmern auf. Diese erhalten dann im Setting des Musikvideos auch die Aufgabe, die Musikausführung, etwa das Schlagzeugspiel, zu visualisieren. Diese metamediale Thematisierung des Fernsehens als Medium des Musikvideos wird am Ende des Videos dann nochmals verdeutlicht. Die Wand hinter dem Radio wird komplett durchbrochen und dahinter kommen die Musiker während ihrer Performance zum Vorschein. Eine Allegorie also, wie das Musikvideo Barrieren durchbricht und eine neue audiovisuelle Verfügbarkeit der Musiker ermöglicht.

IV. Rezeption

VIDEO KILLED THE RADIO STAR erwies sich als ein massiver internationaler Hit, der am 29.9. auf Platz 24 in die britischen Single Charts einzog und schon drei Wochen später, am 20. Oktober, die Spitzenpositionen innehatte, die er in 16 weiteren Ländern erreichte, darunter die meisten europäischen Länder, ausgenommen Deutschland (Platz 2) und Belgien (Platz 12). In den USA erreichte der Song ebenfalls nur Platz 40 der Billboard-Charts, war aber auch dort ein massiver Radio-Hit. In Großbritannien wurde der Single 1980 vom britischen Phonoverband für 500.000 verkaufte Einheiten die Goldene Schallplatte verliehen.

Coverversionen blieben angesichts des großen Anteils von Produktion, Aufnahmetechnik und Mischung am Erfolg des Songs zunächst weitgehend aus. Mit Ausnahme des französischen Pop-Stars Ringo (Guy Bayle), der schon 1979 eine Version des Songs in französischer Sprache veröffentlichte, gab es erst in den späten 1990er Jahren eine Reihe von Coverversionen. Die bekanntesten waren 1998 die Version der amerikanischen Indie-Rockband The Presidents of the United States of America aus Seattle sowie die 2003 erschienene Version des britischen Synthie-Pop-Duos Erasure.

PETER WICKE


Credits

Songwriting: Trevor Horn, Geoff Downes, Bruce Woolley
Bass, Gesang: Trevor Horn
Keyboards, Percussion: Geoff Downes
Gitarre: Bruce Woolley
Leadgitarre: Dave Birch
Schlagzeug: Geoff Downes
Background-Gesang: Debi Doss
Background-Gesang: Linda Jardim
Aufnahme/Mischung: Gary Langan
Toningenieur: Hugh Padgham
Produktion: Trevor Horn, Geoff Downes
Mastering: John Dent

Recordings

  • Bruce Woolley. “Video Killed the Radio Star”. On: English Garden, 1979, Epic, EPC 83893, UK (Vinyl/Album).
  • Buggles. “Video Killed the Radio Star / Kid Dynamo”, 1979, Island Records, WIP 6524, (Vinyl/Single).
  • Buggles. “Video Killed the Radio Star”. On: The Age of Plastic, 1979, Island Records, ILPS 9585, UK (Vinyl/Album).
  • Buggles. The Age of Plastic, 1999, Island Records 546 274-2, UK, Reissue (CD/Album).

Covers

  • Ringo. “Qui Est Ce Grand Corbeau Noir ‘Video Killed the Radio Star’ / Ne Laissez Pas Mourir le Rock N’ Roll”, 1979, Formule 1, 49 551, France (Vinyl/Single).
  • The Presidents of the United States of America. “Video Killed the Radio Star”. On: Pure Frosting, 1998, Columbia Records, CK 69201, USA (CD/Compilation).
  • Erasure. “Video Killed the Radio Star”. On: Other People’s Song, 2003, Mute Records, Stumm 215, UK (Vinyl/Album).

References

  • Buskin, Richard: The Buggles ‘Video Killed the Radio Star’. In: Sound on Sound 12 (2011), 96.
  • Downes, Geoffrey: The Buggles. The Age of Plastic (Liner Notes). In: The Buggles. “Video Killed the Radio Star / Kid Dynamo”, 1999, Island Records, 562 465-2, Europe, Reissue (CD/Single).
  • Downes, Geoffrey: The History of Video Killed the Radio Star (2008). In: Youtube. URL: https://youtu.be/bd7WONMT8Gc [06.02.2017].
  • Tannenbaum, Rob/Marks, Craig: I Want My MTV. The Uncensored Story of the Music Video Revolution. New York: Penguin 2011.

Links

About the Author

Prof. Dr. Peter Wicke teaches theory and history of popular music and is director of the Center for Popular Music Research at the Humboldt University Berlin.
All contributions by Peter Wicke

Citation

Peter Wicke: “Video Killed the Radio Star (The Buggles)”. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, http://www.songlexikon.de/songs/videokilledtheradiostar, 03/2017.

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