1978
Karat

Über sieben Brücken musst Du gehn

ÜBER SIEBEN BRÜCKEN MUSST DU GEHN ist der Titelsong des zweiten Albums der DDR-Rockgruppe Karat, der in einer Cover-Version von Peter Maffey deutschlandweit bekannt geworden ist. Der Song gilt als einer der populärsten deutschsprachigen Popsongs.

I. Entstehungsgeschichte

ÜBER SIEBEN BRÜCKEN MUSST DU GEHN entstand 1977 im Zusammenhang mit der Musik zu einem Film des DDR-Fernsehens nach einer gleichnamigen Novelle des Leipziger Schriftstellers Helmut Richter aus dem Jahr 1975. Regisseur Hans Werner (*1950) war es gelungen, Ulrich “Ed“ Swillms (*1947) für die Filmmusik zu gewinnen, Keyboarder der 1975 in Ostberlin gegründeten DDR-Rockgruppe Karat, der sich als Komponist mehrerer Hits bereits einen Namen gemacht hatte. Im Verlauf der Dreharbeiten schlug Dramaturg Peter Jakubeit (*1939) vor, den Film mit einem Titelsong zu versehen, der die erzählte deutsch-polnische Liebesgeschichte auf eine sinnbildhafte Ebene projizieren und zugleich als dramaturgischer Anker im Film fungieren sollte. Helmut Richter schrieb dafür einen Text, der die Titelzeile seiner Erzählung zum Kern einer ins Allgemeinmenschliche zielenden melancholischen Betrachtung über die Mühen des Lebens machte, und Ed Swillms komponierte dazu eine ebenso suggestive wie kongeniale Musik. Die Gruppe Karat übernahm den Song sofort in ihr Repertoire und erhielt damit 1978 beim Internationalen Schlagerfestival in Dresden den Grand Prix. Im gleichen Jahr erschien die Aufnahme des DDR-Fernsehens auf Amiga, dem Popmusik-Label der staatlichen Plattenfirma VEB Deutsche Schallplatten, als A-Seite einer Single. 1978 wurde der Song unter Leitung des Amiga-Produzenten Jürgen Lahrtz (*1935) für das zweite Album von Karat in den Amiga-Studios in Berlin noch einmal aufgenommen und erschien auf demselbigen im Oktober 1979.

 

II. Kontext

ÜBER SIEBEN BRÜCKEN MUSST DU GEHN wurde in der DDR zu einem Hit als die Fassade des “real existierenden Sozialismus“ unübersehbare Risse bekam, die ein Jahrzehnt später dann mit dem Fall der Berliner Mauer zum Ende des SED-Staates führten. War es Anfang der 1970er Jahre mit Erich Honecker als Nachfolger von Walter Ulbricht in den höchsten Ämtern von Partei und Staat zunächst zu einer Phase der Liberalisierung gekommen, die u.a. mit der Förderung der einst bekämpften Rockmusik in der DDR vor allem bei der Jugend ein Gefühl des Aufschwungs auslöste, so brach dieser Prozess mit der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann (*1936) im November 1976 jäh ab. Mit einer damals schon nicht mehr für möglich gehaltenen Zuspitzung der Konflikte begann die DDR-Führung Andersdenkende systematisch auszugrenzen, was vor allem den Künstlern aller Genres und Sparten das Arbeiten zunehmend unmöglich machte. In der Konsequenz wurde auch die Rockmusik ab 1977 von einer Ausreisewelle getroffen, die das künstlerische Potenzial empfindlich dezimierte. Zugleich begann eine Generation junger Musiker, inspiriert nicht zuletzt durch die Verweigerungshaltung des britischen Punk Rock, die Kompromisse aufzukündigen, die ihre Vorgänger um einer möglichst unbehelligten Entwicklung ihrer Musik willen noch eingegangen waren. Immer häufiger wurden die stillschweigend vereinbarten Tabus nun sowohl in den Texten wie auch in der Musik verletzt. Das wiederum nahm die SED zum Anlass für ein noch konsequenteres Vorgehen, was den Druck weiter erhöhte. Vor diesem Hintergrund gab es für Musiker und Bands eigentlich nur die Alternative, wenn sie sich nicht mit Auftrittsverboten aus dem Land treiben lassen wollten, entweder auf die zermürbenden Auseinandersetzungen einzugehen und entsprechende Kompromisse zu machen oder aber zu versuchen, den Repressalien durch eine schwer greifbare und damit auch schwer angreifbare Metaphorik in den Texten zu entgehen. Karat hat letzteren Weg gewählt und schon auf dem ersten Album mit Songs wie “König der Welt“ (1978), “Märchenzeit“ (1978), später dann mit “Albatros“ (1979), “Schwanenkönig“ (1980) oder eben auch mit “Über sieben Brücken musst Du gehn” Musterbeispiele für eine solche diffuse Metaphorik geschaffen. Die nicht selten kryptischen Texte bildeten die Stimmungslage aber so genau ab, dass diese Songs in der DDR durchweg zu Massenerfolgen wurden. Dass das als scheinbar unpolitischer “Kuschelrock“ von den DDR-Medien und -Behörden vorbehaltlos gefördert wurde, sollte sich als janusköpfig erweisen, haben diese Lieder doch mit der Artikulation von Sehnsüchten, gerade weil das so diffus blieb und nicht auf Konfrontation angelegt war, ihren Beitrag dazu geleistet, dass sich der überwiegende Teil der Jugend längst aus der DDR verabschiedet hatte als 1989 die Mauer fiel.

III. Analyse

ÜBER SIEBEN BRÜCKEN MUSST DU GEHN ist eine klassische Rockballade in Strophenliedform. Der zweistrophige Song ist durchweg aus zweitaktigen melodischen Phrasen aufgebaut, die sich nur wenig voneinander unterscheiden und in auf- und absteigender Bewegung nicht mehr als den Tonraum einer Quinte durchschreiten. Das macht den Song nicht nur sehr einprägsam, sondern erzeugt eine eigenartig kreisende melodische Bewegung. Die Melodie scheint immer wieder neu anzusetzen. Das korrespondiert mit dem Textaufbau, der ebenfalls immer wieder neu anhebt, in dem er jede Zeile mit einem “Manchmal“ beginnen lässt (“Manchmal geh ich meine Straße ohne Blick / manchmal wünsch ich mir mein Schaukelpferd zurück / manchmal bin ich ohne Rast und Ruh / manchmal schließ ich alle Türen nach mir zu“).

Die sechzehntaktigen Strophen sind aus zwei Achttaktern aufgebaut, die ihrerseits aus zwei Viertaktern zusammengesetzt sind. Die zweite Viertaktgruppe weicht harmonisch in die Moll-Parallele der Grundtonart aus, was den Zweitaktgruppen hier einen hinreichend kontrastierenden Charakter gibt, ohne dass der melodische Duktus um der Kontrastwirkung willen verändert werden musste. Legt man die Zweitaktgruppen zugrunde, dann ergibt das den folgenden Strophenaufbau: a a b b a a b b. Einen besonderen Charakter erhält der Song aber dadurch, dass die zweitaktigen melodischen Phrasen immer erst verzögert, auf dem zweiten Viertel des ersten Taktes beginnen. So entsteht der Eindruck von Ruhe und Bewegung zugleich: Während die Instrumentalbegleitung (Keyboards, Gitarre, Bass und Schlagzeug) im ruhigen Gleichmaß auf dem Viertelgrundschlag pendeln, treibt der verzögerte Einsatz der Singstimme, die zudem in bewegteren Achteln geführt ist, den Song voran.

Die immer wieder neu ansetzende kleinteilige Melodik scheint auf den achttaktigen Refrain, der den beiden Strophen jeweils nachgestellt ist,  förmlich zuzulaufen ( nach der ersten Strophe durch die Textzeile “und dann such ich Trost in einem Lied“ effektvoll unterstützt). Mit seinem hymnischen Charakter ist der Refrain der Kulminationspunkt des Songs. Es sind nur kleine Veränderungen an den melodischen Zweitaktgruppen, die die Verschiebung ins Hymnische bewerkstelligen. So ist die Melodiestimme im Refrain nicht mehr solo, sondern im chorischen Unisono gesungen. Sie setzt hier nicht um ein Viertel verzögert, sondern jeweils ein Viertel vor Taktbeginn ein. Die melodischen Phrasen werden damit auftaktig. Die Achtelfolge des melodischen Verlaufs ist durch zwischengeschobene Viertel unterbrochen, so dass Ruhepunkte in der Bewegung entstehen. Durch Überbindungen von Achteln sind Synkopen gesetzt, was den Melodieverlauf hier deutlich spannungsreicher als in den Strophen macht. Obwohl der Gesamteindruck ein ganz anderer ist, sind die Zweittaktgruppen, aus denen sich der Refrain zusammensetzt, dennoch nichts anderes als eine modifizierte Variante der Zweitaktgruppen aus der Strophe. Der Refrain hat den Aufbau a’ b‘ a‘ b‘. Nach der zweiten Strophe wird er wiederholt und dient so zugleich als Outro. Als Intro ist dem Song eine Akkordfolge vorangestellt, die die Harmonisierung der ersten Zweitaktgruppe vorwegnimmt.

Es ist dieser ebenso einfache wie kunstvolle Aufbau, dem die ungebrochene Popularität dieses Songs geschuldet ist. Zudem bilden Text und Musik hier nicht nur formal eine nachgerade perfekte Einheit. Den diffusen Erinnerungsbildern mit ihrer ungerichteten Sehnsucht, die die Strophen heraufbeschwören und die mit der Zeile “manchmal scheint man immer nur im Kreis zu gehn“ den melodischen Duktus der Zweittaktphrasen geprägt haben, entspricht der zerfließende Klangcharakter, in denen nur die Singstimme Kontur besitzt. Die zu Lebensweisheiten aufgebauten Sentenzen des Refrains (“Über sieben Brücken musst du gehen / sieben dunkle Jahre überstehn / sieben Mal wirst du die Asche sein / aber einmal auch der helle Schein“) sind dagegen auch im Klangbild mit einem Pathos ausgestattet, das in den Live-Versionen häufig noch durch großes Orchester und darüber gesetzte Bläserakzente unterstrichen wird.

IV. Rezeption

ÜBER SIEBEN BRÜCKEN MUSST DU GEHN wurde in der DDR immens populär. Sowohl die 1978 erschienene Single wie auch das 1979 erschienene Album waren Verkaufserfolge, auch wenn das damals nicht viel hieß, da die Auflagen in der DDR im vorhinein limitiert waren und die festgesetzte Auflagehöhe nur sehr bedingt etwas mit der realen Nachfrage zu tun hatte. Mit der Single platzierte sich die Band auf Platz 2 der DDR-Jahreshitparade hinter ihrem Titel “König der Welt“. Das Album erschien noch im gleichen Jahr in der Bundesrepublik auf dem von dem Westberliner Rock-Promoter Peter Schimmelpfennig (*1944) eigens für den Import von DDR-Rockmusik gegründeten Label Pool unter dem Titel “Albatros“ mit leicht geänderter Songfolge. ÜBER SIEBEN BRÜCKEN MUSST DU GEHN wurde als Single-Auskopplung dem Album vorausgeschickt. Die Single mit dem Titel “Blues“ auf der B-Seite schaffte es zwar nicht in die Charts, aber doch in die Rundfunkprogramme und generierte damit soviel Aufmerksamkeit, dass die Band für das Album 1984 in der Bundesrepublik schließlich eine Goldene Schallplatte erhielt.

Durch das Radio wurde auch der westdeutsche Rocksänger Peter Maffay (*1949) auf den Song aufmerksam und produzierte 1980 eine Cover-Version mit einem eigenem, von einem ausgedehnten Saxophonsolo geprägten Arrangement. Seine Version trug erheblich dazu bei, dass ÜBER SIEBEN BRÜCKEN MUSST DU GEHN zu einem der populärsten deutschsprachigen Songs überhaupt werden konnte. Mit erfolgreichen Cover-Versionen sind später sowohl Xavier Naidoo (*1971) im Duett mit dem türkischstämmigen Schweizer Popsänger Erkan Aki (*1969) als auch der irische Pop-Sänger Chris De Burgh (*1948) hervorgetreten, der unter dem Titel “Seven Bridges“ eine englischsprachige Version des Songs veröffentlicht hat. Eine recht eigenwillige Version hat auch das von fünf jungen Opernsängern gegründete deutsche Klassik-/Pop-Crossover-Projekt Adoro eingespielt. Von Helene Fischer (*1984), die den Song in ihrem Live-Repertoire hat, gibt es ebenfalls eine eigene Fassung.

 

PETER WICKE


Credits

Komposition, Arrangement: Ulrich „Ed“ Swillms
Text: Helmut Richter
Gesang, Gitarre: Herbert Dreilich
Gitarre: Bernd Römer
Keyboards: Ulrich „Ed“ Swillms
Schlagzeug : Michael Schwandt
Bassgitarre, Gesang: Henning Protzmann
Produktion: Jürgen Lahrtz

Recordings

  • Karat. “Über sieben Brücken musst Du gehn“ / “Rock-Vogel“, 1978, Amiga, 4 56 316, DDR (Vinyl/7”-Single).
  • Karat. “Über sieben Brücken musst Du gehn“, Über sieben Brücken musst Du gehen, 1979, Amiga, 8 55 695, DDR (12″/LP).
  • Karat. “Über sieben Brücken musst Du gehen“, Albatros, 1979, Teldec/Pool, 6.24087/6.24087 AP, BRD (Vinyl/LP/Album).
  • Karat. “Über sieben Brücken musst Du gehn“ / “Blues“, 1979, Teldec/Pool, ‎ 6.12646 AC, BRD (Vinyl/7”-Single).
  • Karat. “Über sieben Brücken musst Du gehen“, Karat ‎– Über sieben Brücken (Digital Remastered), 1994, Amiga, 7432119304 2, BRD (CD).

Covers

  • Peter Maffay. “Über sieben Brücken mußt Du gehen“ / “Erst dann hat der Teufel gesiegt“, 1980, Metronome,  0030.352, BRD (Vinyl/7”-Single).
  • Aki* & Naidoo*. “Über Sieben Brücken musst Du gehen“ (Album Edit) / “Über Sieben Brücken musst Du gehen“ (Rhythm Edit) / “Lied der Freiheit“, 2001, Sony Columbia, COL 671850 2, BRD (CD-Single).
  • Adoro. “Über Sieben Brücken musst Du gehen“ , Adoro, 2008, Soda Music, 06025 1789588 1, BRD (CD/Album).
  • Helene Fischer. “Über Sieben Brücken musst Du gehen“ , Best of Helene Fischer – So wie ich bin live, 2010 EMI Electrola, 50999 949057 2 4, BRD (2xCD-Album).
  • Chris de Burgh. “Seven Bridges“, Footsteps 2, 2011, Starwatch Entertainment/Ferryman Productions, 88697946632, EU (CD/Album).

References

  • Balitzki, Jürgen: Rock aus erster Hand. Berlin: Lied der Zeit 1985.
  • Dähn, Christine: Karat. Über sieben Brücken musst Du gehen. Berlin: Verlag Neues Leben 2010.
  • Gerlach, Caroline: Karat. Pop Nonstop. Berlin: Lied der Zeit 1985.
  • Richter, Helmut: Auf der wievielten Brücke stehen wir?. In: Der Mauerfall – 20 Jahre danach … Ed. by Petra Heß and Christoph Kloft. Zell/Mosel: Rhein-Mosel Verlag 2009, 197-201.
  • Schumann, Wolfgang: Karat. “Über sieben Brücken …“ 20 Jahre Karat. Berlin: Henschel 1995.

Links

  • Aufnahme von 1978: http://www.myvideo.de/watch/8284781/Karat_UEber_sieben_Bruecken_musst_du_geh_n_1978, [12/2014].
  • Chris de Burgh, Seven Bridges: https://www.youtube.com/watch?v=MhH5Hd4w_ko, [12/ 2014].

About the Author

Prof. Dr. Peter Wicke teaches theory and history of popular music and is director of the Center for Popular Music Research at the Humboldt University Berlin.
All contributions by Peter Wicke

Citation

Peter Wicke: “Über sieben Brücken musst Du gehn (Karat)”. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, http://www.songlexikon.de/songs/uebersiebenbrueckenkarat, 12/2014 [revised 04/2015].

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