1966
The Beach Boys

Sloop John B.

SLOOP JOHN B. ist ein 1966 veröffentlichter Song der kalifornischen Rockband The Beach Boys. Die Umdichtung eines karibischen Volksliedes wurde zu einem ihrer größten Erfolge.

I. Entstehungsgeschichte

SLOOP JOHN B. entstand als Volkslied auf den Bahamas und war dort unter dem Titel “The John B. Sails” bekannt. Der britische Dichter Richard Le Gallienne (1866-1947) transkribierte den Song und veröffentlichte den Text im Rahmen eines Artikels für das renommierte Gesellschaftsmagazin Harper’s Magazine. Die ersten beiden Strophen des Textes und den Refrain verwandte er auch in seinem im Jahr darauf erschienenen Roman Pieces of Eight. Über den Roman wurde der amerikanische Dichter und Volksliedsammler Carl Sandburg (1878-1967) auf den Song aufmerksam und integrierte ihn in einem Arrangement des amerikanischen Musikprofessors Alfred George Wathall (1888-1938) in seine immens populär gewordene Sammlung von Volksliedern, die unter dem Titel The American Songbag 1927 erstmals erschien. Sie wurde in ununterbrochener Folge immer wieder neu aufgelegt, letztmalig 1990. Auf diesem Weg gelangte der Song in die Hände von Künstlern wie Jimmy Rodgers, Pete Seeger, Johnny Cash, Lonnie Donegan und anderen, die unter verschiedenen Titeln ihre Versionen von SLOOP JOHN B. veröffentlichten. Die Version der Beach Boys geht auf eine 1958 sehr populär gewordene Fassung des Kingston Trios zurück, “The Wreck of the John B.”, die jedoch von Bandleader und Produzent Brian Wilson (*1942) sowohl textlich als auch musikalisch modifiziert und mit einem eigenen Arrangement versehen worden ist.

Die Aufnahme der Instrumentaltracks erfolgte am 22. Juni 1956 im Studiokomplex von United Western Recorders in Hollywood unter Leitung von Brian Wilson als Produzent und Chuck Britz (1927-2000) als Toningenieur. An der Aufnahme beteiligt war neben den Beach Boys der Kern der Wrecking Crew, einer lockeren Gruppe von Studiomusikern aus dem Raum Los Angeles, die in den 1960er Jahren an über einhundert Hit-Produktionen mitwirkten und insbesondere durch die Zusammenarbeit mit dem Produzenten Phil Spector legendär geworden sind. Die Vokaltracks entstanden am 22. und 29. Dezember 1965, wobei Wilson während der zweiten Aufnahmesession noch eine zwölfseitige E-Gitarre in den Mittelteil des Songs einfügte. Die Leadstimme der ersten und dritten Strophe übernahm Wilson selbst, die zweite Strophe wurde von Mike Love (*1941) gesungen, Mitbegründer der Beach Boys und mit seinem Bariton das Gegengewicht zu Brian Wilsons Falsettstimme.

Die Veröffentlichung erfolgte am 21. März 1966 als Vorab-Single zum Album Pet Sounds mit “You’re So Good to Me” auf der B-Seite. Auf dem im Mai 1966 veröffentlichten Album, eines der frühen Konzeptalben, beschließt der Song die erste Seite der damals noch mono produzierten Platte. Der sechs Monate vor dem Album entstandene Song war auf Druck der Plattenfirma Capitol Records hinzugefügt worden, da die Befürchtung im Raum stand, dass dem Album ansonsten ein auskoppelbarer Single-Hit fehle. Wilson hatte ihn ursprünglich nicht in dem Albumkonzept vorgesehen, gab dem Druck aber schließlich nach. Einzelne Takes der Aufnahmesession finden sich auf der 1996 veröffentlichten Kompilation The Pet Sounds Sessions. Zu SLOOP JOHN B. wurde 1966 unter Leitung des britischen Werbefachmanns Derek Taylor (1932-1997) ein Promotionfilm für Top of the Pops gedreht, eine zwischen 1964 und 2006 von der BBC in Großbritannien ausgestrahlte chartbasierte Musikshow. Der Film gehört zu den stilprägenden Vorläufern der Musikvideos.

II. Kontext

SLOOP JOHN B. entstand, wie die anderen Songs des Pet Sounds-Albums, in einer Lebensphase Brian Wilsons, in der er sich aus einer persönlichen und schöpferischen Krise zu befreien suchte. LSD-Missbrauch hatte ihn im Jahr zuvor an den Rand des Abgrundes gebracht. Ein Nervenzusammenbruch und erste Anzeichen einer paranoiden Schizophrenie, die ihn später mehrere Jahre seines Lebens in einer geschlossenen Anstalt kostete, veranlassten ihn 1965, den ermüdenden Tourneebetrieb aufzugeben und sich ganz der Studioarbeit zu widmen. Für ihn wurde das Schreiben und Produzieren von Songs in seinen eigenen Worten zu “einer Art Musiktherapie” (zit. n. Fusilli 2005: 86), der er sich mit dem Anspruch widmete, das Album aus einer bloßen Kompilation von Hits und Fülltiteln zu einem Kunstwerk eigener Art zu machen.

Brian Wilson war in diesen Jahren nicht der einzige, der sich von den Möglichkeiten der Aufnahmetechnik herausgefordert sah, neue künstlerische Wege zu beschreiten und die simplen Muster einer reinen Tanzmusik, die die Rockmusik vom Rock’n’Roll der 1950er Jahre übernommen hatte, hinter sich zu lassen. Er war auch nicht der erste, der als Produzent seiner eigenen Musik fungierte. Aber er definierte die Rolle des Produzenten in der Personalunion von Songschreiber, Arrangeur, Klangdesigner, Musiker und Aufnahmetechniker neu. Obwohl ihm bei der Aufnahme des Pet Sounds-Albums mit Chuck Britz ein erfahrener Toningenieur zur Seite stand, war es doch Brian Wilson, der auch für die technische Seite der Aufnahme mit genauen Klangvorstellungen die Vorgaben machte (vgl. Britz 2008). Mitte der 1960er Jahre erschienen mit Rubber Soul (1965) von den Beatles, Blonde on Blonde (1966) von Bob Dylan oder Sounds of Silence (1966) von Simon & Garfunkel erstmals Alben, die über eine Sammlung von potenziellen Single-Hits, mit Füllmaterial zum Longplayer gemacht, hinausgingen. Noch handelte es sich nicht um Konzeptalben im eigentlichen Sinne des Wortes, aber doch um Zusammenstellungen von Songs, von denen jeder für sich ernst genommen werden wollte. Inzwischen war ein jugendliches Publikum herangewachsen, für das die Musik nicht mehr nur eine mehr oder weniger austauschbare modische Vorlage zum Tanzen darstellte, sondern zu einem zentralen Medium der Selbstvergewisserung, der Selbstfindung und des Selbstausdrucks geworden war. Das ermöglichte kreativen Köpfen wie Brian Wilson das Vordringen zu neuen künstlerischen Ufern.

III. Analyse

Brian Wilsons hat in seiner Version von SLOOP JOHN B., der Klage über eine aus dem Ruder gelaufene Fahrt auf der Schaluppe “John B.” mit den Großvater des Ich-Erzählers, zwar den Grundcharakter des Volksliedes beibehalten, dennoch aber aus dem Song ein sehr kunstvolles Gebilde gemacht.

SLOOP JOHN B. ist der Form nach ein einfaches Strophenlied. Nach einer kurzen, zweitaktigen Einleitung, gespielt von Flöte und Glockenspiel, dezent unterstützt von einem sehr trocken aufgenommenen Tick-Tack-Perkussioneffekt, folgen für jede der drei Textstrophen jeweils sechzehn Takte für die Strophe und ebenfalls jeweils sechzehn Takte für den Refrain. Insofern entspricht der Aufbau voll und ganz einem traditionellen Folksong. Doch Brian Wilson hat innerhalb dieses formalen Gerüsts eine Fülle von Details untergebracht, die diesen Grundaufbau so modifizieren, dass weder die Strophen noch die Refrains einander gleichen, aber dennoch, gleichsam als eine Ebene hinter dem Song, die durch die modifizierenden Details hindurchklingt, auf einer gemeinsamen musikalischen Grundlage stehen. Die erste Strophe (“We come on the sloop John B. / My grandfather and me”), basierend auf kurzen, ein- bis zweitaktigen melodischen Phrasen, ist ganz volksliedhaft gehalten und eingebettet in eine instrumentale Begleitung, die in der Höhe von Flöte und Glockspiel, in den Tiefen von einem deutlich konturierten Bass umrahmt ist. Die klare Kontur der Bassstimme, die einen perkussiven Tonansatz mit einer frequenzreichen Klangfülle vereint, resultiert aus der ungewöhnlichen Kombination des Fenderbasses, hier einen Ton tiefer gestimmt, mit einem unisono geführten Kontrabass. Ansonsten liefert die Begleitung mit dem sehr sparsam eingesetzten Schlagzeug, der Orgel und den ineinander verwobenen Gitarren ein Klanggewebe, vor dem sich die Vokalstimme deutlich abhebt. Ungewöhnlich ist lediglich das Ende der Leadstimme bereits auf Takt 15. Seinen vom Volkslied aber deutlich abweichenden Charakter erhält bereits die erste Strophe durch einen Klangaufbau, der den erzählenden Ton der Vokalstimme mit einer an Intensität stetig zunehmenden Klangdramaturgie konterkariert. Beginnend zunächst nur mit Gitarren, Orgel und Glockenspiel, ab Takt 7 mit auftaktig hinzukommender Bassstimme, dann mit dem ab Takt 8 einsetzenden, aber sofort wieder zurückgenommenen Schlagzeug, das ab Takt 15 aber mit einem markanten Sechzehntel-Rhythmus in der Hi-Hat hinzu kommt, wird die Instrumentalbegeleitung auch rhythmisch immer intensiver.

Die über den Formaufbau des Volkslieds gelegte Klangdramaturgie macht die Besonderheit dieses Songs aus. Der Chorus mit dem Refrain (“So hoist up the John B’s sail”) ist kaum noch als solcher erkennbar, da er sich aus dem gleichen melodischen Material, nur etwas anders rhythmisiert, wie die Strophe aufbaut. Dafür nimmt der Song aber nun im Wortsinn “Fahrt auf”. Die Textur wird immer dichter. Die Leadstimme ist nun chorisch geführt mit allen vier Bandmitgliedern, das Schlagzeug markiert in Bass Drum und Snare Drum überdeutlich das jeweils erste Viertel des Viervierteltakes und die Intensität wird durch in die melodischen Phrasen eingebaute Tonwiederholungen weiter gesteigert.

Die zweite Strophe (“The first mate, he got drunk / He broke into the Captain’s trunk”) lässt hinter der vor allem durch den vollen Einsatz des Schlagzeugs und den hinzukommenden Backgroundgesang nun massiv zunehmenden klanglichen Intensität und Dichte die musikalische Übereinstimmung mit der vorangegangenen Strophe nur noch schemenhaft erkennen. Der folgende Refrain erhält mit dem jetzt einsetzenden tief liegenden Baritonsaxofon, das das erste Viertel das Taktes im Bass hervorhebt, gegen Ende des Refrains aber rhythmisch eigenständiger wird, nicht nur einen weiteren Intensitätsschub. Es ist durch die mit allen Registern jetzt voll eingesetzten Begleitinstrumente und den gesplitteten Gesang, der nach dem Call-and-Response-Prinzip einzelne melodische Phrasen des Leadgesangs nun chorisch beantworten lässt, klanglich vom Rest des Songs deutlich abgesetzt. Die in der Mitte des Refrains jäh einsetzende A-cappella-Fortführung im vierstimmigen Satzgesang, die den musikalischen Fluss jäh unterbricht, unterstreicht diese klanglich gesetzte Zäsur überaus eindrucksvoll, weil in dieser Form bis dahin ungehört.

Die dritte Strophe (“So come on the sloop John B / My grandfather and me”) greift, etwas modifiziert, weil mit viel Hall aufgenommen und rhythmisch bewegter, den Charakter des Anfangs wieder auf. Über die Strophenliedform als Grundlage der Songarchitektur ist auf diese Weise hier die AABA-Standardform des amerikanischen Popsongs gelegt. Der zweite Refrain fungiert durch die deutliche klangliche Absetzung wie die Bridge (B) in der AABA-Form, was aus den drei Strophen jeweils eine Variante des Formteils A macht. Solche formalen Uneindeutigkeiten sind bis heute nicht unüblich im Aufbau von Popsongs und machen ein wesentliches Spannungselement aus.

Die Klimax erreicht der Song jedoch mit dem Refrain zur dritten Strophe, wo die klangliche und rhythmische Intensität ins aufnahmetechnisch damals machbare Maximum gesteigert ist sowie jedes Vierteil nun mit Schlagzeug, Saxofon und Bass kraftvoll markiert und der Satzgesang technisch gedoppelt zur Achtstimmigkeit erweitert wird, bevor der Song in einem Fade-out entschwindet.

IV. Rezeption

SLOOP JOHN B. wurde zu einem der populärsten Songs der Beach Boys, auch wenn ihm die Nummer-1-Position in den Charts nur in Deutschland, Österreich, Schweiz, Niederlande, Norwegen, Südafrika und Neuseeland beschieden war. In den USA erreichte er sechs Wochen nach seiner Veröffentlichung Platz 3 der Billboard Single Charts, in England zum gleichen Zeitpunkt Platz 2 der UK Single Charts.

Obwohl der Song einer der bekanntesten der Beach Boys geworden ist, haben nur Brian Wilson, der künstlerische Kopf der Beach Boys, und Al Jardine, Sänger und Gitarrist der Band, Coverversionen des Songs veröffentlicht; Wilson 2010 auf Pet Sounds Live und Jardine zwei unterschiedliche Versionen 2001 auf Live in Las Vegas und 2010 auf A Postcard from California.

 

PETER WICKE


Credits

Hauptgesang: Brian Wilson, Mike Love
Begleitgesang: Dennis Wilson, Al Jardine, Carl Wilson
Zwölfsaitige E-Gitarre: Carl Wilson
Gitarre: Al Casey, Jerry Cole
Zwölfsaitige E-Gitarre: Billy Strange
E-Bass, Kontrabass: Carol Kaye
Akustikbass: Lyle Ritz
Orgel: Al De Lory
Klarinette: Jay Migliori
Flöte: Steve Douglas, Jim Horn
Schlagzeug: Hal Blaine
Perkussion: Ron Swallow, Frank Capp
Bariton-Saxofon: Jack Nimitz
Toningenieur: Chuck Britz
Produktion: Brian Wilson

Recordings

  • The Beach Boys. “Sloop John B. / You’re So Good to Me”, 1966, Capitol Records, 5602, USA (Vinyl/Single).
  • The Beach Boys. “Sloop John B.”. On: Pet Sounds, 1966, Capitol Records, T 2458, USA (Vinyl/Album).
  • The Beach Boys. “Sloop John B.”. On: The Pet Sounds Session, 1996, Capitol Records, C2 7243 8 37662 2 2, USA (4xCD/Compilation).

Covers

  • Al Jardine. “Sloop John B.”. On: Family & Friends – Live in Las Vegas, 2001, Not on Label, HV100, USA (CD/Album).
  • Al Jardine. “Sloop John B.”. On: A Postcard from California, 2010, Jardine Tours, 9308F 1023-14906CD5, USA (CD/Album).
  • Brian Wilson. “Sloop John B.”. On: Pet Sounds Live, 2002, Sanctuary Records, 06076-84556-2, USA (CD/Album).

References

  • Britz, Chuck: Interview: Brian Wilson in Studio. Part 1 of 5. In: 440tv. URL: http://en.440tv.com/video.php/v/1478/Chuck-Britz-interview-PART-1-of-5-Brian-Wilson-in-studio [05.02.2017].
  • Fusilli, Jim: Pet Sounds. London, New York: Bloomsbury 2005.
  • Granata, Charles L.: Wouldn’t It Be Nice. Brian Wilson and the Making of the Beach Boys’ Pet Sounds (rev. ed.). Chicago: Chicago Review Press 2017.
  • Le Gallienne, Richard: Coral Islands and Mangrove-Trees. In: Harper’s Magazine, December 1916, 81-90.
  • Le Gallienne, Richard: Pieces of Eight: Being the Authentic Narrative of a Treasure Discovered in the Bahama Islands, in the Year 1903 – Now First Given to the Public. London: The Butterick Publishing Co. 1917.
  • Perlmutter, Adam: ‘Sloop John B’ Has Seen a Sea Change Throughout the Years. In: Acoustic Guitar 281 (2016).
  • Badman, Keith: The Beach Boys: The Definitive Diary of America’s Greatest Band, on Stage and in the Studio. San Francisco: Backbeat Books 2004.
  • Wilson, Brian (with B. Greenman): I am Brian Wilson. London: Hodder & Staughton 2016.

Links

  • Sloop John B., Promo Film. URL: https://www.youtube.com/watch?v=nSAoEf1Ib58 [21.11.2016].

About the Author

Prof. Dr. Peter Wicke teaches theory and history of popular music and is director of the Center for Popular Music Research at the Humboldt University Berlin.
All contributions by Peter Wicke

Citation

Peter Wicke: “Sloop John B. (Beach Boys)”. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, http://www.songlexikon.de/songs/sloopjohnb, 04/2017.

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