1954
The Chords

Sh-Boom

SH-BOOM ist ein Song der afroamerikanischen Doo-Wop-Gruppe The Chords, der als wichtiges Bindeglied zwischen Rhythm & Blues und Rock’n’Roll gilt, vielfach – wenn auch fälschlich – als “erster Rock’n’Roll-Song” bezeichnet wird.

I. Entstehungsgeschichte

SH-BOOM, auch unter dem Titel SH-BOOM (LIVE COULD BE A DREAM) verbreitet, ist eine gemeinsame Komposition von Jimmy Keyes (1930-1995), Floyd “Buddy” McRae (1927-2013), Carl Feaster (1932-1981), seinem Bruder Claude Feaster (1933-1975) und Ricky Edwards (1925-1964). Es war ihr erster und einziger Hit. Alle fünf hatten in verschiedenen Doo-Wop-Gruppen im New Yorker Stadtteil Bronx, in dem sie geboren und aufgewachsen waren, vergeblich versucht, Fuß zu fassen, bevor sie sich 1951 als The Chords zusammenfanden. Den Namen hatte der Bassist der Gruppe, Ricky Edwards, mitgebracht. Ein weiteres festes Mitglied war bis 1956 Rupert Branker (1933-1961) als Pianist, der die Chords bei ihren Live-Auftritten begleitete, an der Entstehung von SH-BOOM aber nicht beteiligt war.

SH-BOOM ist im Sommer 1953 entstanden und noch im gleichen Jahr Bobby Robinson (1911-2011), Eigentümer von Red Robin Records, angeboten worden. Der hörte sich die Gruppe zwar an, fand den Song aber nicht kommerziell genug und lehnte dankend ab. Im Frühjahr 1954 brachte sie der Zufall in Kontakt mit Oscar Cohen (*1935), Präsident der Associated Booking Corporation, einer 1940 von Louis Armstrong (1901-1971) und seinem Manager Joe Glaser (1896-1969) gegründeten Künstler-Agentur. Cohen hatte die Chords buchstäblich auf der Straße entdeckt, während sie in einer New Yorker U-Bahn-Station auftraten. Er machte sie mit Ahmet Ertegun (1923-2006), Vizepräsident der 1947 gegründeten Atlantic Records, und Jerry Wexler (1917-2008), A&R-Manager des Labels, bekannt. Da Atlantic gerade auf der Suche nach einem geeigneten Interpreten für eine Cover-Version des Patti-Page-Hits “Cross Over the Bridge” (1954) war, kamen die Chords gerade recht, denn sie hatten diesen Song im Repertoire. Am 15. März 1954 nahmen sie unter Leitung von Jerry Wexler mit dem später legendär gewordenen Toningenieur Tom Dowd (1925-2002) am Mischpult vier Titel im Atlantic Studio auf. Neben “Cross Over the Bridge” entstanden während der Session auch drei eigene Titel: “Hold Me Baby”, “Little Maiden” und SH-BOOM. Das Arrangement hatte Atlantic Haus-Arrangeur und Komponist Jesse Stone (1901-1999) geschrieben. Begleitet wurde das Quintett von Musikern aus dem Jesse Jones Orchestra, die damals nach Bedarf als Sessionmusiker für Atlantic Records herangeholt wurden.

Für die B-Seite der Single “Cross Over the Bridge” wählte Produzent Jerry Wexler SH-BOOM aus. Veröffentlicht wurde die Platte Ende März 1954 sowohl als 78er Shellack als auch als 45er Single auf einem kurz zuvor neu gegründeten Tochterlabel von Atlantic, Cat Records. Das Quintett ist auf der Single, so wie damals vielfach üblich, unabhängig von der tatsächlichen Zahl der Mitwirkenden als “Vocal Quartet” ausgewiesen. Das Schicksal des Songs entschied sich dann an der amerikanischen Westküste, als der kalifornische Radio-DJ Dick “Huggy Boy” Hugg (1928-2006) in Los Angeles statt der A-Seite mit dem Patti-Page-Cover probeweise die B-Seite der Platte auflegte und daraufhin eine überwältigende Hörerresonanz erhielt. Vorangegangen war dem die ungewöhnlich häufige Auswahl der B-Seite der Singles in den Jukeboxes, was dem Radiomacher nicht verborgen geblieben war. Die Kunde von dem übersehenen Hit machte schnell die Runde.

Angesichts des Erfolgs der B-Seite entschloss sich Atlantic im Juni 1954, alle weiteren Pressungen unter der gleichen Katalog-Nummer mit SH-BOOM auf der A-Seite und einem anderen Chord-Song aus der Aufnahmesession vom März 1954 als neuer B-Seite, “Little Maiden”, herauszugeben. Die Single verkaufte sich inzwischen derart gut, dass Atlantic die Veröffentlichungsrechte beider Seiten im Haus haben wollte und auf die Zugkraft des Patti-Page-Hits verzichten konnte. Im September 1954 musste Atlantic dann den Verkauf des Songs unter dem Namen der Chords einstellen, da sich herausgestellt hatte, dass eine Gruppe gleichen Namens bei Gem Records in Chicago bereits registriert war. Auf allen folgenden Pressungen der Single, immer noch unter der gleichen Katalog-Nummer, firmierten die Chords nun als The Chordcats. Für die Gruppe erwies sich das als ein Desaster. SH-BOOM war inzwischen auch in einer Cover-Version mit den kanadischen Crew Cuts bei Mercury Records, einem Major-Label, auf dem Markt. Diese an den Mainstream-Geschmack angepasste Version mit dem Orchester David Caroll verdrängte das Original um so leichter, als der Name der Gruppe, mit der sich die Erstveröffentlichung verband, inzwischen vom Markt verschwunden war.

II. Kontext

Die auch als Street Corner Singers bekannt gewordenen Vocal Groups entwickelten sich nach dem Zweiten Weltkrieg in den schwarzen Vierteln der Großstädte in den USA zu einem Massenphänomen, das, nachdem es die Aufnahmestudios der Plattenfirmen erreicht hatte, auch als Doo-Wop bezeichnet wurde (nach einer häufig gebrauchten Begleitphrase). Farbige Jugendliche entdeckten die möglichst virtuose Übertragung von Pop-Hits auf eine rein vokale männliche oder weibliche, sehr selten gemischte Quartett- oder Quintettbesetzung als einen Freizeitspaß, bei dem die Amateurgruppen – ähnlich den späteren HipHop-Battles – in wechselnder Abfolge um die Gunst des Publikums wetteiferten. Häufig waren sie tatsächlich am Straßenrand zu finden. Es brauchte nicht lange, bis die Musikindustrie sich dieses Trends annahm und den stetig wachsenden Rhythm & Blues-Markt mit solchen Vokal Groups belieferte, die bei den Aufnahmen dann mit einer sparsamen Instrumentalbegleitung unterlegt wurden. Zu den ersten dieser Vocal Groups auf dem Musikmarkt gehörten 1948 die Orioles mit “It’s Too Soon to Know”. Bis Anfang der 1960er Jahre folgten Hunderte solcher meist kurzlebigen Gesangsgruppen, die selten mehr als einen Hit aufzuweisen hatten und deshalb auch als “One Hit Wonder” bezeichnet wurden. Dabei zeichnete sich rasch ab, dass solche Produktionen ein enormes Crossover-Potenzial besaßen und den strikt entlang der Hautfarbe segregierten US-Musikmarkt gründlich durcheinander wirbelten. Zwar hatte es auch schon in den 1940er Jahren, etwa mit Louis Jordan (1908-1975) und seinen Tympany Five, farbige Musiker gegeben, die sich erfolgreich in den (weißen) Pop-Charts platzierten. Doch das blieben Einzelerscheinungen, die nichts an dem Grundprinzip änderten, das für “Schwarz” und “Weiß” getrennt musiziert, produziert, gesendet und veranstaltet wurde. Im Sommer 1954 war dann vor allem an der Songauswahl in den Jukeboxes ablesbar, dass sich eine Trendwende abzeichnete. In den Billboard Jukebox-Charts erzielten die Doo-Wop-Gruppen nun auch im (weißen) Pop-Sektor regelmäßig Spitzenplatzierungen. Und sie gehörten zu den ersten Vertretern der afroamerikanischen Bevölkerungsminderheit in den USA, die mit ihrem auf die Harmonik orientierten Satzgesang trotz ihrer Hautfarbe auch auf dem Bildschirm erschienen.

Die Aufmerksamkeit, die SH-BOOM zuteil wurde, und die rasant wachsende Popularität des Songs ist schon damals damit in Zusammenhang gebracht worden, dass sich die Titelphrase – eigentlich dem Teenager-Slang der Bronx entnommen – auch als ein lautmalerisches Äquivalent für das mediale Abbild einer Atombombenexplosion deuten lässt. Die Angst vor der Megabombe war damals in den USA eine alle Bereiche des öffentlichen Lebens durchdringende Grundstimmung. Im November 1952 hatten die USA mit der ersten thermonuklearen Explosion der Welt das Eniwetok Atoll in den Marshall Islands pulverisiert. 1954 folgte auf dem Bikini Atoll der Test der ersten Wasserstoffbombe, deren Explosionspilz auch die Fernsehschirme erreichte. Als 1953 die Nachricht um die Welt ging, dass auch der Sowjetunion die Zündung einer Atombombe gelungen war, wurde aus der Angst in der amerikanischen Öffentlichkeit eine regelrechte Hysterie, angeheizt durch Schutzübungen in den Schulen und Universitäten, die Ausgabe von Erkennungsmarken an die Bevölkerung und eine Propaganda, die unter dem Slogan “duck and cover” zweifelhafte Schutzmaßnahmen zur unentrinnbaren Botschaft auf allen Medienkanälen machte. Der vereinbarte Unernst eines Popsongs mit dem an einen Comic Strip erinnernden Lautbild der Titelphrase schien demgegenüber offenbar so etwas wie Entlastung zu versprechen, denn ansonsten qualifiziert den Song eigentlich nichts für den herausragenden Stellenwert, den er im Sommer 1954 erhielt.

III. Analyse

SH-BOOM ist ein auf achttaktigen Phrasen basierender AABA-Song, der auch innerhalb seiner Formteile dem AABA-Schema folgt, so dass sich der folgende Gesamtaufbau ergibt: Intro – A (a-a-b-a’) – A (a-a-b-a’) – B (a’-a’) – A (a-a-b-a’) – Outro. Das viertaktige Intro beginnt a capella, nach zwei Takten setzt mit dem Schlagzeug die Instrumentalbegleitung ein. Die Strophe lässt den kurzen melodischen Phrasen im Tenor, die sich über chorischen Vokalisen (“doo, doo, doo”) entfalten, jeweils auf dem vierten Viertel des Taktes und dem ersten Viertel des Folgetaktes ein chorisches “Sh-Boom” folgen, so dass eine Art Wechselgesang entsteht (call and response). Die Melodik bewegt sich im Shuffle-Rhythmus (gleichlang notierte Zweiertongruppen werden durch minimale Verzögerung als “lang-kurz” intoniert), so dass ein bewegter Gesamtcharakter entsteht. Der Vokalsatz folgt einem Prinzip, das als “closed harmony” bezeichnet wird: Die Stimmen sind so geführt, dass sie Akkorde stets in enger Lage bilden, was dem Satz einen sehr kompakten Charakter gibt. Die dritte Achttaktgruppe (b) erhält ihren kontrastierenden Charakter durch Wechsel der Leadstimme vom Tenor in den Bass. Die sich anschließende Wiederholung der achttaktigen Hauptphrase (a’) modifiziert das Arrangement, indem hier die Leadstimme im Tenor durch chorischen Satzgesang ersetzt ist, was einen Kulminationspunkt in dem Standardablauf setzt. Diese zweiunddreißig Takte des Teils A werden mit verändertem Text wiederholt. Lediglich die zweite achttaktige Phase (a) greift fast wortgleich die hier im Text gesetzten Vokalisen (“Day dong da ding-dong, Sha-lang-da-lang-da-lang …”) auf, so dass eine Art Refrain entsteht. Teil B besteht aus einem sechzehntaktigen Saxofonsolo, das das melodische Material der achttaktigen Hauptphrase (a) variiert. Es schließt sich noch einmal eine Wiederholung des Teils A an bevor der Song mit den refrainartigen Vokalisen ausklingt.

Song-Architekturen mit einem AABA-Aufbau auf mehreren Ebenen sind seit dem frühen 20. Jahrhundert ein Standard in der populären Musik der USA. Auch die Auffüllung des banalen Textes mit Nonsense-Phrasen (“Life could be a dream (Sh-boom) / If only all my precious plans would come true (Sh-boom) / If you would let me spend my whole life lovin’ you / Life could be a dream, sweetheart [Do do do do, sh-boom] …”) war ein zeittypisches Phänomen. Dahinter verbarg sich nicht nur ein am Klangbild orientierter Umgang mit Sprache (Vokalisen). Solche Nonsense-Phrasen waren auch Ausdruck einer distanziert unernsten “Coolness”, die als ästhetische Haltung für die afroamerikanische Kultur jener Jahre insgesamt charakteristisch ist. Auch wenn der Song als “erster” Rock’n’Roll-Song in den Annalen der Popgeschichte herumgeistert (Dawson 1992: 122), hat er musikalisch mit Rock’n’Roll wenig zu tun. Zugesprochen erhielt er diesen Status wohl aufgrund der seinerzeit auffälligen Parallel-Platzierung auf den ethnisch noch immer segregierten Musikmärkten. Erst später wurde bemerkt, dass er damit weder der erste noch der einzige Song war. Die Kombination einer Standard-Form des US-Popsongs mit Rhythmusgefühl und Gesangsstil der afroamerikanischen Musik hat dem amerikanischen Rock’n’Roll allerdings tatsächlich den Weg bereitet.

IV. Rezeption

SH-BOOM zog am 3. Juli 1954 sowohl in die amerikanischen Rhythm & Blues- als auch in die Pop-Charts ein und erreichte hier in den folgenden Wochen Platz 2 respektive Platz 9. Die im Sommer 1954 erschienene Cover-Version der Crew Cuts hielt sich ab Ende Juli ingesamt 20 Wochen, davon im August und September 1954 neun Wochen auf Platz 1. Die Popularität, mit der der Song 1954 für Schlagzeilen sorgte, flaute genauso schnell wieder ab, wie sie aufgekommen war. Die Originalversion wurde von Atlantic 1961 im Zuge der von Motown ausgelösten Renaissance des Doo-Wop-Sounds noch einmal veröffentlicht, allerdings ohne jede Resonanz. Die Gruppe hatte sich inzwischen in The Sh-Booms umbenannt, um der Obskurität durch Referenz auf ihren einstigen Monster-Erfolg zu entgehen, allerdings ohne den Prozess des Vergessens damit aufhalten zu können. Die späteren Cover-Versionen, wie die der britischen Mackpies (1955) oder der ebenfalls in Großbritannien beheimateten Darts (1980), basieren alle auf dem Arrangement der Crew Cuts. Erst als der Song in den 1970er Jahren unter die Vorläufer des Rock’n’Roll eingereiht wurde, tauchten auch die Chords aus der Vergessenheit wieder auf. Das Magazin Rolling Stone listet SH-BOOM unter seinen 500 Greatest Songs of All Time auf Platz 215.

 

PETER WICKE


Credits

Komposition & Text: The Chords
Arrangement: Jesse Jones
Gesang: The Chords (erster Tenor: Jimmy Keyes; zweiter Tenor: Floyd McRae; Bariton: Carl Feaster, Claude Feaster; Bass: Ricky Edwards)
Tenorsaxofon: Sam Taylor
Gitarre: Mickey Baker
Kontrabass: Lloyd Trotman
Schlagzeug: Joe Marshall
Produzent: Jerry Wexler
Toningenieur: Tom Dowd

Recordings

  • The Chords. “Cross Over the Bridge / Sh-Boom”, 1954, ‎Cat Records, 104, USA (Shelllac/Single).
  • The Chords. “Cross Over The Bridge / Sh-Boom”, 1954, Cat Records, 45-104, USA (Vinyl/Single).
  • The Chords. “Sh-Boom / Little Maiden”, 1954, Cat Records, 104, USA, Reissue (Shellac/Single).
  • The Chords. “Sh-Boom / Little Maiden”, 1954, Cat Records, 45-104, USA (Vinyl/Single).
  • The Sh-Booms. “Sh-Boom / Little Maiden”, 1961, Atlantic Records, Atco 45-6213, USA, Reissue (Vinyl/Single).
  • The Crew Cuts. “Sh-Boom / I Spoke Too Soon”, 1954, Mercury Records, 70404, USA (Shellac/Single).
  • The Crew Cuts. “Sh-Boom / I Spoke Too Soon”, 1954, Mercury Records, 70404X45, USA (Vinyl/Single).

Covers

  • The Mackpies. “Sh-Boom (Life Could Be a Dream) / Plink, Plank, Plonk”, 1955, EMI, B 10698, UK (Vinyl/Single).
  • The Darts. “White Chrismas / Sh-Boom (Life Could Be a Dream) / Don’t Say Yes”, 1980, Magnet Records, MAG 184, UK (Vinyl/Single).

References

  • Dawson, Jim: What Was the First Rock ‘n’ Roll Record? London: Faber & Faber 1992.
  • Goldberg, Marv/Redmond, Mike: The Chords. In: Yesterday’s Memories 2/3 (September 1976), 4-6.
  • Groia, Philip: They All Sang on the Corner: A Second Look at New York City’s Rhythm and Blues Vocal Groups. New York: Phillie Dee Enterprises 2001.
  • Miller, James: Flowers in the Dustbin. The Rise of Rock and Roll 1947–1977. New York: Fireside 1999.
  • Salem, James M.: “Sh-Boom” and the Bomb: A Postwar Call and Response. In: Columbia Journal of American Studies 7 (2006), 2-28.
  • Warner, Jay: The Billboard Book of American Singing Groups: A History, 1940-1990. New York: Billboard Books 1992.

About the Author

Prof. Dr. Peter Wicke teaches theory and history of popular music and is director of the Center for Popular Music Research at the Humboldt University Berlin.
All contributions by Peter Wicke

Citation

Peter Wicke: “Sh-Boom (The Chords)”. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, http://www.songlexikon.de/songs/shboom, 04/2017.

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