1965
Otis Redding

Respect

RESPECT ist ein Song des afroamerikanischen Soul-Sängers Otis Redding, der vor dem Hintergrund der Bürgerrechtsbewegung in den USA zu einem Symbol für das politische Selbstbewusstsein der Afroamerikaner wurde, noch bekannter jedoch wurde eine Cover-Version von Aretha Franklin.

I. Entstehungsgeschichte

Otis Jay Redding (1941-1967) schrieb RESPECT 1965 während der Aufnahmen für sein drittes Studioalbum Otis Blue (1965), angeregt durch Al Jackson (1935-1975), Schlagzeuger von Booker T and the M.G.s, der Haus-Band von Stax/Volt Records in Memphis, Tenn. Allerdings behauptete Reddings damaliger Roadmanager, Earl “Speedo” Simms (*1939), Anfang der 1960er Jahre selbst als Sänger mit den Singing Demons unterwegs, dem Journalisten Peter Guralnick (*1943) gegenüber, dass Redding den Song eigentlich für ihn geschrieben habe. Da es aber nie zu einer Aufnahme gekommen sei, habe Redding RESPECT dann in einer überarbeiteten Version selbst aufgenommen (vgl. Guralnick 1986: 150). Was immer den Anstoß gab, entstanden ist RESPECT während einer längeren Unterbrechung der 24stündigen Aufnahmesession des Albums wegen einer Auftrittsverpflichtung von Booker T and the M.G.s. Aufgenommen wurde der Song dann am Vormittag des 10. Juli 1965 in den Stax Recording Studios von dem legendär gewordenen Toningenieur Tom Dowd (1925-2002), der von Atlantic Records, Distributionspartner von Stax, ausgeliehen war und auch die zwei Jahre später mit Aretha Franklin aufgenommene Fassung technisch betreute. Produziert hat ihn Steve Cropper (*1941), der Gitarrist von Booker T and the M.G.s, für das Doppel-Label Stax/Volt. Erschienen ist der Song am 15. August 1965 auf Volt Records.

II. Kontext

Die Veröffentlichung von RESPECT fiel in eine Zeit, in der sich die Bürgerrechtsbewegung in den USA auf einem Höhepunkt befand, aber auch rassistisch motivierte Gegenreaktionen immer wieder für Schlagzeilen sorgten. Im Februar 1965 war der farbige Bürgerrechtsaktivist Malcolm X (1925-1965) während einer Rede vor der Organization of Afro-American Unity in Manhattan erschossen worden. Im Monat darauf kam es in Selma, Alabama, zu den als “Blutsonntag” in die Geschichte eingegangenen schweren Zusammenstößen zwischen farbigen Demonstranten und lokalen Polizeikräften als sich rund fünfhundert Afroamerikaner zu einem Protestmarsch in die Landeshauptstadt Montgomery aufmachten, um dort ihr Recht auf Eintragung in das Wählerverzeichnis einzufordern. Es brauchte einen weiteren Versuch und einen Gerichtsentscheid bevor im dritten Anlauf Ende des Monats dann 25 000 Demonstranten, angeführt von Martin Luther King (1929-1968) und unter dem Schutz von Bundestruppen nach einem viertägigen Marsch ihr Ziel, das Alabama State Capitol in Montgomery, schließlich erreichten. Mit dem Voting Right Act vom 6. August 1965, der eine Diskriminierung von Wählern wegen ihrer Hautfarbe verbietet, hat die Bürgerrechtsbewegung eines ihrer wichtigsten Ziele erreicht. Der Voting Right Act gilt als ein Wendepunkt in der Geschichte der USA. Nur wenige Tage später löste ein Polizeiübergriff in Los Angeles die bis dahin größten Rassenunruhen in den USA aus (Watts Riots), die das Thema “Bürgerrechte” erneut in die Schlagzeilen brachten. Vor diesem zeithistorischen Hintergrund erhielt auch die afroamerikanische Popmusik eine Signifikanz, die weit über die direkten inhaltlichen Bezüge der Songs hinausging.

III. Analyse

Der Song basiert auf einer modifizierten dreiteiligen Bluesform nach dem AAB-Schema. Statt den 12 Takten des Standards ist das Formmodell hier auf 10 Takte verkürzt. Die A-Teile sind nur zweitaktig, statt viertaktig, der B-Teil dafür sechstaktig. Die Songarchitektur folgt dem in der Soulmusik der 1960er Jahre verbreiteten Prinzip, die Bluesform so zu gebrauchen, dass eine Art Strophenliedform entsteht. Das zehntaktige Grundmodell wird viermal mit unterschiedlichem Text in den A-Teilen wiederholt, dem sechstaktigen B-Teil dagegen liegen jedes Mal die gleichen Textzeilen zugrunde (All I’m asking / is for a little respect / when I come home). Das macht sie zum Refrain, obwohl sie eigentlich die Antwortphrase zu den wiederholten Statements des A-Teils darstellen. Zudem sind diese sechs Takte des B-Teils in einer Instrumentalversion dem Song aIs Intro vorangestellt, was sie ebenfalls aus der musikalischen Logik der Bluesform herauslöst. Die auf zwei Takte verkürzten A-Teile sind melodisch noch nicht einmal ausgefüllt, denn die Melodik ist auftaktig und beginnt erst auf dem dritten Viertel des ersten Taktes, so dass sehr kleingliedrige melodischen Phrasen in bewegten Achtel und Sechzehnteln entstehen mit den Schwerpunkten auf den eigentlich unbetonten Zählzeiten. Interpretiert ist das mit einer flexionsreichen Intonation, die diesen kurzen Phrasen zusätzlich Spannung gibt. Der B-Teil intensiviert das noch durch einen raschen Wechsel von Gesang und Bläserriffs nach dem Call-and-Response-Prinzip. Die vokale Performance von Redding ist von enormer Expressivität, die gegen Ende des Songs auch noch gesteigert wird, denn das aus dem B-Teil abgeleitete sechstaktige Outro lässt die Singstimme mit immer kürzeren, am Ende nur gestoßenen isolierten Wortfetzen gegen die immer dominanter werdenden Bläser ansingen. Die Klangdramaturgie mit ihrem gewaltigen Spannungsbogen steht in völligem Gegensatz zu dem banalen Text. Es scheint in diesem Song mit seiner hoch gespannten Emotionalität von etwas ganz anderem die Rede zu sein, als der Text tatsächlich erzählt. Das verweist auf eine Eigenart der afroamerikanischen Alltagssprache, die als “Signifyin'” (Gates 1988) bezeichnet wird und in den Songtexten von Blues- und Soulkünstlern häufig zu finden ist. Gemeint ist damit eine Sprechpraxis, die durch den Wortgebrauch und die konnotativen Bezüge der Worte einen Subtext konstruiert, der hinter dem Gesagten steht. Während der Songtext den Alltagskonflikt eines Ehepaares zu thematisieren scheint (All I’m asking / is for a little respect / when I come home…) wird durch das insistierende “respect is what I want / respect is what I need / got to, got to have it” der “little respect” des häuslichen Konflikts auf die gesellschaftspolitische Ebene der Respektierung von Bürgerrechten und damit auf eines der zentralen Themen der 1960er Jahre in den USA verschoben.

IV. Rezeption

RESPECT sollte 1965 nach der Soul-Ballade “I’ve Been Loving You Too Long (To Stop Now)” vom April des gleichen Jahres Otis Reddings zweitgrößter Crossover-Hit in den USA werden, der sich sowohl auf dem Rhythm&Blues-Markt als auch auf dem weißen Pop-Markt mit sechstelligen Verkaufszahlen behauptete. Der Song erreichte Platz 5 der Billboard Rhythm&Blues-Charts, wurde zu einem Radio-Hit und schaffte es auf Platz 35 der Billboard Hot 100, was für einen farbigen Musiker damals ein bemerkenswertes Ergebnis war und den Song zu einem Symbol für die wachsende Aufmerksamkeit machte, die die afroamerikanische Bevölkerung in den USA im Umfeld der Bürgerrechtsbewegung gerade bei jungen Leuten fand. Otis Redding machte der Song nicht nur zum Superstar, sondern mit der Akzeptanz, die er fand, signalisierte er zugleich das Wegbrechen der Mauern zwischen “schwarz” und “weiß” auf dem Musikmarkt.

Als Aretha Franklin den Song 1967 für Atlantic Records in einer textlich und musikalisch abgewandelten Cover-Version aufnahm, erhielt er ein zweites Leben, dass schließlich dazu führte, dass der Song heute eher mit ihrem als mit dem Namen von Otis Redding verbunden ist. Aretha Franklin modifizierte den Song so, dass er zu einem selbstbewussten Ausdruck der Würde der Frau wurde, unterstützt durch das ihre Version abschließende Buchstabieren des Songtitels R-E-S-P-E-C-T. In ihrer Fassung wurde der Song zu einem internationalen Hit und zu einem Symbol für die sich mit Nachdruck Gehör verschaffende feministische Bewegung.

Die Symbolkraft dieses Songs hat zu einer Reihe weiterer Cover-Versionen geführt, von denen es allerdings keine mit der von Aretha Franklin aufnehmen konnte. Die Rationals erzielten mit einer Rock-Version einen Chart-Hit in den USA. Rotary Connection, international als Begleitband von Muddy Waters und Howlin’ Wolf bekannt, veröffentlichten 1969 eine drastisch bearbeitete Psychedelic-Version von RESPECT. Vor allem in den 1960er Jahren hatten ihn, wie auf dem Live-Doppelalbum What You Hear Is What You Get von Ike & Tina Turner zu hören, viele afroamerikanische Musiker und Musikerinnen in ihrem Bühnen-Repertoire. 1988 veröffentlichte die amerikanische Sängerin Adeva (Patricia Daniels, *1960) in Großbritannien eine House-Version von RESPECT, die es in verschiedenen europäischen Ländern in die Charts schaffte. Von der baskischen Rockband Negu Gorriak gibt es eine in die baskische Sprache übersetzte Fassung, die 1996 als “Errespetua” veröffentlicht wurde und an die politische Signifikanz des Liedes in den 1960er Jahren anknüpft.

Im Laufe der Jahre sind einige Versionen wieder aufgetaucht, die dem Song musikalisch nicht uninteressante Seiten abgewonnen haben, in ihrer Zeit aber nicht den Weg in eine größere Öffentlichkeit fanden. Eine nahe an Otis Reddings Original bleibende Einspielung von Janis Joplin (1943-1970) aus dem Jahr 1968 wurde nie fertiggestellt und kursiert, in digitaler Form allerdings allgemein zugänglich, nur als Bootleg. Die New Yorker Rock-Band The Vagrants hatte 1967 mit RESPECT einen lokalen Hit. Eher von Sammlerwert ist der 1990 als offizielle Veröffentlichung erschienene illegale Mitschnitt einer Live-Version des Songs von der John Evan Band, Vorläufer der in den 1970er Jahren weltweit erfolgreichen britischen Rockband Jethro Tull.

 

PETER WICKE


Credits

Komposition, Text: Otis Redding
Arrangement: Booker T. Jones
Produktion: Steve Cropper
Booker T. & The M.G.s (Keyboards: Booker T. Jones; Gitarre: Steve Cropper; Bassgitarre: Donald “Duck” Dunn; Schlagzeug: Al Jackson, Jr.
Keyboards, Piano: Isaac Hayes
Saxophon: Andrew Love, Floyd Newman
Trompete: Gene “Bowlegs” Miller, Wayne Jackson
Background Gesang: William Bell, Earl Simms
Toningenieur: Tom Dowd

Recordings

  • Otis Redding. “Respect” / “Ole Man Trouble”, 1965, Volt Records, V-128, US (Vinyl-7″/Single).
  • Otis Redding. “Respect”, Otis Blue/Otis Redding Sings Soul, 1965, Volt Records, S412, US (Vinyl-7″/Single).

Covers

  • The Rationals. “Respect” / “Feelin’ Lost”, 1966, Cameo ‎Records, C-437, US (Vinyl-7″/Single).
  • Aretha Franklin. “Respect” / “Dr. Feelgood”, 1967, Atlantic Records, 45-2403, US (Vinyl-7″/Single).
  • Rotary Connection. “Respect” / “The Weight”, 1969, Cadet Concept Records, 7014, US (Vinyl-7″/Single).
  • Janis Joplin. “Respect”, Rare Pearls, 1962-1970, Bootleg Compilation SBD/FLAC, US.
  • Ike & Tina Turner. “Respect”, What You Hear Is What You Get – Live At Carnegie Hall, 1971, United Artists Records, UAS 9953, US (Vinyl-12″/Doppelalbum).
  • The Vagrants. “Respect”, Various: Nuggets: Original Artyfacts from the First Psychedelic Era 1965-1968, 1972, Elektra, 7E-2006, US (Vinyl-12″/Doppelalbum).
  • Adeva. “Respect” (Extended Version) / “Respect” (Rough Mix) / “Respect” (Dub Version), 1988, Cooltempo, COOLX 179, UK (Vinyl-12″/Maxi Single).
  • The John Evan Band. “Respect”, Live 66, 1990, A New Day Records, AND/NRS/CD1, UK (CD/Album).
  • Negu Gorriak. “Errespetua (Respect)”, Salam, Agur, 1996, Esan Ozenki, EO.087, Spain (CD/Album).

References

  • Bego, Mark: Aretha Franklin: The Queen of Soul. New York: St. Martins Press 1989.
  • Gates, Henry Louis: The Signifying Monkey: A Theory of African-American Literary Criticism, Cambridge: Oxford University Press 1988.
  • Guralnick, Peter: Sweet Soul Music. Rhythm and Blues and the Southern Dream of Freedom, New York: Harper & Row 1986.

Links

  • Otis Redding. Live-Version: https://www.youtube.com/watch?v=Qo3aeXZFZkg, [12/2014].
  • Aretha Franklin. “Respect” live: https://www.youtube.com/watch?v=YMkWGAH6MiI, [12/2014].

About the Author

Prof. Dr. Peter Wicke teaches theory and history of popular music and is director of the Center for Popular Music Research at the Humboldt University Berlin.
All contributions by Peter Wicke

Citation

Peter Wicke: “Respect (Otis Redding)”. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, http://www.songlexikon.de/songs/respectotisredding, 01/2016 [revised 02/2016].

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