2013
LaBrassBanda

Nackert

Mit dem Song NACKERT trat die Band LaBrassBanda 2013 beim deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest an. Das Ausscheiden der Formation trotz großem Zuspruch des Publikums löste eine mediale Debatte hinsichtlich der Glaubwürdigkeit des Wettbewerbs aus.

I. Entstehungsgeschichte

2013 erschien bei Sony Music das dritte, mit Europa betitelte Studioalbum der Band LaBrassBanda. In diesem Abschnitt der 2007 begonnenen Karriere der Formation vollzog sich neben dem Wechsel vom Label Trikont zum international agierenden Großkonzern Sony ein weiterer zentraler Schritt, der LaBrassBanda in das Licht der breiten Öffentlichkeit stellte: Der auf dem Album enthaltene Song NACKERT wurde im Rahmen des deutschen Vorentscheids zum Eurovision Song Contest (ESC) im TV einem Millionenpublikum präsentiert. Parallel zu diesem medialen Großereignis wurde NACKERT als Single-Auskopplung veröffentlicht, zu einer Live-Version des Songs wurde zudem ein Videoclip produziert.

II. Kontext

Mit ihrer von Blechblasinstrumenten dominierten Musik und ihrem von bayerischen Traditionen inspirierten Auftreten riefen LaBrassBanda zu Beginn ihrer Karriere bisweilen Verwunderung hervor. Derlei Reaktionen sind im Kontext von Bands in der öffentlichen Etablierungsphase nicht ungewöhnlich, sofern Konventionen über ein gängiges Maß hinaus gebrochen werden. In der Regel sind es zunächst Journalisten, die ein größeres Publikum auf neue musikalische Erscheinungen aufmerksam machen und die, konfrontiert mit nicht routiniert zu kategorisierenden Klängen, um die Kreation von Neologismen und Komposita zu deren Beschreibung nicht verlegen sind. “Alpen-Jazz-Techno”, “Bayerischer Gypsy-Brass” und “Power-Blasmusik” lauten nur einige Versuche, das musikalische Schaffen der Band, deren Besetzung sich bis zum Jahr 2013 auf Gesang, Trompete, Posaune, Tuba, E-Bass und Schlagzeug beschränkte, zu umschreiben (siehe laut.de). Dennoch lassen sich aus der journalistischen Berichterstattung wiederkehrende Themen herauslesen, auf deren Basis versucht wird, zentrale Kriterien hinsichtlich des augenscheinlich schwer zu beschreibenden Wirkens der Formation zu ermitteln. Häufig erwähnt wird das um bayerische Traditionen herum konstruierte Image der Band, die bei Konzerten grundsätzlich in Lederhosen auftritt, Songtexte in bayerischer Mundart vorträgt und den Dialekt auch in Interviews nicht verbirgt. Tatsächlich wurde Sänger und Trompeter Stefan Dettl 2014 die Auszeichnung “Bairische Sprachwurzel” infolge des ihm attestierten Verdienstes verliehen, durch seinen Gesang und sein öffentliches Auftreten für ein “neues dialektales Selbstbewusstsein” zu sorgen (Kratzer 2014). Außerdem finden sich häufig Erwähnungen der unterschiedlichen musikalischen Karrierewege der einzelnen Band-Mitglieder und der in der Musik der Formation verarbeiteten stilistischen Einflüsse. In der Geschichte von LaBrassBanda spielten Techno, die Berliner Philharmoniker, Blaskapellen und das Münchner Hofbräuhaus gleichermaßen eine Rolle (vgl. Waechter 2013), die Band präsentiere einen “tanzbaren Mix aus Blasmusik, Balkan-Beats und bayerischen Gesängen” (eurovision.de) und fusioniere Riffs des Balkans mit Techno-, Dub-, Reggae- und Ska-Beats (vgl. Waechter 2013). Schließlich ist die handwerkliche, instrumentale Leistung der Musiker oftmals Thema in den Artikeln. Die Virtuosität der überwiegend studierten Musiker sei ein Schlüssel zum Erfolg der Band (vgl. ebd.), ohne “Musik-Diplom und Praxiserfahrung bei dem Linzer Bruckner-Orchester oder den Berliner Philharmonikern [rühre] bei der Combo aus dem Chiemgau niemand das Blech oder das Schlagwerk an” (Bayerischer Rundfunk 2009). Nun sind die Artikulation lokaler Traditionen, Arrangements ohne Harmonieinstrumente sowie akademisch ausgebildete Instrumentalisten in der zeitgenössischen populären Musik freilich keine alltäglichen Zutaten, die kommerziellen Erfolg verheißen. Passenderweise kommt Johannes Waechter in seiner Reportage über die Band zu der Schlussfolgerung: “So was wie LaBrassBanda dürfte es eigentlich gar nicht geben” (Waechter 2013). Dennoch konnte sich die Band seit ihrer Gründung im Jahr 2007 beständig auf zunehmend größer werdenden und auch internationalen Bühnen präsentieren, 2013 wurde ihre Teilnahme am deutschen Vorentscheid zum ESC bekanntgegeben. Der seit 1956 bestehende ESC ist der weltweit größte Wettbewerb für populäre Musik und wird jährlich von bis zu 600 Millionen Zuschauern verfolgt. Insofern bietet er den Künstlern eine hervorragende Möglichkeit zur eigenen, gewinnbringenden Darstellung vor einem internationalen Publikum, wenngleich die kommerzielle Relevanz der Veranstaltung seitens der Musikindustrie bisweilen infrage gestellt wird. (vgl. Wolther 2005: 101 f.). Auch sind die Meinungen über den Wettbewerb sowie den deutschen Vorentscheid – die nationale Qualifikationsphase, in der entschieden wird, welcher Künstler sein Land vertreten darf – geteilt: Einerseits gelte der Vorentscheid unter Journalisten als bedeutendes Ereignis, da hier ein wichtiger Repräsentant des Landes gewählt werde. Andererseits stehe der ESC in Verruf, ein ‘Schlager’-Wettbewerb im negativen Sinne zu sein, der stilistisch eingeschränkt sei und sich mit Ressentiments aufseiten des Publikums konfrontiert sehen müsse (vgl. ebd. 107 f.). Sucht man nach Künstlern, die im negativ konnotierten Verständnis der deutschen Öffentlichkeit als Vertreter des ‘Schlagers’ oder des ‘Plastik-Pops’ gelten, so wird LaBrassBanda nicht in die engere Auswahl gelangen. Vielmehr tut sich die Öffentlichkeit schwer damit, die Gruppe einer existenten Kategorie zuzuordnen oder eine solche speziell für LaBrassBanda überhaupt erst zu definieren. Insofern dürfte die Teilnahme der Formation am deutschen ESC-Vorentscheid zu den überraschenderen Nachrichten gezählt haben, die im Rahmen des Wettbewerbs in der Vergangenheit zu vernehmen waren. Zugleich ist zu bedenken, dass im Umfeld des ESC-Vorentscheids in den vergangenen Jahrzehnten vielfach neue Konzepte und Präsentationsformen entwickelt wurden, um dem ‘verstaubten’ Image des Wettbewerbs entgegenzuwirken (vgl. Wolther 2006: 48–53). Die Entscheidung, die Teilnahme einer auf den ersten Blick nicht mit den Konventionen des ESC-Vorentscheids kompatiblen Band wie LaBrassBanda zu billigen, kann durchaus in den Kontext solcher strategischen Erwägungen eingeordnet werden. Letztlich ist zu fragen, inwiefern sich der Musik LaBrassBandas zugeschriebe Attribute – bayerische Tradition, ungewöhnliche Stilfusionen, handwerkliches Können – in dem Song NACKERT widerspiegeln, der nach Aussage der Band speziell für den Wettbewerb und somit für ein mediales Großereignis mit Millionenpublikum geschrieben wurde (vgl. eurovision.de).

III. Analyse

Die Band selbst erklärt den Inhalt des NACKERT-Songtextes als Beschreibung eines Lebensgefühls, das im Zusammenhang mit dem naturverbundenen Verweilen auf Seewiesen und dem Schwimmen in diesen Gewässern stehe (vgl. ebd.). So beschreibt der Refrain die Fahrt zu zweit an einen See und die Schönheit dieses Moments. Die Strophe hingegen handelt von der “Huaba Vroni”, einer augenscheinlich fiktiven, in ihrem erdachten Heimatdorf aufgrund ihres offensiven Zugehens auf verschiedene Männer wohlbekannten Dame. Sie ist das Hauptgesprächsthema zahlreicher Dorfbewohner, und dies insbesondere, seitdem sie einen neuen Partner zu haben scheint. Doch zum Ende der zweiten Strophe klärt sich auf, dass die “Huaba Vroni” bereits seit einem Jahr mit der Songpersona von Sänger Stefan Dettl jede Nacht zu dem besungenen See fährt. Die im stereotypen Verständnis mit bayerischen Traditionen assoziierbaren Elemente in NACKERT werden sicherlich durch den Songtext und den Gesang deutlich. Dettl singt mit starkem Dialekt, der Text thematisiert Naturverbundenheit genauso wie ‘dörfliche’ Themen und bietet somit genügend Anhaltspunkte, um den Vokalvortrag und die Textinhalte aus einer Außenperspektive als traditionell oder ländlich zu verstehen.

In musikalischer Hinsicht ist es naheliegend, derlei Assoziationen zunächst auf die Instrumentierung der Songs zurückzuführen. Die Single-Version von NACKERT beginnt mit einem viertaktigen Intro, das von Blasinstrumenten dominiert ist. Die Tuba spielt einen aufsteigenden Lauf von f bis f1, zwei Posaunen-Spuren treten vorwiegend mit Haltetönen hinzu, die Harmoniefolge des Intros ist F, C, Bb9, Bb9. Im Mix sehr stark heruntergeregelt und kaum hörbar sind die Einsätze des E-Basses, der vorwiegend Grundtöne beisteuert. Dieser Instrumentalteil dient auch als Fundament für die ersten acht Takte des gesungenen Refrains, in den anschließenden acht Takten treten Schlagzeug, der nun besser hörbare E-Bass und weitere Bläserstimmen hinzu. Auf die 16 Takte Refrain folgt die ebenso lange Strophe, das tonale Zentrum wechselt von F-Dur zu f-Moll. Die Strophe ist einerseits vom four-to-the-floor-Rhythmus des Schlagzeugs dominiert, bei dem die Bassdrum jeden Viertelschlag akzentuiert, auch der Bass spielt überwiegend Viertel. Markant sind ferner das von der Trompete eingeführte und später von der Posaune gedoppelte pentatonische Riff und der nun sprechnahe Gesang. Folglich steht die Strophe harmonisch, melodisch und rhythmisch im deutlichen Kontrast zum Refrain. Durch die aus der elektronischen Tanzmusik entlehnten Rhythmen und die auf Gestaltungsweisen des Funks referierenden Bläser-Riffs werden die in den journalistischen Texten beschriebenen und für eine Brass-Band bisweilen ungewöhnlichen stilistischen Fusionen ersichtlich. Auf eine Wiederholung von Refrain und Strophe folgt ein 16 Takte andauernder Instrumentalteil, dem die Harmonien Gb- und F-Dur im zweitaktigen Wechsel zugrunde liegen und der abermals den Kontrast unter den einzelnen Formteilen hervorhebt. Anschließend erfolgt nochmals der Refrain, zuerst in reduzierter, anschließend wiederum in voller Besetzung. Zum Ende des Songs erklingt eine um einen Ganzton aufwärts transponierte, instrumentale Version des Refrains, dessen tonales Zentrum nun G-Dur ist und dem zahlreiche Trompetenspuren hinzugefügt werden.

NACKERT eignet sich demzufolge, um charakteristische kompositorische Gestaltungsweisen von LaBrassBanda exemplarisch darzustellen. Die Fusion der verschiedenen Stilelemente wird insbesondere aufgrund der abrupt einsetzenden Rhythmus- und Tonartwechsel deutlich, die ‘traditionellen’ Einflüsse lassen sich ebenso analytisch herausarbeiten wie die Einflüsse aus modernen Formen der afroamerikanisch geprägten Tanzmusik.

IV. Rezeption

Zum Gegenstand öffentlich geführter Debatten wurde NACKERT durch den Verlauf des ESC-Vorentscheids. Den Wettbewerb gewinnen und somit am ESC teilnehmen kann derjenige Teilnehmer, der nach einer Telefon- und einer Internetabstimmung sowie nach der Verkündigung des Urteils einer zu diesem Zweck zusammengestellten Jury die meisten Punkte vorweisen kann. LaBrassBanda belegte den zweiten Platz nach der Formation Cascada, nachdem auf Basis der Telefon- und Internetstimmen Gleichstand herrschte und die Jury LaBrassBanda nur einen Punkt zugestand. Unter den Zuschauern erregte diese Entscheidung Verärgerung, zumal der Vorwurf laut wurde, es handele sich bei dem Cascada-Song “Glorious” um ein Plagiat des im Jahr zuvor beim ESC erfolgreichen Titels “Euphoria” der Sängerin Loreen. Der für die Ausstrahlung des Vorentscheids verantwortliche NDR gab infolge der medialen Debatte musikwissenschaftliche Gutachten in Auftrag, die eine Klärung der Plagiats-Vorwürfe erwirken sollten – diese wurden schließlich als nicht zutreffend abgewiesen (vgl. Spiegel Online). Bereits in der Vergangenheit war der Wettbewerb in Verruf geraten, die Abläufe gezielt zu manipulieren, Stücke einzelner Komponisten – vornehmlich Ralph Siegel – zu bevorzugen und die Sieger bereits im Vorfeld festzulegen (vgl. Wolther 2006: 50). Der Song NACKERT wurde folglich in eine Diskussion eingebunden, die die erwähnten Vorurteile gegenüber dem Musikwettbewerb tangiert.

Aufgrund der beschriebenen Gestaltungsweisen ist NACKERT nicht mit den Konventionen vereinbar, die die Öffentlichkeit mit dem ‘Schlager’-Wettbewerb assoziiert. Das ablehnende Urteil der Jury mag unter den Zuschauern den Verdacht geweckt haben, die Verantwortlichen setzten auf erprobte musikalische Gestaltungsweisen, statt den stilistisch schwer zu kategorisierenden Song NACKERT und die Band LaBrassBanda als Repräsentanten zum Hauptwettbewerb zuzulassen. Im Umfeld der medialen Diskussionen um die Wettbewerbsmodalitäten erreichte NACKERT schließlich Platz 13 der deutschen Single-Charts, das Album Europa Platz 3 der Album-Charts.

 

BENJAMIN BURKHART


Credits

Vocals: Stefan Dettl
Trumpet: Stefan Dettl
Trombone: Manuel Winbeck
Tuba: Andreas Martin Hofmeir
Bass: Oliver Wrage
Drums: Manuel da Coll
Label: Sony Music
Recorded: 2013
Published: 2013
Length: 3:30

Recordings

  • Cascada. “Glorious”, 2013, Zeitgeist, 3729588, Germany (CD/Single).
  • LaBrassBanda. “Nackert”. On: Europa, 2013, Sony Music, 88883702252, Germany (CD/Album).
  • LaBrassBanda. “Nackert / Nackert (Live Version)”, 2013, Sony Music, 88883703322, Germany (CD/Single).
  • Loreen. “Euphoria”, 2012, WEA, 5053105-3586-2-5, Germany (CD/Single).

References

  • Bayerischer Rundfunk: “LaBrassBanda. Eine akademische Bande”. In: puls (29.12.2009). URL: http://www.br.de/puls/musik/bands/vorgestellt-labrassbanda-eine-akademische-bande-100.html [07.09.2015].
  • Eurovision.de: “LaBrassBanda: ‘Die Vorurteile aus dem Weg räumen'”. In: eurovision.de. URL: http://www.eurovision.de/teilnehmer/LaBrassBanda-Die-Vorurteile-aus-dem-Weg-raeumen,labrassbanda155.html [07.09.2015].
  • Kratzer, Hans: “Neues dialektales Selbstbewusstsein”. In: Süddeutsche Zeitung (11.08.2014). URL: http://www.sueddeutsche.de/bayern/bairische-sprachwurzel-neues-dialektales-selbstbewusstsein-1.2083981 [07.09.2015].
  • Laut.de: “LaBrassBanda”. In: laut.de. URL: http://www.laut.de/LaBrassBanda [07.09.2015].
  • Spiegel Online: “Plagiatsvorwürfe gegen Cascada: ESC-Chance für LaBrassBanda.” In: Spiegel Online (19.02.2013). URL: http://www.spiegel.de/panorama/leute/plagiatsvorwuerfe-gegen-cascada-labrassbanda-eventuell-nach-malmoe-a-884134.html [07.09.2015].
  • Waechter, Johannes: “Tuba or not tuba”. In: SZ-Magazin 21 (2013). URL: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/39975/Tuba-or-not-tuba [07.09.2015].
  • Wolther, Irving: “Musikwettbewerb vs. Wettbewerbsmusik. Das Dilemma des Eurovision Song Contests”. In: Keiner wird gewinnen. Populäre Musik im Wettbewerb (= Beiträge zur Popularmusikforschung 33). Ed. by Dietrich Helms and Thomas Phleps. Bielefeld: Transcript 2005, 101–111.
  • Wolther, Irving: “Kampf der Kulturen”. Der Eurovision Song Contest als Mittel national-kultureller Repräsentation. Würzburg: Königshausen & Neumann 2006.

About the Author

Benjamin Burkhart is currently a PhD student at the University of Music FRANZ LISZT Weimar and a research fellow at the Center for Popular Culture and Music at the University of Freiburg.
All contributions by Benjamin Burkhart

Citation

Benjamin Burkhart: “Nackert (LaBrassBanda)”. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, http://www.songlexikon.de/songs/nackert, 10/2018.

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