1984
Die Conditors

Himbeereis im heißen Tee (Reise nach Amerika)

Der Schlager-Erfolg der selbsterklärten Rockband aus dem Ruhrgebiet inmitten der Neuen Deutschen Welle gehört zu den mindestens drei bekannteren deutschen Liedern, die dem Himbeereis, einer durchaus eher raren Eis-Sorte, ein musikalisches Denkmal setzten und sich damit sowohl motivgeschichtlich (die Himbeere als Symbol der Sexualität) als auch eigengeschichtlich (Rückbezug auf Hoffmann & Hoffmann “Himbeereis zum Frühstück”, Traditionsstiftung für Guildo Horns “Nussecken und Himbeereis”) positionierten.

I. Entstehungsgeschichte

Die Conditors hatten sich nach ihrer Gründung 1980 schnell von der englischsprachigen zur deutschen Musik hingewandt und setzten auf eine interessante Mischung aus New Wave, Rockmusik, Punk und Neuer Deutscher Welle. Einen ersten Erfolg konnten sie mit “Aba sia Maria” verzeichnen, mit der REISE NACH AMERIKA durften sie dann zweimal in der ZDF-Hitparade auftreten. Uneindeutig ist bei diesem Lied der Titel, konnte sich doch der stimmungsvolle Refrain “Himbeereis im heißen Tee” sowohl bei den Hörern als auch bei den Plattenproduzenten schließlich gegen die “Reise nach Amerika” durchsetzen, die allerdings konturierter den inhaltlichen Kontext des Songs beschreibt. Auf der Singleauskoppelung selbst wird schon HIMBEEREIS IM HEIßEN TEE in Himbeer-Farbe dick und fett als Titel genannt, der ursprüngliche Name nur mehr in Klammern als Untertitel beigefügt.

II. Kontext

In der Endphase der Neuen Deutschen Welle treten die Conditors als Band auf, die so richtig weder in diese Phase der deutschen Popmusik noch in den klassischen Schlager hineinpasste, weil sie, darin Hoffmann&Hoffmann nicht unähnlich, Elemente des Folk, des Blues und vor allem der amerikanischen Singer-Songwriter-Tradition verwendeten und sie mit deutschen Texten ausschmückten. Die Conditors feierten ihren größten Erfolg mit der REISE NACH AMERIKA, das aber nicht nur ob ihrer auffälligsten Textpassage, der ersten Zeile des Refrains, als HIMBEEREIS IM HEIßEN TEE in die deutsche Musikgeschichte eingegangen ist, sondern auch, weil es sich gleichsam gattungsspezifisch automatisch rückbezieht auf den Radio-Hit aus dem Jahr 1977 von Hoffmann & Hoffmann, Himbeereis zum Frühstück, und schließlich sogar eine Brücke schlagen wird zu Guildo Horns “Nussecken und Himbeereis” aus dem Jahr 1998 (in seinem legendär zu nennenden Song-Contest-Beitrag “Guildo hat euch lieb”, der auf dem siebtem Platz landete und in Deutschland eine wahre Begeisterung für den Wettbewerb auslöste, was sich allein schon an der Zahl der einschlägigen Publikationen zu Sänger wie Veranstaltung ermessen lässt).

III. Analyse

Obwohl im musikalischem Stil sozialkritischer Lieder einem Klaus Lage nicht unähnlich, präsentiert das nach einem schlagertypischen Intro in den Strophen sehr langsam, im 4/4-Takt vorgetragene Lied jedoch, eher unerwartet für den Hörer, den spießigen großen Traum von der Reise in die Vereinigten Staaten, die Besichtigung der großen Sehenswürdigkeiten: Disneyland, der Mississippi, Cap Kennedy, San Francisco, so wie es auch einige Jahre später noch in der erfolgreichen deutschen Fernsehserie Wilder Westen inklusive (1988) zum Ausdruck kommen konnte. Zum perfekten Glück gesellt sich im von der ganzen Gruppe –Bass- und Country-Gitarre, Schlagzeug und Cello werden auf der Bühne präsentiert, sind aber zum Teil auf den Synthesizer zurückzuführen – unterstützten eingängigen Refrain noch die Liebe zu Veronika, deren Augen, ganz in petrarkistischer Schlager-Manier (vgl. Mayer 2012), ursächlich für das Schmachten des Sänger-Ichs sind. Verdichtet wird dieser Traum von Glück in der absurden Kombination von “Himbeereis im heißen Tee”, der die Gegensätze zwischen Kälte und Hitze, zwischen hell und dunkel, die Aggregatzustände Wasser und Eis kombiniert sowie die Idee der fließenden Milch und damit des Paradieses vor Augen führt.

Was hat Himbeereis aber gerade mit einer Reise nach Amerika zu tun? Warum sollte jemand auf die Idee kommen, Eis in den heißen Tee zu geben? Handelt es sich um eine Satire auf den irrigen Geschmack der Amerikaner, die auch Brezeln mit Senf konsumieren oder Erdnussbutter und Marmelade? Oder sollte es sich inmitten eines Liebesliedes eher um eine sexuelle Anzüglichkeit handeln, die den Geschlechtsakt andeutet, wobei hier das Himbeereis als Sperma des Sprechers in den feuchtwarmen Uterus, durch die sexuelle Erregung aufgeheizt, wandert? Beides mag eine Rolle spielen, wird aber von der Selbstthematisierung als deutscher Schlager überlagert.

Während die Reise nach Amerika, die in der zweiten Strophe eindeutig ausgebeutet wird, und die alles umwölbende Liebe zu Veronika auf den ersten Blick keinerlei besondere Kuriositäten darstellen, ist der heiße Tee als Getränk weder durch Amerika motiviert, schon gar nicht durch die genannten Orte im heißen Kalifornien bzw. Florida, noch durch das Speiseeis, denn außer Honig, Zucker, Milch oder Spirituosen schüttet man gewöhnlich nichts in den Tee. Eine ganz andere Deutung liegt nahe: Die Conditors erinnern hier, gerade auch indem sie den Kontrast zwischen dem kalten Deutschland, wo man heißen Tee trinkt, und dem Sehnsuchtsort Amerika, für das das Eis das angemessenere Nahrungsmittel wäre, an die Tradition des deutschen Liedes, denn mittlerweile war “Himbeereis zum Frühstück” zu einem veritablen Radioklassiker geworden. Die einschlägig im Schlagersegment vorgebildeten Hörer konnten sich sogleich bei dem Kompositum Himbeereis an den Intertext von Hoffmann & Hoffmann erinnern, das musikalisch durch die amerikanischen Anklänge – dem Lied liegt ein Song der Bellamy Brothers (Crossfire) zugrunde – gar nicht so weit weg von dem Lied der Conditors ist. Damit erfolgt eine Einreihung in eine ganz bestimmte Tradition von deutschem Schlager, aus deren Perspektive auch die Amerika-Reise (z.B. Mendocino) und der Name Veronika (vgl. “Veronika, der Lenz ist da“) als Wiederaufnahme ohne satirische Vorzeichen erscheinen. Überhaupt ließe sich im Text eine Vielzahl von weiteren Schlager-Assoziationen herstellen, man denke an “My little world” (Waterloo & Robinson), “No milk today” (Herman’s Hermits) oder “Der Kaffee ist fertig” (Peter Cornelius)

Der heiße Tee unterstreicht durch die Assoziation zum Frühstück, das hier explizit in einem Café eingenommen wird (“Wie fast jeden Tag sitzen wir im Café”), noch die Gemeinsamkeit beider Himbeer-Lieder. Auch der Ur-Song von Hoffmann & Hoffmann hatte durch seine Analogiebildung mit dem Rock’n Roll – in der zweiten Zeile des Refrains heißt es: “Rock’n Roll im Fahrstuhl” textuell auf amerikanische Musiktradition hingewiesen. Geschickt wird auch klanglich die Assoziation zum Himbeereis durch den heißen Tee aufgebaut. “Eis” reimt sich auf “heiß”, die h-Alliteration von “Himbeereis” und “heiß” lässt überdies auch noch die “Reise” in das Wortspiel und die Wiederholung der Silbe “-eis” einbeziehen. Besonders raffiniert wird diese Klanglichkeit noch, wenn man an das englische “eyes” denkt, das ja mit den Augen von Veronika im Text ebenso präsent ist. Damit wäre eine Begründung für die Verwendung des Eises gefunden, aber wieso nicht schlicht Erdbeereis verwendet wurde, kann andere Gründe haben.

Das Lied präsentiert Himbeereis als Form von Nostalgie, gleich gereiht mit den Augen der Geliebten, die ebenfalls mit im Café beim Frühstück zu sitzen scheint, nach einer langen, vielleicht durchzechten Nacht (“irgendeiner gähnt”). Die Sehnsucht nach Amerika (“unerfüllte Träume von der Reise nach Amerika”), einer Rundreise, die sich durch das speist, was in Filmen gezeigt wird und medial präsent ist, weist wieder zurück auf postmoderne Intermedialität, die den Schlager unterwandert. Die Reihung von Orten, Tourismusattraktionen und kulturellen Zentren Amerikas: Disneyland, Mississippi, Cap Kennedy, San Francisco, Broadway ist nicht unbedingt beliebig, aber doch wenig eklektisch gewählt, verkörpert sie doch genauso wie die Entfaltung des Wortfeldes Amerika durch “Hippies” und Musicals (West-Side-Story) das Allerweltswissen des Durchschnittsbürgers zu Beginn der 80er Jahre. Auch musikalisch folgt das Lied einer naiv-positiven vom Medium Film gelenkten (“aus dem letzten Film in Erinnerung geblieben”) Amerikasehnsucht, wie sie so erst in der Nach-68er-Ära und Nach-Vietnam-Phase oder im verbrämten apolitischen Nostalgieblick im Gefolge von Scott McKenzies “San Francisco” wieder denkbar wurde und später mit Udo Jürgens “Ich war noch niemals in New York” auch im deutschen Liedgut kanonisiert wurde. Diese Sprechhaltung fügt sich dabei ein in das schlichte Gemüt des von Chrom, Leder, Milchshakes und Greyhoundbus-Reisen schwärmenden Erzählers, dessen Bodenständigkeit auch der Name Veronika nochmals unterstreicht.

Die subtile Identifikation mit der Eigengeschichte des deutschen Schlagers über die Himbeere führt dabei auch in die Ebene der erotischen Konnotationen. Dass auch eine Band wie Grauzone, Wegbereiter der Neuen Deutschen Welle aus der Schweiz (“Eisbär” 1980), gerade einen ihrer Titel “Marmelade und Himbeereis” aus dem Jahr 1981 benennen, ist mehr als bezeichnend. Die erotisch aufgeladene Situation, in der die Geliebte den Wunsch nach dem Geschlechtsakt äußert (“nimm mich wie ich bin”) und schließlich entjungfert wird (“unser Blut tropft in den Sand”), die Strandliebe, die genauso gut homo- wie heterosexuell sein könnte, wird dort mit etwas kryptischem Italienisch (kulminierend in “Ti voglio bene”) als deutsch-italienischer Urlaubsflirt im Zeichen der Frühstücksfrüchte realisiert. Dass es sich bei Marmelade um ein ebenso sexuell aufgeladenes Produkt handelt, man denke an das Lied “Lady Marmalade”, unter anderem gecovert für den Film Moulin Rouge, bezeugt, in welcher Absicht die Italienreise hier geschildert wird. Oralsex (Marmelade) und Penetration gehen hier eine Symbiose ein, die als Urlaubserinnerung im Lied ebenso verewigt wird wie die Blutstropfen im Strand der Adriaküste. Nicht von ungefähr beschreibt eine Eissorte, deren modebedingte Nachfrage allenthalben einer spezifischen Epoche der End-70er Jahre zuzuordnen wäre, als neben Erdbeer, Vanille und Schokolade Banane, Stracciatella und Himbeereis zum Sortiment der Eisverkäufer sporadisch hinzukamen (heute laut einer nicht repräsentativen Internet-Statistik befindet sich Himbeere in der Beliebheit auf Platz 9, vgl. Ostmann), zugleich sexuelle Freiheit, Entfaltung und die Realisierung von Träumen.

IV. Rezeption

Die situative Verortung am Frühstückstisch verlagert den Traum in einen Tagtraum, dessen Realisierung sich bei den Conditors noch nicht so konkret anhört und die Jahre später im nostalgischen Rückgriff bei Guildo Horn die Attraktivität eines Altoma-Kaffeekränzchens gewinnt, wenn er in “Guildo hat euch lieb” von “Nussecken und Himbeereis” singt, aber zugleich die kulinarische Spießigkeit auch als sexuelle Freiheit verstehen kann. Nicht ohne Grund erklärt Michel Foucault in seiner Histoire de la Sexualité, dass vermeintliche sexuelle Freiheit im Rahmen von Machtdiskurs, Herrschaftswissen und Biopolitik nichts anderes als konservative Spießigkeit bedeute.

Dass das Lied der Conditors medial wenig präsent ist, mag auch darin begründet sein, dass sie eben nicht passgenau zur Neuen Deutschen Welle zuzuordnen waren und daher auf einschlägigen Compilations meist nicht zu finden sind (Ausnahme: EAMS Compilation 13). Bis heute scheint auch keine CD-Version auf dem Markt zu finden sein. In Internet-Sammelbörsen gilt die Single HIMBEEREIS IM HEIßEN TEE als wahre Rarität bzw. ist trotz dokumentierter Nachfrage nicht einmal dort erhältlich (vgl. z.B. MusikSammler).

CHRISTOPH OLIVER MAYER


Credits

Gesang: Peter Freiberg, Uli Steinert
Gitarre: Uli Steinert
Schlagzeug: Peter Jureit
Bass: Peter Wasielewski
Veröffentlichung: 1984
Länge: 3:17

Recordings

  • Die Conditors. Himbeereis im heißen Tee (Reise nach Amerika), 1984, CBS, CBS 4539, Deutschland (7″/Single).
  • Die Conditors. “Himbeereis im heißen Tee (Reise nach Amerika)”, EAMS Compilatzion Volume 13, 2000, EAMS, 40182, Deutschland (CD/Comp.).
  • Herman’s Hermits. No Milk Today/ My Reservation’s Been Confirmed, 1966, EMI Columbia, C23314, Deutschland (7″/Single).
  • Scott McKenzie. San Francisco, 1967, CBS, 2816, Deutschland (7″/Single).
  • Waterloo & Robinson. My little World/ Marilyn, 1976, Metronome, M 25717, Deutschland (7″/Single).
  • Peter Cornelius. “Der Kaffee ist fertig”, Der Kaffee ist fertig, 1980, Philips, 6305420, Deutschland (LP/Album).
  • Grauzone. Eisbaer, 1981, EMI Electrola, 1C00646530, Deutschland (7″/Single).
  • Udo Jürgens. Das wünsch ich dir/ Ich war noch niemals, 1982, Ariola, 104598, Deutschland (7″/Single).
  • Guildo Horn. “Guildo hat euch lieb!”, Bravo Hits 21, 1998, Polystar, 5559792, Deutschland (2xCD/Comp.).

References

  • Foucault, Michel: Histoire de la Sexualité I-III. Paris: Gallimard 1976-84.
  • Horn, Guildo/Kram, Johannes/Schwinn, Roland: Danke! Der Meister plaudert aus dem Nähkästchen. München: Econ Tb. 1998.
  • Ludewig, Volker/Schock, Axel: Wir Dich auch! Das Guildo Horn-Kult-Buch. Berlin: Droemer Knaur 2001.
  • Mayer, Christoph Oliver: “Italien beim Eurovision Song Contest. Zwischen nationaler Repräsentation und Europagedanken”. In: Ruedi Ankli / Susanne Zieglmaier u.a.: Unità d’Italia. Akten der Sektion Fachdidaktik des Hamburger Italianistentags 2012, erscheint 2013.

About the Author

PD Dr. Christoph Oliver Mayer teaches Romance Studies at the TU Dresden.
All contributions by Christoph Oliver Mayer

Citation

Christoph Oliver Mayer: “Himbeereis im heißen Tee (Die Conditors)”. In Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, http://www.songlexikon.de/songs/himbeereisim, 05/2012 [revised 10/2013].

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