1972
Bob Marley & The Wailers

Concrete Jungle

CONCRETE JUNGLE ist der erste Song auf dem 1972 veröffentlichten Album Catch a Fire von Bob Marley & The Wailers. Diesem Album wird eine maßgebliche Rolle im Kontext der Internationalisierung des jamaikanischen Reggaes und des weltweiten Erfolgs Bob Marleys in den 1970er Jahren zugeschrieben.

I. Entstehungsgeschichte

Bob Marley stand als einer der drei Lead-Sänger neben Peter Tosh und Bunny Livingston im Zentrum der 1963 gegründeten jamaikanischen Band The Wailers. Die Formation versuchte bereits 1971 auf dem Musikmarkt Großbritanniens Fuß zu fassen und veröffentlichte bei CBS die Single “Reggae on Broadway”. Obwohl die Veröffentlichung nicht den gewünschten Erfolg nach sich zog, begann die Formation unter der Ägide des Produzenten Lee “Scratch” Perry, Songs für eine Album-Veröffentlichung bei CBS zu erarbeiten. Unter anderem entstand in dieser Phase CONCRETE JUNGLE. Alsbald machte die Gruppe die Bekanntschaft des Produzenten Chris Blackwell und entschloss sich aufgrund des vernehmbaren Desinteresses vonseiten der CBS für eine Zusammenarbeit mit dessen Label Island Records. CONCRETE JUNGLE erschien im Dezember 1972 auf dem Album Catch a Fire in Großbritannien und gehörte zu den älteren und überarbeiteten Songs, die neben neu und speziell für die Albumproduktion erarbeiteten Kompositionen für die LP verwendet wurden (vgl. Wynands 1995: 123-127).

II. Kontext

In der einschlägigen Literatur wird das Jahr 1972 hinsichtlich der weltweiten Wahrnehmung und Verbreitung des Reggaes als einschneidende Zäsur betrachtet (vgl. Chen/O’Brien Chang 1998: 48). Denn den Ansprüchen des internationalen Marktes schien die Musik zu dieser Zeit nicht gerecht werden zu können, Reggae galt insbesondere unter Fans und Produzenten der Rockmusik als minderwertig und im direkten Vergleich mit den dortigen Produktionsstandards als nicht konkurrenzfähig. Einen zentralen Beitrag zur differenzierteren Wahrnehmung Jamaikas und der dortigen Musikkultur leistete 1972 der gezielt für nichtjamaikanische Rezipienten produzierte Film The Harder They Come mit Sänger Jimmy Cliff in der Hauptrolle. Erstmals wurde es einem breiten Publikum außerhalb der Karibik ermöglicht, Einblicke sowohl in die sozialen Verhältnisse Jamaikas als auch in die Mechanismen der dortigen Musikindustrie zu gewinnen (vgl. ebd.). Das im selben Jahr veröffentlichte Album Catch a Fire stach schließlich hinsichtlich des Klangbilds und der Produktionsabläufe aus der Masse bisheriger Reggae-Veröffentlichungen heraus, wofür Chris Blackwell maßgeblich verantwortlich zeichnete. Dieser hatte bereits in den 1960er-Jahren jamaikanische Künstler in Großbritannien zu kommerziellen Erfolgen geführt, sich infolge sinkender Verkaufszahlen aber auf Interpreten der Rockmusik wie Jethro Tull und Emerson, Lake and Palmer konzentriert. Nach eigener Aussage verfolgte Blackwell das Ziel, Reggae mithilfe der Wailers als international anerkannten Musikstil zu etablieren, der auch für das Rock-Publikum interessant sein sollte. Für den Labelchef und Produzenten waren drei Aspekte von maßgeblicher Bedeutung für die Umsetzung dieses Vorhabens: Erstens sollten The Wailers in Rock-Band-Besetzung mit Frontmann präsentiert werden; Bob Marley war für diese Rolle vorgesehen. Zweitens sollte ein für sich stehendes Album produziert werden, nachdem jamaikanische Musiker sich häufig auf die Produktion von Singles konzentriert hatten. Drittens sollte der als ‘ungeschliffen’ aufgefasste Reggae-Sound mittels moderner Aufnahme- und Produktionstechnik sowie mithilfe von Studiomusikern modifiziert werden, angestrebt wurde eine Anpassung an die Klangideale der international erfolgreichen Rockmusik der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre (vgl. Jones 1988: 62 f.). Nachdem die Aufnahmen des Rohmaterials auf Jamaika abgeschlossen waren und das Resultat Chris Blackwell zufriedengestellt hatte, gingen Mix und Mastering in London vonstatten. Zahlreiche Overdubs wurden von Musikern beigesteuert, die für gewöhnlich an Rock-Produktionen beteiligt waren und über keine Reggae-Erfahrung verfügten: Organist Tyrone Downie, Tabla-Spieler Chris Karan und Gitarrist Wayne Perkins, der unter anderem ein Solo für CONCRETE JUNGLE aufnahm (vgl. Barrow/Dalton 1997: 131). Analog zu diesen Modifikationen hinsichtlich Band-Konzept und Klangbild äußerte sich auch in der Covergestaltung des Albums eine Hinwendung zur zeitgenössischen populären Musik. Passend zum Titel Catch a Fire war die Hülle der LP einem überdimensionalen Zippo-Feuerzeug nachempfunden; dieses musste aufgeklappt werden, um die Schallplatte entnehmen zu können. Das von Rod Dyer entworfene Cover orientierte sich an experimentellen Designs der Zeit, vor allem am Sticky Fingers-Cover der Rolling Stones mit Reißverschluss und an der abziehbaren Banane auf der Hülle der Velvet Underground-LP The Velvet Underground & Nico, jeweils gestaltet von Andy Warhol. Zuvor fanden sich auf jamaikanischen Plattencovern oftmals Darstellungen, die das Exotische und Fremdartige in der Außenwahrnehmung der Karibikinsel und der dortigen Musik betonten. Die aufwendig herzustellende, teure und auch unpraktische Hülle von Catch a Fire wurde später durch ein Coverfoto ersetzt, das Bob Marley beim Konsum eines Joints zeigt. Auf diesem Wege wurde einerseits eine stereotype Assoziation mit jamaikanischer Popmusik nachhaltig geprägt, andererseits Bob Marley als Aushängeschild der Gruppe präsentiert und durch die rebellisch anmutende Pose für ein jugendliches Rock-Publikum interessant gemacht (vgl. Alleyne 2009: 53 f.). Die gezielt vollzogene und multidimensionale Neujustierung des Reggaes wurde durchaus als solche erkannt und das intendierte, auf internationale Wirksamkeit ausgerichtete Gesamtbild wohlwollend kommentiert. Bekanntheit erlangte folgender Auszug aus einem Kommentar des jamaikanischen Dichters Linton Kwesi Johnson zum Klang des Albums Catch a Fire: “[…] a whole new style of Jamaican music has come into being. It has a different character, a different sound […] what I can only describe as ‘International Reggae’. It incorporates international elements from popular music: rock and soul, blues and funk. These elements facilitated a breakthrough on the international market” (zit. nach Chen/O’Brien Chang 1998: 49). Als Eröffnungstrack nimmt CONCRETE JUNGLE eine zentrale Rolle auf diesem Album ein und bietet die Möglichkeit, Merkmale des “International Reggae” analytisch in den Blick zu nehmen.

III. Analyse

CONCRETE JUNGLE steht in e-Moll, weist ein Tempo von ca. 95 bpm und eine Dauer von 4:13 Minuten auf. Der Song beginnt mit einem instrumentalen Intro, an das sich Strophe und Refrain anschließen. Diese beiden Formteile werden jeweils einmal wiederholt, es folgen ein Gitarrensolo und zum Ende des Songs zweimal der Refrain. Der ‚internationalisierte‘ Reggae-Sound lässt sich zunächst in Bezug auf die Instrumentierung aufgreifen. Die erwähnten Overdubs treten auffällig hervor, denn die zu hörenden Spuren übersteigen die Anzahl der in einer Reggae-Formation zumal in den frühen 1970er-Jahren üblicherweise agierenden Instrumentalisten. Im Intro des Songs ist die Bassdrum des Schlagzeugs zu hören, die lediglich die Grundschläge akzentuiert. Diese Spielweise ist für den frühen Roots Reggae sehr unüblich und an Gestaltungsweisen des Rock orientiert. Hinzu treten eine Orgel, die überwiegend Haltetöne beisteuert, verschiedene Clavinet-Einwürfe, vereinzelte Akzente des Basses und vier Gitarrenspuren. Zwei der Gitarren werden im Clean-Sound gespielt, die verbleibenden zwei Spuren sind mit leichter Verzerrung und deutlich hörbarem Hall belegt. Die verschiedenen Instrumentalstimmen sind rhythmisch und hinsichtlich der Klanggestaltung stark verzahnt. Hieraus resultiert ein dichtes Gefüge an Sounds, das schließlich in die erste Strophe überleitet. In der Strophe durchgehend zu hören sind Schlagzeug, Bass und drei Rhythmusgitarren, in unregelmäßiger Abfolge steuern Orgel, Clavinet und eine vierte Gitarre Einwürfe bei. In der zweiten Hälfte der Strophe erfüllen überdies zwei weitere Keyboards (Piano, Rhodes) eine solche Funktion. Der anschließend erklingende Refrain kehrt wiederum zur Instrumentierung des ersten Strophenabschnitts zurück. Auf diesem Wege entsteht ein Klanggeflecht, das über die damals übliche Komplexität im Roots Reggae hinausgeht. Einerseits entsteht dieser Eindruck durch die Anzahl der hörbaren Instrumente, andererseits durch deren spezifischen Klang und die räumliche Gestaltung im Stereo-Mix sowie durch den häufigen Einsatz von Hall. Bereits im Intro ist die räumliche Verteilung der Instrumente deutlich zu hören. Dies betrifft insbesondere und auch im weiteren Verlauf des Songs die Gitarren, im von Wayne Perkins gespielten Gitarrensolo variiert überdies die Intensität des Halleffekts und führt vor allem während des Spiels von Bendings zu einem sukzessiven Gleiten des Klangs in die Raumtiefe. Der Einsatz von solchen solistischen Instrumentalpassagen, die zudem hinsichtlich der Spieltechnik und des Tonvorrats auf Gestaltungsweisen des Blues-Rock referieren, ist im Roots-Reggae-Kontext der frühen 1970er-Jahre als Novum zu betrachten. Aus diesen Spezifika der hinzugefügten Instrumental-Overdubs, der Instrumentierung und der Klanggestaltung lassen sich die von Chris Blackwell intendierten Annäherungen an rockmusikalische Klangkonventionen ablesen, die im Sound des neuartigen “International Reggae” mündeten.

Die Vokalgestaltung ist von einer fortlaufend variierenden Call-and-Response-Interaktion zwischen dem Lead-Gesang Bob Marleys und den Background-Stimmen von Peter Tosh und Bunny Livingston gekennzeichnet. Teilweise wiederholen die Background-Sänger einzelne Textbausteine (z.B. Marley: “No sun will shine in my day today”, Background: “No sun will shine”), mitunter sind die Stimmen und Textelemente stark ineinander verwoben. So integriert Marley deutliche Pausen in seinen Vokalvortrag, während Tosh und Livingston die Lücke füllen oder Textelemente vor dem Lead-Gesang einführen. Auf diesem Wege entstehen komplexe Interaktionen zwischen den Gesangsstimmen, deren Darstellung detaillierter Transkriptionen bedürfte, die auch imstande sein sollten, die deutlich hörbare mikrorhythmische Flexibilität des Gesangs abzubilden. Diese aufwendige Ausgestaltung des Call-and-Response-Schemas fügt sich einerseits in das Gesamtbild des detailreichen Arrangements von CONCRETE JUNGLE ein, bringt aber andererseits Bezüge zu einer Musizierpraxis afrikanischen Ursprungs zur Geltung.

Überdies behandelt der Liedtext urbane jamaikanische Lebensrealitäten und artikuliert eine postkoloniale Sicht auf bzw. eine Identifikation mit Afrika, widmet sich damit also typischen Themen des Roots Reggae. Gerade die Songtexte des Albums Catch a Fire gelten als jenes Element, welches von den Modifizierungen durch Chris Blackwell unbehelligt blieb (vgl. Hebdige 2007: 80). So ist der Ausdruck “Concrete Jungle” eine auch über das Wirken von Bob Marley hinaus bekannte Metapher für eine triste Atmosphäre, wie sie in urbanen Ghettos oder allgemein in von dunklen Betonbauten dominierten Großstädten empfunden werden kann. In CONCRETE JUNGLE beschreibt Bob Marley eine solche Umgebung aus der Sicht einer direkt von dieser Atmosphäre betroffenen Person; es entsteht der Eindruck, als thematisiere er seine persönlichen Empfindungen hinsichtlich der urbanen Lebensumstände in der jamaikanischen Hauptstadt Kingston (vgl. Walker 2005: 67). In der ersten Strophe wird diese Tristesse zunächst beschrieben (“No sun will shine in my day today / The high yellow moon won’t come out to play”), wohingegen die zweite Strophe aus einer postkolonialen Perspektive auf die Sklaverei-Vergangenheit blickt: “No chains around my feet, but I’m not free / I know I am bound here in captivity / I’ve never known happiness / And I’ve never known what sweet caress is”. Es geht hierbei nicht um ein Gefangensein im herkömmlichen, physischen Sinne, denn die besungenen Ketten sind nicht mehr existent, vielmehr thematisiert Marley eine mentale Sklaverei (vgl. Dawes 1999: 131). Offensichtlich ist hierbei der Bezug auf ein Zitat des Panafrikanisten Marcus Garvey, das durch Bob Marleys “Redemption Song” weltweite Bekanntheit erlangte: “We are going to emancipate from mental slavery because whilst others might free the body, none but ourselves can free the mind” (zit. nach Cooper 2012: 301). Die Thematisierung afrikanischer Identität und Herkunft ist ein in Roots-Reggae-Texten durchaus übliches Thema, im Kontext der kommerziell erfolgreichen Rockmusik der frühen 1970er-Jahre aber freilich unkonventionell. Wenngleich die Klanggestalt von Catch a Fire gründlichen Modifikationen in Richtung europäischer und euroamerikanischer Standards unterlag, so spiegelt gerade der Songtext von CONCRETE JUNGLE die sozialkritischen und spirituellen Themen des jamaikanischen Roots Reggae wider.

IV. Rezeption

CONCRETE JUNGLE wurde auf dem Album Catch a Fire und nicht als eigenständige Single veröffentlicht; das Album kann in kommerzieller Hinsicht nicht als Erfolg bewertet werden und verkaufte sich im ersten Jahr nach Erscheinen lediglich 14.000 mal (vgl. Jones 1988: 66). Dennoch wurde Catch a Fire von der Kritik positiv aufgenommen, Bob Marley in der Zeitschrift Melody Maker als “first genius of reggae” bezeichnet und die Soundqualität als immense Qualitätssteigerung im Reggae-Kontext bewertet (vgl. ebd.: 75 f.). Bob Marleys kommerzieller und weltweiter Erfolg stellte sich erst im Laufe der 1970er Jahre ein, insbesondere infolge der Veröffentlichung des Albums Rastaman Vibration(1976). Die in diesem Text angeführten Zitate verdeutlichen jedoch, dass Catch a Fire und als Eröffnungstrack des Albums auch CONCRETE JUNGLE unter zeitgenössischen Rezipienten bereits als Initialzündung des internationalisierten Reggaes galt und dass das Klangkonzept als wegweisend für folgende Produktionen aufgefasst wurde.

 

BENJAMIN BURKHART


Credits

Guitar: Bob Marley, Peter McIntosh, Wayne Perkins
Vocals: Bob Marley, Peter McIntosh, Bunny Livingston
Bass: Robbie Shakespeare
Organ: Tyrone Downie
Keyboards: Tyrone Downie
Clavinet: John Bundrick
Drums: Carlton Barrett
Music/writer/songwriting: Bob Marley
Producer: Chris Blackwell
Label: Island Records
Recorded: 1972
Published: 1972
Length: 4:13

Recordings

  • Bob Marley & The Wailers. “Concrete Jungle”. On: Catch A Fire, 1972, Island Records, ILPS 9241, UK (LP/Album).
  • Bob Marley & The Wailers. “Redemption Song”. On: Uprising, 1980, Island Records, ILPS 9596, UK (LP/Album).
  • Bob Marley & The Wailers. “Reggae On Broadway / Oh Lord, Got to Get There”, 1971, CBS, CBS S 8114, UK (7”/Single).

References

  • Alleyne, Mike: The Island Art. Bob Marley’s Albencover. In: Riddim 9 (2009), 1, 5256.
  • Barrow, Steve/Dalton, Peter: Reggae. The Rough Guide. The Definitive Guide to Jamaican Music, from Ska through Roots to Ragga. London: Penguin 1997.
  • Chen, Wayne/O’Brien Chang, Kevin: Reggae Routes. The Story of Jamaican Music. Philadelphia: Temple University Press 1998.
  • Cooper, Carolyn: Reggae Studies at the University of the West Indies. In: Global Reggae. Ed. by Carolyn Cooper. Kingston: Canoe 2012, 301-314.
  • Dawes, Kwame: Natural Mysticism. Towards a New Reggae Aesthetic. Leeds: Peepal Tree 1999.
  • Hebdige, Dick: Cut ‘n’ Mix. Culture, Identity and Caribbean Music. London: Routledge 2007 (Reprint).
  • Jones, Simon: Black Culture, White Youth. The Reggae Tradition from JA to UK. Basingstoke: Macmillan 1988.
  • Walker, Klive: Dubwise. Reasoning from the Reggae Underground. Toronto: Insomniac 2005.
  • Wynands, René: “Do the Reggay!” Reggae von Pocomania bis Raggamuffin und der Mythos Bob Marley. München: Piper 1995. URL: http://dubblog.de/wp-content/uploads/2012/05/DoTheReggae.pdf [26.10.2015].

Films

  • The Harder They Come. Director: Perry Henzell. New World Pictures, 1972.

About the Author

Benjamin Burkhart is currently a PhD student at the University of Music FRANZ LISZT Weimar and a research fellow at the Center for Popular Culture and Music at the University of Freiburg.
All contributions by Benjamin Burkhart

Citation

Benjamin Burkhart: “Concrete Jungle (Bob Marley & The Wailers)”. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, http://www.songlexikon.de/songs/concretejungle, 10/2018.

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