2011
Alin Coen Band

Andere Hände

Alin Coen bearbeitet in ihrem Song ANDERE HÄNDE das umstrittene Thema der Babyklappe und bezieht sich hierbei auf einen publizierten Brief einer Mutter an ihr Kind, das diese an einem Babyfenster abgab.

I. Entstehungsgeschichte

2007 gründete sich die Alin Coen Band mit der Frontsängerin Alin Coen (Gesang, Gitarre) in Weimar. Nach dem Studium und einzelnen Auslandsaufenthalten fanden die Sängerin mexikanischer Abstammung Alin Coen, Jan Frisch (Gitarre), Philipp Martin (Bass) und Fabian Stevens (Schlagzeug) in Weimar zusammen, um zu Beginn ausschließlich von Alin geschriebene Songs zu interpretieren. Im Laufe der Zeit entwickelte sich der Prozess des Songwritings allerdings zu einem gemeinsamen kreativen Akt, in den alle Bandmitglieder involviert sind. Bis zum Jahr 2015 brachte die Gruppe zwei Alben (Wer Bist Du?, 2010; We Are Not the Ones We Thought We Were, 2013) und eine EP (Einer will immer mehr, 2011), auf welcher das Lied ANDERE HÄNDE zu hören ist, heraus.

Inspiriert von einem Brief, der 2009 in dem unabhängigen Gesellschaftsmagazin Dummy veröffentlicht wurde, schrieb Alin Coen den Song. Dieser Brief wurde von einer Mutter für ihr Baby geschrieben, das sie mitsamt dem Brief in eine Babyklappe legte. Die Mutter verfasste den Brief in der Annahme, dass ihr Kind ihn zum passenden Zeitpunkt lesen könne und versucht darin, ihre Lage und Emotionen zu beschreiben und zu erklären.

Die EP Einer will immer mehr, auf der u. a. der Titel ANDERE HÄNDE zu hören ist, produzierte die Alin Coen Band unter ihrem eigenen Label Pflanz einen Baum. Bei Live-Konzerten spielt die Band den Song regelmäßig, allerdings im Vergleich zu den anderen Musikstücken in verkleinerter Besetzung (Gesang, eine/zwei Gitarre[n]).

II. Kontext

In der 25. Ausgabe des Gesellschaftsmagazins Dummy wurden vier Briefe von Müttern an ihre Kinder veröffentlicht, die sie in der Babyklappe des Agape Hauses in Lübeck abgegeben hatten. Auf den zweiten der vier Briefe bezieht sich Alin Coen in ihrem Song ANDERE HÄNDE.

In einem Informationszettel werden die Mütter an der Babyklappe angehalten, ihrem Kind einen persönlichen Gruß, das Geburtsdatum oder eine Erklärung zu hinterlassen. Friederike Garbe, Leiterin der Agape Hauses, eröffnete 2003 die zweite Babyklappe bundesweit und nahm bis zum Jahr 2012 16 Kinder in ihre Obhut und vermittelte sie weiter (vgl. Breckner 2012: 26). In andauernden Diskussionen ist dieses Thema in der heutigen Gesellschaft präsent. Im Jahr 2014 wurde aufgrund der geringen Angebote für eine anonyme Geburt in Deutschland ein neues Gesetz zur vertraulichen Geburt verabschiedet. Im Gegensatz zu einer Babyklappe soll bei einer anonymen Geburt in einer Geburtsklinik oder unter der Obhut einer Hebamme die “medizinische Versorgung von Mutter und Kind vor, während und nach der Geburt gewährleistet [werden]” (Coutinho/Krell 2011: 24). Da diese Angebote bis vor Erlass dieses Gesetzes bundesweit nur in 12% der Jugendamtsbezirke angeboten wurden (vgl. ebd.: 75), trat das Gesetz zum Ausbau der Hilfen für Schwangere und zur Regelung der vertraulichen Geburt zum 1. Mai 2014 in Kraft: “Mit der vertraulichen Geburt hat die Bundesregierung erstmals ein gesetzlich geregeltes Angebot für die Betroffenen geschaffen und damit Handlungssicherheit für Schwangere, Beratungsstellen, Kliniken und Behörden hergestellt” (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2016, www.bmfsfj.de).

III. Analyse

ANDERE HÄNDE ist ein ruhiges, mit traurigen Emotionen besetztes Lied, das in einem 4/4-Takt steht und darüber hinaus einen Puls von etwa 100 Schlägen pro Minute hat. Mit einer Dauer von 2:13 ist es relativ kurz, hält jedoch durch die textliche Intensität eine beträchtliche Spannung. Die minimierte Besetzung von lediglich zwei Gitarren und Alin Coen als Sängerin erlaubt eine starke Fokussierung auf den Inhalt des Textes. Diesen Effekt verstärken die leichten, meist tonleiterartigen Melodien, in welchen der deutsche, leicht verständliche Text wiedergegeben wird. In ihrer Begleitung (Alin Coen begleitet sich selbst an der Gitarre) verwendet Coen arpeggierte Harmonien in Triolenbewegungen, welche sich durch den Großteil des Stückes ziehen und somit einen Wiedererkennungswert schaffen. Jan Frisch fügt hierbei verzierende Gitarrenmelodien bei oder verstärkt an bestimmten Stellen die harmonische Basis auf den schweren Zählzeiten.

Das Stück untergliedert sich in zwei Formteile, wobei sich ersterer innerhalb der Komposition mehrmals wiederholt. So fungiert die harmonische Struktur von Formteil A (siehe Abbildung unten) als Intro sowie Outro. Die selben Harmonien benutzt Coen, um sich in den ersten beiden Gesangsteilen (A2, A2′) auszudrücken. Innerhalb dieser Abschnitte bewegt sich die Begleitung stets in Arpeggien, welche in Triolen von oben herunter gespielt werden. Die Harmonien von Formteil A bewegen sich im Bereich der Grundharmonien (T, S, D), wobei hier ebenso Dominantparallelen und Tonikaparallelen zu finden sind. Dieser Struktur liegt ein achttaktiges Schema zu Grunde, welches durch Wiederholungen auf eine Länge von elf Takten erweitert wird. Die ersten vier Takte des Abschnittes schließen nach dem Beginn auf der Tonika auf der Subdominante, um erneut in den zweiten vier Takten mit der Tonika zu beginnen. Im weiteren Verlauf wird jedoch die Struktur durch die Wiederholung von Takt sieben und acht (siehe Abbildung unten) erweitert sowie darüber hinaus durch die Repetition der letzten Subdominante um eine Taktlänge verlängert. Abschnitt B wiederum erstreckt sich auf eine Länge von zwölf Takten, wobei die Harmonien der ersten vier Takte direkt im Anschluss erneut wiederholt werden. Die Takte neun bis zwölf des Abschnitts B schließen allerdings, im Vergleich zu den beiden vorhergehenden Teilen, mit der Dominante anstatt mit der Subdominante. Des Weiteren wird in Formteil B erstmals die Subdominantparallele eingeführt und verwendet. Im Vergleich zu den Formteilen A werden hier die Begleitakkorde nur teilweise gebrochen und im Falle eines Arpeggios von unten nach oben gespielt.

Abbildung: Harmonie- und Formschema des Stückes (eigene Darstellung)
A1 A E Cism D A E Fism E D Fism E D D
A2 A E Cism D A E Fism E D Fism E D D
A2′ A E Cism D A E Fism E D Fism E D D
B Cism Fism Hm E Cism Fism Hm E Fism Fism Hm D
A1′ A E Cism D A E Fism E D Fism E D D

 

Hinsichtlich des Textes lässt sich sagen, dass sich Alin Coen stark auf den zweiten der vier in dem Gesellschaftsmagazin abgedruckten Briefe bezieht (vgl. Dietrich 2009: 58 f.). Innerhalb des Songtextes zitiert sie teilweise wörtlich die Ausdrücke der Mutter. In großen Teilen allerdings umschreibt die Songwriterin die Emotionen und Beweggründe der Frau mit ihren eigenen Worten und lässt sich durch die Vorlage inspirieren. Der Brief wie auch der Songtext geben die Verzweiflung der Mutter und ihre Resignation wieder. Sie beschreiben die hoffnungslose Situation und bilden die Kraftlosigkeit der Mutter ab. Dies zeigt ein Ausschnitt des Songtextes: “Mir sind die Hände gebunden / Noch keinen Ausweg gefunden / Ich bitte dich, mir zu verzeih’n / Ich wünschte es könnte anders sein”.

IV. Rezeption

Der Song ANDERE HÄNDE wurde insbesondere durch die Sendung TV Noir und ein veröffentlichtes Live-Video der cardinalsessionsbekannt. Beide Mitschnitte sind auf der Videoplattform Youtube zu finden. Im Vergleich zu den anderen Live-Videos der von Alin Coen in der TV Noir-Sendung von Juni 2012 aufgeführten Songs, ist ANDERE HÄNDE mit knapp 600 Küssen (Wertungssystem auf der Plattform tvnoir.de, Stand: 23.03.2015), knapp 370.000 Klicks (Stand: 23.03.2015) und 99 % positiven Bewertungen (Stand 23.03.2015) auf Youtube der am besten bewertete und meist gesehene Titel. Ebenso weist die Live-Version der cardinalsessions weit mehr Sichtungen auf als Clips aus der gleichen Live-Session (knapp 350.000 Klicks, 99% positive Bewertungen [Stand: 23.03.2015]). Weitere kostenlos zugängliche Versionen des Liedes sind lediglich amateurhafte Videos aus Live-Konzerten. Eine Singleauskopplung dieses Titels gibt es nicht.

In verschiedenen Internetportalen und Blogs, insbesondere für (werdende) Mütter und zum Thema Familie, wird der Song aufgegriffen und sein Inhalt thematisiert, auch werden Hörempfehlungen für den Titel ausgesprochen. Ein Konzertbericht beschreibt die Auftrittssituation wie folgt: “In den nächsten knapp drei Minuten wird es so still im Galao [Café in Stuttgart, in welchem das Konzert stattfand], dass man hören kann, wie der Typ in der dritten Reihe eine Stecknadel fallen lässt. Und selbst nach dem Lied dauert es ein bis zwei Wimpernschläge, bis der Applaus einsetzt. Ich fühlte mich zutiefst betroffen und berührt und kann erst mal gar nichts sagen. Alin selbst lacht und wundert sich, wie aufmerksam ihr Publikum zuhört” (Chiappetta 2012).

Darüber hinaus wurde der Songtext von ANDERE HÄNDE im Jahr 2011 in das Deutschlehrbuch deutsch.kombi plus (Sprach- und Lesebuch für die 10. Klasse) des Klett-Verlags eingebunden. In einem Onlinearbeitsblatt zu diesem Unterrichtswerk werden die Schüler aufgefordert sich mit dem Songtext und weiteren Fragen rund um das Themenfeld Babyklappe/anonyme und vertrauliche Geburt zu beschäftigen (vgl. Huneke/Utheß 2012: 28).

 

LISA HELBIG


Credits

Guitar and Vocals: Alin Coen
Guitar: Jan Frisch
Music/Songwriting: Alin Coen
Label: Pflanz einen Baum
Release: 2011
Length: 2:13

Recordings

Alin Coen Band. “Andere Hände”. On: Einer will immer mehr, 2011, Pflanz einen Baum, 5 052498 776221, Deutschland (CD/EP).

References

  • “Arbeitsblatt: Andere Hände”. In: Klett-Verlag (2013)URL: http://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/313276_0028_online_link.pdf [23.03.2015].
  • Breckner, Moritz: Ein Herz für Findelkinder. In: pro / Christliches Medienmagazin 2 (2012), 26-28. URL: http://www.agape-haus-luebeck.de/pdf/press_090.pdf [23.03.2015].
  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: “Hilfen für Schwangere mit Anonymitätswunsch und vertrauliche Geburt”. In: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 16 June 2016. URL: https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/familie/schwangerschaft-und-kinderwunsch/hilfen-fuer-schwangere-mit-anonymitaetswunsch-und-vertrauliche-geburt/80948 [13.06.2017].
  • Chiappetta, Annie: “Alin Coen im Galao”. In: kulturpegel.de, 8 March 2012. URL: http://kulturpegel.de/konzert/alin-coen-im-galao/bericht [23.03.2015].
  • Coutinho, Joelle/Krell, Claudia: Anonyme Geburt und Babyklappen in Deutschland. Fallzahlen, Angebote, Kontexte. Unter Mitarbeit von Monika Bradna. München: Deutsches Jugendinstitut 2011. (URL: http://www.dji.de/fileadmin/user_upload/Projekt_Babyklappen/Berichte/Abschlussbericht_Anonyme_Geburt_und_Babyklappen.pdf [13.06.2017])
  • Dietrich, Fabian: Alles über meine Mutter. Was bleibt, wenn man in der Babyklappe abgegeben wurde. In: Dummy 25 (2009), 56-61.
  • Oberländer, Dirk: Ich bin Alleinherrscherin über unsere Texte. Alin Coen im werkblatt-Interview. In: werkblatt. Magazin des Studentenwerks Berlin 57 (2011), 24-25. URL: http://www2.studentenwerk-berlin.de/download/stu/02/nr_57.pdf [23.03.2015].

Links

  • Künstler-Homepage: http://www.alincoen.com/ [23.03.2015].
  • Live-Mitschnitt von ANDERE HÄNDE der cardinalsessions: http://www.cardinalsessions.com/sessions/band/alin-coen-band [23.03.2015].
  • Live-Mitschnitt von ANDERE HÄNDE der Sendung tvnoir: http://tvnoir.de/andere-haende-alin-coen-band/ [23.03.2015].

About the Author

Citation

Lisa Helbig: “Andere Hände (Alin Coen Band)”. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, http://www.songlexikon.de/songs/anderehaende, 06/2017.

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