2001
Bruce Springsteen

American Skin (41 Shots)

Der Song AMERICAN SKIN (41 SHOTS) stammt von dem US-Rockmusiker Bruce Springsteen, ist 2001 erschienen und zählt zu jenen Liedern, die im Fortlauf der Zeit besonders kontrovers diskutiert wurden. Textlich geht es in dem Song um die Erschießung des jungen Afroamerikaners Amadou Diallo durch Einsatzkräfte der Polizei, um die Rassenproblematik in den USA sowie um die Angst, die viele Menschen voreinander haben und aufgrund derer es immer wieder zu Todesfällen kommt.

I. Entstehungsgeschichte

Der von Bruce Springsteen geschriebene Song wurde erstmals am 4. Juni 2000 auf einem Konzert in Atlanta gespielt. Das Konzert fand statt im Rahmen der “Reunion-Tour” von Bruce Springsteen und der E Street Band, welche sich von 1999 bis 2000 erstreckte. Die Platten- bzw. CD-Veröffentlichung erfolgte auf dem Album Live in New York City am 27. März 2001 durch Columbia Records. Hierbei handelt es sich um einen Zusammenschnitt zweier Konzerte der Tour im New Yorker Madison Square Garden (29. Juni 2000 und 1. Juli 2000). Das Album beinhaltet die zwei bis dahin unveröffentlichten Springsteen-Lieder AMERICAN SKIN (41 SHOTS) sowie “Land of Hope and Dreams”.

Eine erweitere Fassung der beiden Konzertmitschnitte im DVD-Format veröffentlichte Columbia Records im November 2001, eine Studio-Aufnahme des Songs erfolgte am 2. März 2001 in The Hit Factory in New York City, produziert von Springsteen und Chuck Plotkin. Diese Version kam nie auf den Tonträgermarkt und wurde lediglich als Promotion-CD-R-Single an ausgewählte Radiostationen versandt. Erst 13 Jahre nach der Erstveröffentlichung erschien auf dem Album High Hopes (2014) eine neu eingespielte Studio-Aufnahme des Songs, wiederum bei Columbia Records, produziert von Ron Aniello und Bruce Springsteen.

II. Kontext

Die 1972 gegründete Formation Bruce Springsteen and The E Street Band feierte 1975 mit dem Album Born To Run ihren Durchbruch. In den Jahren 1989 bis 1999 agierten die Bandmitglieder – abgesehen von einer kurzen Reunion 1995 – nicht gemeinschaftlich, nachdem sie 1984 mit Born in the U.S.A. ihr kommerziell erfolgreichstes Album auf den Markt gebracht hatten (mit über 30 Mio. verkauften Exemplare bis 2012). Springsteen, der alle Songs selbst schreibt, befasst sich textlich insbesondere mit persönlichen Eindrücken und Erfahrungen, mit Unzufriedenheit oder Schwierigkeiten in Alltagssituationen sowie mit gesellschaftlichen Problemstellungen in den USA. Seit dem Album Darkness on the Edge of Town im Jahre 1978 fokussiert sich der Musiker verstärkt auf das Leben und die emotionale Befindlichkeit der Arbeiterklasse. In AMERICAN SKIN (41 SHOTS) wiederum thematisiert er die Gefahren rassistischer Gesinnung und stellt hierfür konkrete Bezüge zum Realgeschehen des Todes von Amadou Diallo her.

Der aus dem Guinea stammende Amadou Bailo Diallo wurde am 4. Februar 2000 auf dem Heimweg von vier Polizisten bemerkt. Diese fanden, dass sein Aussehen mit der Beschreibung eines gesuchten Vergewaltigers übereinstimmt, gaben sich gegenüber Diallo zu erkennen und forderten ihn auf stehen zu bleiben. Diallo flüchtete in sein Apartment-Haus und wurde von den Polizeibeamten im Hausflur gestellt. Der Polizist Sean Carroll vermutete, dass der Verdächtige im Besitz einer Waffe gewesen war, als dieser einen Gegenstand aus seiner Tasche zog, woraufhin Carroll und seine Kollegen das Feuer eröffneten. Insgesamt gaben die vier Polizisten 41 Schüsse auf Diallo ab. Bei der anschließenden Untersuchung des Leichnams wurde lediglich ein Portemonnaie gefunden. Die hohe Anzahl der abgefeuerten Schüsse führte in der Öffentlichkeit sehr schnell zu der Vermutung, dass die Polizeibeamten Diallo aufgrund seiner Herkunft unter Beschuss genommen hatten. In einem anschließenden Gerichtsverfahren wurden die vier Polizisten für rücksichtsloses Handeln sowie den Mord an Diallo angeklagt, jedoch in allen Anklagepunkten freigesprochen. Nach der Urteilssprechung demonstrierten dennoch viele Menschen gegen die Polizisten und die Vorgehensweisen des New York Police Departments.

III. Analyse

Mit einem Intro, einer dreimaligen Strophe-/Refrain-Abfolge sowie einem Gitarren- und einem Saxofon-Solo als Outro ist der Springsteen-Song in seiner formalen musikalischen Anlage eher konventionell strukturiert. Auch die harmonische Disposition des in A-Dur komponierten Liedes (4/4-Takt) folgt gängigen Mustern, indem im Intro und in den Strophen die Hauptstufenakkorde A-Dur (Tonika), D-Dur (Subdominante) und fis-Moll (Tonikaparallele) verwendet werden und im Chorus noch h-Moll (Subdominantparellele) und kurzzeitig die Dominante E-Dur hinzutreten. Harmonische Farbigkeit entsteht jedoch dadurch, dass mit Vorhalts- und Optionaltönen (sus4, sus2; maj7; #5) oder durch wechselnde Akkordgrundtöne (Terz, Quint) zusätzliche Spannungsmomente erzeugt werden. Dies dient auch dazu, prägnante, sich mehrmals wiederholende Tonfolgen – im Intro cis-d und im Chorus d-cis-h – akkordisch zu unterstützen und zugleich hervorzuheben. Insgesamt entsteht stellenweise der Eindruck einer harmonischen Indifferenz, da die Terztöne der Akkorde häufig verzögert bzw. substituiert sind und die Dominanttonart E-Dur lange Zeit vermieden wird (stattdessen: A-Dur mit Basston e) und nur sehr kurzeitig in Erscheinung tritt.

Üblicherweise wird AMERICAN SKIN (41 SHOTS) als Fullband-Song gespielt, so dass alle Instrumente von Bruce Springsteen und der E Street Band klanglich vertreten sind: zwei elektrische Gitarren (Springsteen, Van Zandt), zwei akustische Gitarren (Lofgren, Scialfa), Bass (Tallent), Drums (Weinberg), Piano (Bittan), Orgel (Federici) sowie Saxofon und Percussion (Clemons). Der Einsatz der Instrumente erfolgt dramaturgisch wohlüberlegt, um der Darstellung des tragischen Geschehens und der songpoetischen Aussage Wirkung zu verleihen. So bauen E-Gitarre und E-Bass schon im 16-taktigen Intro mit gleichmäßig pulsierenden Achtelnoten im “Moderate Rock”-Tempo (103 bpm) sukzessive Spannung auf, wodurch die ersten gesungenen Worte der Strophe “Forty-one shots” dem Hörer gleich als Menetekel erscheinen. Durch das Oktavieren von Melodien bzw. Akkordfolgen (z.B. in der Orgel) und das additive Hinzufügen weiterer Instrumente (akustische Gitarren, Piano) gewinnt das Klangbild zusehends an Dichte und erlebt nach einer Crescendo-Passage am Ende der zweiten Strophe im kraftvoll gespielten E-Gitarren-Solo seinen Höhepunkt. Nach dem anschließenden Chorus, dem dritten Vers und einem erneuten Chorus werden im Outro die melodische Figur und Instrumentation des ruhigen Anfangs wiederaufgenommen. Dazu erklingt ein Saxofon-Solo, welches den Song beendet.

Springsteen singt in seiner typischen Art mit einer tiefen, angespannten Stimme und verzichtet weitestgehend auf Ornamente. Die übrigen Bandmitglieder beschränken ihren Gesang auf die Ausdrücke “Forty-one shots” sowie “It ain’t no secret” und die Wiederholung der letzten beiden Zeilen des dritten Verses, sodass diese im Besonderen herausgestellt werden. Die Wiederholung der Aussage “Forty-one shots” stellt eine direkte Anspielung auf die tatsächliche Anzahl der abgegebenen Schüsse auf Amadou Diallo dar. Auch an anderen Textstellen nimmt Springsteen unmittelbar Bezug auf die realen Begebenheiten des tödlichen Vorfalls: in der ersten Strophe bei “You’re kneeling over his body in the vestibule”, bei “If an officer stops” in der zweiten Strophe sowie in der Chorus-Zeile “Is it a wallet? This is your life”. Anstelle weiterer Anspielungen auf das Realgeschehen wendet sich der Songwriter in den Chorussen (“You can get killed just for living in your American skin”) einer eher allgemeinen Debatte über Rassismus sowie daraus resultierenden Gefahren zu. Diese Thematik wird noch einmal im vorletzten Chorus (“Is it in your heart? Is it in your eyes?”) aufgegriffen, in dem der Protagonist die Absichten der Menschen hinterfragt. Darüber hinaus lassen sich dem Text biblische Motive wie z. B. der Fluss oder die Taufe entnehmen, die Springsteen in seiner gesamten Karriere fortlaufend aufgreift. Der Begriff “River” nimmt eine Schlüsselrolle in vielen Liedern Springsteens ein und wird oft als Metapher für das Leben bzw. die Lebensspanne aufgefasst. Der Autor und Musikkritiker Dave Marsh interpretiert den Fluss in diesem Kontext auch als ein Objekt, das die menschlichen Sünden wegschwemmen wie auch freilegen kann. Der Songwriter und Sänger nimmt im Song drei Perspektiven ein. Die erste Strophe ist aus der Sicht eines Polizeibeamten geschrieben, der über dem Körper eines Mannes kniet, für diesen betet und sich im anschließenden Chorus selbst Fragen stellt, die ihm im Vorfeld durch den Kopf gegangen sind. In der zweiten Strophe übernimmt Springsteen die Perspektive der besorgten Mutter Lena, die ihrem Sohn Charles Ratschläge für Umgangsformen auf der Straße gibt und ihm Verhaltensregeln für den Umgang mit der Polizei nahelegt. Die dritte Strophe umfasst eine allgemeine Perspektive mit einem Appell an die gegenseitige Verantwortung und das Bewusstsein für die Gleichheit aller Menschen.

IV. Rezeption

AMERICAN SKIN (41 SHOTS) wurde, obwohl nicht als Single ausgekoppelt, in den USA weithin wahrgenommen und kontrovers diskutiert. Zahlreiche US-Polizeibeamte sowie deren Angehörige kritisierten Springsteen dafür, den Song öffentlich aufgeführt und den Todesfall Diallos thematisiert zu haben. Patrick Lynch, der Präsident der Patrolmen’s Benevolent Association von New York und Repräsentant von ca. 30.000 Polizeibeamten, verfasste unmittelbar nach der Songpremiere einen offenen Brief, in dem er alle Polizisten dazu aufrief, die nachfolgenden Konzerte Springsteens im Madison Square Garden sowie einen damit zusammenhängenden Dienst zu boykottieren. Er beschuldigte den Musiker, die Polizei diskreditiert zu haben und sich die Tragödie zum eigenen finanziellen Vorteil zunutze zu machen. Viele hochrangige Polizisten und Polizistinnen, u. a. New York City Police Commissioner Howard Safir oder Bob Lucente, Präsident der New York State Fraternal Order of Police, schlossen sich dieser Stellungnahme an. New York Citys Bürgermeister, Rudolph Guiliani, zeigte ebenfalls Verständnis für die Haltung der Polizei und beschuldigte nicht näher genannte Personen, den Eindruck erwecken zu wollen, dass die Polizisten des Mordes schuldig seien. Einzelne Polizisten sprachen dem Song auch seine Berechtigung zu und verteidigten Springsteen als großen Unterstützer der Polizei. Diallos Eltern und Angehörige dankten Springsteen und sahen in dem Song die Erinnerung an ihren Sohn bewahrt.

Am 3. Dezember 2000 wurde Bruce Springsteen für AMERICAN SKIN (41 SHOTS) mit dem Humanitarian Community Service Award der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) ausgezeichnet. Dementgegen verweigerte die Polizei Bruce Springsteen im Oktober 2003 eine Polizeieskorte für zwei Konzerte im New Yorker Shea Stadium, nachdem er das Lied bei einem vorherigen Konzert im selben Stadion gespielt hatte.

Die Songversion der Live in New York City-CD wurde 2003 auf der Best-of-Kompilation The Essential Bruce Springsteenerneut über Columbia Records veröffentlicht. Während der Wrecking Ball-Welttour 2012 und 2013 spielte Springsteen das Lied regelmäßig in Gedenken an den 17-jährigen Trayvon Martin. Der afroamerikanische High-School-Student wurde am 26. Februar 2012 von dem Nachbarschaftswachmann George Zimmermann erschossen, der im anschließenden Gerichtsprozess freigesprochen wurde. Nach der Freisprechung Zimmermanns spielte Springsteen den Song auf einem Konzert in Limerick, Irland, und proklamierte vorweg Gerechtigkeit für Trayvon Martin. Am 8. Februar 2013 coverten die Musiker Jackson Browne und Tom Morello AMERICAN SKIN (41 SHOTS) zu Ehren Springsteens auf der Veranstaltung MusiCares Person of the Year. Aufgrund der seltenen Live-Aufführungen stellt AMERICAN SKIN (41 SHOTS) bei Konzerten einen Höhepunkt des Programms dar und ist vor allem unter den Fans in Europa sehr beliebt.

KRISTIAN KEUER


Credits

Live in New York City-Version (2001):
Komposition und Text: Bruce Springsteen
Lead-Gesang: Bruce Springsteen
Background-Gesang: Clarence Clemons, Nils Lofgren, Patti Scialfa, Steven Van Zandt
Gitarren: Nils Lofgren, Patti Scialfa, Bruce Springsteen, Steven Van Zandt
Bass: Gary Tallent
Schlagzeug: Max Weinberg
Piano: Roy Bittan
Saxofon: Clarence Clemons
Percussion: Clarence Clemons
Orgel: Danny Federici
Produzenten: Chuck Plotkin, Bruce Springsteen
Aufnahme: Toby Scott
Mixer: Bob Clearmountain
Mastering: Bob Ludwig
Länge: 7:45

 

High Hopes-Version (2014):
Komposition und Text: Bruce Springsteen
Lead-Gesang: Bruce Springsteen
Background-Gesang: Curtis King, Nils Lofgren, Cindy Mizelle, Tom Morello, Patti Scialfa, Soozie Tyrell, Steven Van Zandt
Gitarren: Ron Aniello, Bruce Springsteen, Steven Van Zandt
Lead-Gitarre: Tom Morello
Bass: Ron Aniello
Schlagzeug: Ron Aniello, Max Weinberg
Piano: Roy Bittan
Saxofon: Jake Clemons
Percussion: Ron Aniello, Bruce Springsteen
Orgel: Ron Aniello, Charlie Giordano
Syntheziser: Ron Aniello
Vibraphon: Ron Aniello
Bläser: Barry Danielian, Clark Gayton, Stan Harrison, Ed Manion
Bläser-Arrangement: Scott Tibbs
Produzenten: Ron Aniello, Bruce Springsteen
Aufnahme: Toby Scott
Mixer: Bob Clearmountain
Mastering: Bob Ludwig
Länge: 7.23

Recordings

  • Bruce Springsteen & The E Street Band. “American Skin”. On: American Skin. Columbia Records, 2001, Promo CD.
  • Bruce Springsteen & The E Street Band. “American Skin (41 Shots)”. On: Live in New York City. Columbia Records, 2001, C2K 85490, US (CD/Album).
  • Bruce Springsteen & The E Street Band. “American Skin (41 Shots)”. On: Live in New York City. Columbia Records, 2001, C2D 54071, US (2xDVD).
  • Bruce Springsteen. “American Skin (41 Shots)”. On: The Essential Bruce Springsteen. Columbia Records, COL 513700 9, 2003, Europe (2xCD/Album).
  • Bruce Springsteen. “American Skin (41 Shots)”. On: High Hopes. Columbia Records, 88843015462, 2014, US (CD/Album).
  • Jackson Browne, Tom Morello. “American Skin (41 Shots)”. On: A MusiCares Tribute to Bruce Springsteen . Columbia Records, 88843044719, 2014, US (DVD/Blu-Ray).

References

  • Marsh, Dave. Bruce Springsteen. Hamburg: Edel 2009.
  • Skinner Sawyers, June. Tougher than the Rest: 100 Best Bruce Springsteen Songs. New York: Omnibus Press 2006.
  • Bruce Springsteen, Cultural Studies, and the Runaway American dream. Ed. by Kenneth Womack, Jerry Zolten, Mark Bernhard. Farnham: Ashgate 2012.

About the Author

Analysis written in a course of Prof. Dr. Thomas Krettenauer at the University of Paderborn.
All contributions by Kristian Keuer

Citation

Kristian Keuer: “American Skin (41 Shots) (Bruce Springsteen & The E Street Band)”. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, http://www.songlexikon.de/songs/americanskin, 11/2018.

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