1967
Bob Dylan

All Along the Watchtower

ALL ALONG THE WATCHTOWER ist ein Song aus Bob Dylans achtem Studioalbum John Wesley Harding.

I. Entstehungsgeschichte

ALL ALONG THE WATCHTOWER entstand im Herbst 1967 nach einem einschneidenden Erlebnis in Dylans Biografie. Am 30. Juni 1966 verunglückte er mit dem Motorrad und wurde dabei, wenn auch nicht lebensbedrohlich, so doch schwer verletzt. Anschließend zog er sich in sein Haus nahe Woodstock zurück, brach alle Brücken zur Öffentlichkeit ab und schien eine Zeit lang entschlossen, dem Musikgeschäft und dem enormen Druck, dem er sich als weltweit gefeierter Star inzwischen ausgesetzt sah, für immer den Rücken zu kehren. Dann aber verlängerte er im Sommer 1967 überraschend seinen Vertrag mit Columbia Records und begann im Keller seines Hauses mit der kanadischen Band The Hawks, die ihn schon bei seiner Tournee 1965/66 durch die USA, Australien und Europa begleitet hatte und später als The Band bekannt wurde, wieder zu proben. In diesen, als The Basement Tapes legendär gewordenen Sessions, die sich im Wesentlichen mit amerikanischer Folk und Country Music beschäftigten, fand Dylan zurück zur Musik, so dass er schließlich auch bereit war, wieder ins Studio zu gehen. Den Anstoß dazu hatte Bob Johnston (*1932) gegeben, der als Haus-Produzent von Columbia Records für die Aufnahmen der Dylan-Alben zwischen 1965 und 1970 zuständig war. Er besuchte den Sänger im September 1967 und überredete ihn zu einem neuen Album. Dylan begann eine Reihe von Songs zu schreiben, die sich mit ihrer rätselhaften Symbolik und einer Musiksprache, die an die Einfachheit der Lieder des von Dylan hochverehrten Folksängers Woody Guthrie (1912-1967) angelehnt war, deutlich von seinem früheren Schaffen unterschieden. Dylan stand dabei sichtlich unter dem Einfluss des Todes von Woody Guthrie, der am 3. Oktober 1967 mitten in diesem Neubeginn von Dylan gestorben war.

Die Aufnahmen zu Dylans achtem Studioalbum, John Wesley Harding, begannen am 17. Oktober 1967 in Columbias Studio A in Nashville, Tenn. ALL ALONG THE WATCHTOWER wurde in der zweiten Session am 6. November 1967 in fünf Takes, eingespielt. Die Endfassung ist aus dem dritten und fünften Take montiert. Mit Dylan standen zwei Session-Musiker aus Nashville im Studio, die schon an seinem vorherigem Album, Blonde on Blonde vom Frühjahr 1966, mitgewirkt hatten – Charlie McCoy (*1941) am Bass und Kenneth Buttrey (1945-2004) am Schlagzeug. Das Album erschien am 27. Dezember 1967. ALL ALONG THE WATCHTOWER war die zweite Single-Auskopplung und erschien mit I’ll Be Your Baby Tonight , einem weiteren Song des Albums, auf der B-Seite fast ein Jahr später, am 22. November 1968 und nur in Europa.

II. Kontext

ALL ALONG THE WATCHTOWER erschien mit John Wesley Harding auf dem Höhepunkt der Antivietnamkriegs- und Studentenbewegung und gab mit seinen biblischen Referenzen und der Orientierung am balladesken Stil der Country Music deutlich zu erkennen, dass Dylan sich dem Zeitgeist komplett verweigerte. Während die Beach Boys mit Pet Sounds (1966) und die Beatles mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band Maßstäbe im Ausreizen der klanglichen Möglichkeiten des Studios setzten und die Rockmusik die Genregrenzen sowohl in Richtung Klassik als auch in Richtung außereuropäischer Musik durchbrach, veröffentlichte Dylan ein überaus sparsam instrumentiertes Album, das sowohl musikalisch als auch inhaltlich jeden direkten Zeitbezug vermissen ließ. Und er folgte diesem Weg auch mit dem nächsten Album, Nashville Skyline (1969), das zum Entsetzen vieler seiner Fans ein in Zusammenarbeit mit Johnny Cash entstandenes Country-Album war und damit einem Genre gewidmet war, das als der musikalische Ausdruck des konservativen amerikanischen Patriotismus galt. Für Dylan war es dagegen die Rückeroberung einer musikalischen Vergangenheit, die letztendlich auch die seine war. Doch die einstige Ikone des Protestsongs entzog sich damit dem Sockel, auf den ihn eine Generation junger Amerikaner gestellt hatte. Und sie entzog sich auch der Öffentlichkeit, denn abgesehen von einem Auftritt bei einem Gedenkkonzert zu Ehren Woody Guthries im Januar 1968 dauerte es bis 1974, dass Dylan sich nach dann siebjähriger Abstinenz wieder live auf der Bühne der Öffentlichkeit stellte. Vor allem aber behauptet Dylan mit der Wende zur subjektiven Innerlichkeit und der Rückbesinnung auf die musikalischen Traditionen seines Landes seine künstlerische Autonomie und leistete damit einen nicht unerheblichen Beitrag dazu, dass aus der Popmusik eine eigenständige zeitgenössische Kunstform werden konnte, nur dass das von den Zeitgenossen so nicht gesehen wurde.

III. Analyse

ALL ALONG THE WATCHTOWER ist auf den ersten Blick eine Folkballade im traditionellen Stil, musikalisch reduziert auf das pure Minimum. Die drei achtzeiligen Strophen sind auf zweitaktige musikalische Phrasen verteilt, die immer dieselben drei Akkorde (cis-Moll – H-Dur – A-Dur – cis-Moll) zyklisch wiederholen – ein Takt gesungen, ein Takt instrumental. Den sechzehntaktigen Strophen folgen jeweils achttaktige Mundharmonika-Zwischenspiele, die die Funktion des Refrains übernehmen und auch als Intro und Outro dem Song voran- bzw. nachgestellt sind. Die instrumentale Begleitung besteht aus Dylans Akustikgitarre mit den Begleitakkorden, einer in halben Noten punktierten Vierteln und Achteln auf- und absteigenden Bassfigur, die die Eins und Drei im Takt betont. Sie ist von der Kick-Drum rhythmisch gedoppelt, während die Snare-Drum die Achtel mit einer Afterbeat-Betonung (Betonung auf dem “und” der Zählzeit) durchspielt. Lediglich die Phrasenenden sind jeweils mit einem Wirbel markiert. Der Zirkularität, die von der Akkordfolge wie der Bassfigur ausgeht, korrespondiert auch die Melodik, die auf einer pentatonischen Leiter basiert (C♯-E-F♯-G♯-H) und in Sekundschritten um die Terz (D♯-E-D♯) und die Quinte (F♯-E-F♯) pendelt.

Über diese strikte Matrix aus metrisch-rhythmischen, harmonischen, melodischen und formalen Elementen ist eine zweite stilistische Ebene gelegt, die sich insbesondere an Dylans Stimme festmachen lässt. Er singt diesen Song nämlich mit deutlichen Anklängen an den Missisippi-Blues, der durch die Wiederentdeckung des Bluesmusikers Robert Johnson (1911-1938) Anfang der 1960er Jahre zu einer wichtigen Inspirationsquelle für die Rockmusik wurde. Dylans deklamatorischer Intonationsstil hat jedenfalls hier, wie auch in früheren Aufnahmen schon, eine frappierende Ähnlichkeit mit Robert Johnsons Gesangsstil. Gleiches gilt für die Mundharmonika-Zwischenspiele, die ein ausgeprägtes Blues-Feeling aufweisen. Aber auch auf der formalen Makro- wie Mikroebene sind Anleihen beim Blues erkennbar. Auf beiden Ebenen ist der Song von dem Call-and-Response-Prinzip des afroamerikanischen Blues durchzogen. Die zweitaktigen Phrasen, aus denen die Strophen zusammengesetzt sind, bilden mit dem gesungenen ersten Takt und dem von der Gitarre aufgenommenem zweiten Takt ebenso ein Call-and Response-Muster wie die Strophen und die nachfolgenden Mundharmoika-Zwischenspiele. Der Song oszillierte zwischen traditioneller Folkballade und Blues und von dieser Oszillation geht eine zwingende Wirkung aus.

Auch der Text ist von einer eigenwilligen stilistischen Ambivalenz geprägt. Er folgt mit dem Reimschema abcb und der Erzählung in der dritten Person sowie der dramatisierenden dialogischen Eröffnungssequenz “There must be some way out of here’ / Said the joker to the thief” dem klassischen Aufbau der Folkballade. Die beiden Figuren, an denen Dylan das dialogische Gerüst festmacht, der Spaßvogel und der Dieb, sind Außenseiter, die sich dem Zeitgeist widersetzen (There’s too much confusion / I can’t get no relief). Die dritte Strophe verlässt dann aber diese Erzählebene, um aus der Perspektive des Erzählers das Geschehen mit düsteren Worten zu kommentieren (Outside in the distance / A wildcat did growl / Two riders were approaching / The wind began to howl). Das dialogische Element wird im Verlauf des Textes immer nur andeutungsweise fortgeführt und geht dann in Sprachbilder voller Mystik und Rätselhaftigkeit über (All along the watchtower / Princes kept the view). Mit dem Bild der beiden sich nähernden Reiter erhält der Text dann einen apokalyptischen Zug, der von der traditionellen Erzählhaltung des Anfangs denkbar weit entfernt ist. Dylan selbst nannte als Grundmotiv für das gesamte Album das Thema “Angst”: “John Wesley Harding was a fearful album, just dealing with fear, but dealing with the devil in a fearful way.” (zit. n. Cott 1968, 60) Diese Erklärung liefert auch den Schlüssel zu ALL ALONG THE WATCHTOWER: Die fast hypnotische Wirkung, die von der Musik ausgeht, die wortkargen und rätselhaften Sprachbilder und die eisigen Harmonikaphrasen, mit denen der Song ausklingt, verkörpern ein Gefühl der Angst, wie es sich nur selten in der Popmusik findet.

IV. Rezeption

Als ALL ALONG THE WATCHTOWER im November 1968 erschien, fand er ein mehr als verhaltenes Echo. Ohnehin hatte Dylans Plattenfirma dieser zweiten Single-Auskopplung aus John Wesley Harding nur auf dem europäischen Markt eine Chance eingeräumt. Die Single erreichte jedoch weder die Charts noch fand er bei den Kommentatoren einen nennenswerten Widerhall. Auch Dylan selbst rührte den Song bis zum Januar 1974 nicht mehr an. Zur Eröffnung seiner Comeback Tour, der ersten richtiggehenden Tournee nach acht Jahren, spielte er ihn am 3. Januar 1974 in Chicago zum ersten Mal live. Seither hat er nach den Angaben auf seiner Homepage bis Ende 2014 den Song 2252 Mal gespielt, womit ALL ALONG THE WATCHTOWER der mit Abstand am häufigsten von ihm live aufgeführte Song ist. Er fehlt seitdem auch auf fast keiner der zahlreichen Kompilationsalben mehr, die mit Dylans Songs erschienen sind. Ab 1974 sind auch mehrere Live-Versionen erschienen, die sich von der Studiofassung insofern markant unterschieden, als Dylan hier die erste Strophe am Ende noch einmal wiederholt, was dem Song ein versöhnlicheres Ende gibt. Zudem unterscheiden sich die Live-Versionen zum Teil erheblich voneinander, zumal Dylan als Referenz an Jimi Hendrix häufig auf dessen Version zurückgeht. Aber auch seine eigene hat über die Jahre sehr markante Wandlungen durchlaufen, einerseits von ihm in einem Tempo vorgetragen, die sie kaum wiedererkennbar macht, andererseits ohne das charakteristische Bluesfeeling, was die mystischen Sprachbilder in einem noch fahleren Licht erscheinen lässt.

Dass die Single-Auskopplung von ALL ALONG THE WATCHTOWER so auffällig resonanzlos blieb, war maßgeblich darauf zurückzuführen, dass das Original von einer immens populär gewordenen Cover-Version in den Schatten gestellt wurde. Jimi Hendrix (1942-1970) ist Anfang 1968 auf Dylans Album aufmerksam geworden und war von ALL ALONG THE WATCHTOWER derart fasziniert, dass er sofort mit der Aufnahme einer eigenen Version begann. Die ist über mehrere Monate hinweg immer wieder verändert worden und die Endfassung dann in Hendrix’ drittem und letztem Studioalbum Electric Ladyland (1968) integriert worden. Die Single-Auskopplung seiner Version erschien am 21. September 1968 und erreichte Platz 5 in den britischen und Platz 20 in den US Charts. Der Song war dadurch in der Öffentlichkeit eher mit dem Namen von Jimi Hendrix als mit dem von Bob Dylan verbunden. Dylan selbst zollt bei der Live-Aufführung dieses Songs stets auch Jimi Hendrix seinen Tribut.

Jimi Hendrix’ Aufnahme war nicht die erste Cover-Version, die erschien. Schon im März 1968 brachte die britische Beatgruppe The Nashville Teens eine Version des Songs heraus, der jedoch der kommerzielle Erfolg völlig versagt blieb. Auch Dave Mason, der an Hendrix’ Version als Gitarrist (Akustik-Gitarre) mitgewirkt hatte, nahm 1974 eine eigene Version des Songs auf. Von den zahllosen Cover-Versionen, die über die Jahre entstanden sind – die meisten an der Hendrix-Version orientiert – ist insbesondere die Live-Version von U2 erwähnenswert, die sie in den 1980er Jahren in ihrem Repertoire hatten, erschienen auf dem Live-Doppelalbum Rattle and Hum (1988).

PETER WICKE


Credits

Komposition, Arrangement, Text: Bob Dylan
Gesang, Gitarre, Harmonika, Piano, Keyboards: Bob Dylan
Bassgitarre: Kenneth A. Buttrey
Toningenieur: Charlie Bragg
Produktion: Bob Johnston

Recordings

  • Bob Dylan. “All Along the Watchtower” / “I’ll Be Your Baby Tonight”, 1968, Columbia CBS, 3872, NL/GER (Vinyl-7”/Single).
  • Bob Dylan. “All Along the Watchtower” (live), Before the Flood, 1974, Asylum Records, AB 201, US (2xVinyl/LP/Album).
  • Bob Dylan. “All Along the Watchtower” (live), Bob Dylan At Budokan, 1979, Columbia, PC2 36067, US (2xVinyl/LP/Album).
  • Bob Dylan. “All Along the Watchtower” (live), Dylan & The Dead, 1989, Columbia, CK 45056, US (CD/Album).
  • Bob Dylan. “All Along the Watchtower” (live), MTV Unplugged, 1995, Columbia, CK 67000, US (CD/Album).
  • Bob Dylan. “All Along the Watchtower” (Remastered), John Wesley Harding, 2003, Columbia, CH 90320, US (SACD/Album).

Covers

  • Jimi Hendrix Experience. “All Along The Watchtower” / “Burning of the Midnight Lamp”, 1968, Reprise Records, 0767, US ‎(Vinyl-7″/Single).
  • The Nashville Teens. “All Along The Watchtower” / “Sun-Dog”, 1968, Decca, F12754, UK (Vinyl-7”/Promo).
  • Dave Mason. “All Along the Watchtower”, Dave Mason, 1974, Columbia, PC 33096, US (Vinyl/LP/Album).
  • U2. “All Along the Watchtower”, Rattle and Hum, 1988, Island Records, U27, UK (2xVinyl/LP/Album).
  • Neil Young. “All Along the Watchtower”, Various, Bob Dylan – The 30th Anniversary Concert Celebration, 1993, Columbia, C2K 53230, US (2xCD).
  • Chris de Burgh. “All Along the Watchtower”, Footsteps, 2008, Ferryman Productions, 5051865-1930-2-9, EU (CD/Album).
  • Francis Cabrel. “D’En Haut De La Tour Du Guet (All Along The Watchtower)”, Vise Le Ciel Ou Bob Dylan Revisité, 2012, Chandelle Productions, MQMCD-2451, CA (CD/Album)

References

  • Benzinger, Olaf: Bob Dylan. Die Geschichte seiner Musik. München: Deutscher Taschenbuchverlag 2011, 108-119.
  • Cott, Jonathan: Bob Dylan: The Rolling Stone Interview, Part II. In: Rolling Stone, 16. November 1978, 58-60.
  • Dylan, Bob: Lyrics: 1962-2001. New York: Simon & Schuster 2006.
  • Gray, Michel: The Bob Dylan Encyclopedia. London, New York u.a.: Bloomsbury 2008, 70 ff.
  • Kniola, Nick: The Singles of Bob Dylan. North Charleston, SC: CreateSpace 2012.
  • Marqusee, Mike: Chimes of Freedom: The Politics of Bob Dylan’s Art. New York, London: The New Press 2003.

Links

  • Bob Dylan. All Along the Watchtower (live): https://www.youtube.com/watch?v=YuGkMu751K8, [17.02.2016].
  • Bob Dylan. All Along the Watchtower (Woodstock 1994): ttps://www.youtube.com/watch?v=TYJN79ePvhI, [17.02.2016].

About the Author

Prof. Dr. Peter Wicke teaches theory and history of popular music and is director of the Center for Popular Music Research at the Humboldt University Berlin.
All contributions by Peter Wicke

Citation

Peter Wicke: “All Along the Watchtower (Bob Dylan)”. In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, http://www.songlexikon.de/songs/watchtowerdylan, 01/2016 [revised 02/2016].

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